Korkmaz: »Es geht auch anders!«

cache/images/article_1231_korkmaz_140.jpg Ümit Korkmaz hatte in seiner ersten Saison bei Eintracht Frankfurt mit argem Verletzungspech zu kämpfen. Im Saisonfinale überzeugte er aber mit guten Leistungen und schoss auch ein Tor. Für das FairPlay-Jugendmagazin sprach der türkischstämmige Wiener mit dem ballesterer über seinen Umgang mit Rassismus, die Frankfurter Fans und die Qualität der deutschen Bundesliga.
Emanuel Van den Nest | 04.06.2009
ballesterer: Stößt du in deinem Alltag, sei es im Verein oder privat, auf Rassismus?
Ümit Korkmaz: Ab und zu einmal, ja. Aber nicht in dem Ausmaß, dass ich mich aufregen müsste. Es passiert hin und wieder bei Fußballspielen oder privat, dass der eine oder andere seine Wut und Aggression herauslässt. Aber ich halte nichts davon.
Wie gehst du damit um?
Ich denke mir nichts dabei. Ich zeige es ihm halt mit anderen Mitteln. Indem ich gut Fußball spiele oder indem ich mich normal verhalte. Man hört so etwas natürlich nicht gern, aber das ist für mich kein Grund mich mit jemandem anzulegen. Ich lasse solche Personen einfach links liegen.

Wie war es für dich als Migranten-Kind in Wien aufzuwachsen?

Ich habe in einem Viertel mit vielen Ausländern gelebt und den Rassismus nicht so sehr zu spüren bekommen. Manchmal aber wurde ich beim Fußballspiel damit konfrontiert. (Zum Thema: Ballesterer #27: Migration)
Hat sich die Situation als du Profi und populär geworden bist verändert?

Ja, ab dem Zeitpunkt, wo ich bei Rapid gespielt habe, habe ich das nicht mehr zu hören bekommen. Vielleicht auch dadurch, dass genau diese Menschen dann Achtung vor dir haben, weil aus dir etwas geworden ist.

Wie war die Integration bei Rapid und bei Eintracht Frankfurt?

Also bei Rapid war es ganz easy, genauso bei der Eintracht. Ich habe auch andere Auslandskollegen hier. Einige Griechen, auch ein Tscheche ist da. Bei beiden Vereinen wurde ich gut aufgenommen, da gab es keine Probleme.

Gibt es Unterschiede zwischen Wien und Frankfurt bezüglich Rassismus und Integration?

Ehrlich gesagt habe ich in Frankfurt nichts Schlimmes mitbekommen. Aber ich habe auch gehört, dass hier 25 Prozent Ausländer sind und die Deutschen gut mit Ausländern umgehen. Mich hat man ebenso akzeptiert.

Du hast dich im letzten Nationalratswahlkampf für die SPÖ stark gemacht. Wie kam es dazu?
Man hat mich halt gefragt. Ich wusste nicht, dass es so deutlich in die Öffentlichkeit dringen würde. Aber ich habe das gemacht, das war meine Entscheidung und entsprach meiner Sichtweise. Ich habe sowohl meine Meinung als auch die meiner Familie eingebracht und positives Feedback dafür bekommen. Das war toll.

Und welche Botschaft wolltest du damit hinterlassen?
Sagen, was für meine Familie das Beste ist. Wir wählen seit Jahren SPÖ. Und es ist eine Tatsache, dass sie sich für die Landsleute und Menschen anderer Nationalitäten einsetzt.

Gibt es noch etwas, dass dir hinsichtlich Rassismus besonders am Herzen liegt?
Ich würde Menschen, die rassistische Aussagen tätigen, auffordern, das ruhig zu unterlassen. Es geht auch anders!

Du hast vor kurzem dein erstes Tor für Eintracht Frankfurt geschossen, bist du jetzt nach den vielen Verletzungen endgültig angekommen?

Es war sehr positiv für meine Motivation, dass ich das Tor gemacht habe. Ich war zweimal schwer verletzt und es ist auf jeden Fall sehr gut für mich. Ich hab es genossen.

Deine klassischen Flankenläufe wie bei Rapid sieht man in der deutschen Bundesliga weniger. Liegt das am Spielsystem?
Nein, das System kommt mir gelegen. Nur war ich lange Zeit verletzt und bin nicht wirklich zum Spielen gekommen. Manchmal hat man gesehen, dass ich schon gut drauf war. Ich habe auch zwei Vorlagen geliefert. Nächste Saison wird es besser sein, weil ich diesmal eine Vorbereitung haben werde. Es war für mich schwierig, die Vorbereitung zweimal zu verpassen, das nimmt einem die Kraft.

Wo liegen deiner Meinung nach die größten Unterschiede zwischen dem deutschen und dem österreichischen Fußball?
In der deutschen Liga gibt es mehr Qualität, bessere und größere Mannschaften. Und wir haben bei fast jedem Heimspiel ein mit 50.000 Zuschauern ausverkauftes Stadion. Das Spiel selbst ist schneller und es gibt individuell sehr starke Spieler.

Die Eintracht war letzte Saison im oberen Mittelfeld der Tabelle. Warum seid ihr dieses Jahr fast noch in Abstiegsnöte geraten?
Es ist klar, dass ich mit der Eintracht weiter oben spielen will. Wir haben eine schlechte Saison hinter uns, aber das war ausreichend für den Klassenerhalt. Wir hatten viele Verletzte, unser Kapitän ist jetzt wieder zurückgekommen. Wir haben die Liga gehalten und nächstes Jahr wird es sicherlich besser.

Wie haben dich die Fans in Frankfurt aufgenommen?
Es ist eine Freude vor so vielen Leuten zu spielen. Es war am Anfang etwas komisch: man befindet sich im Hexenkessel und alle schauen auf einen herunter. Aber ich habe mich daran gewöhnt und genieße es.

Gibt es auch Ümit-Rufe wie bei Rapid?
Ja, ab und zu.
Und welche Kurve ist lauter: Frankfurt oder Rapids Block West?
Beide sind gut, beide sind sehr stark. Laut Statistik ist die Frankfurter Fanszene unter den Top fünf in Deutschland. Wir sind also sehr gut dabei. Von der Stimmung her ist hier immer etwas los.
Download-PDF des gesamten FairPlay-Jugendmagazins


Referenzen:

Rubrik: Aktuell
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