»Krankl hat sich nur an Toren gemessen«

cache/images/article_1580_58weber_140.jpg Heribert Weber und Hans Krankl waren die Pole der erfolgreichen Rapid-Mannschaft der 1980er Jahre. Im Interview erzählt Weber vom schwierigen Verhältnis zwischen den beiden Rivalen um die Kapitänsschleife und erklärt, warum Krankl auch nach Kantersiegen angefressen sein konnte und es trotzdem ein Genuss war, ihm zuzuschauen.
ballesterer: Sie haben bei Rapid und im Nationalteam lang Zeit mit Hans Krankl zusammengespielt. Wie war ihr Verhältnis?
Heribert Weber: Schwierig. Wir haben beide polarisiert. Krankl war ein Stürmer, der sich nur an seinen Toren gemessen hat. Er war ein Einzelkämpfer und hat versucht, die Mannschaft dazu zu bringen, ihn zu forcieren. Das ist aber nicht die einzige Aufgabe einer Mannschaft. Seine Tore haben den Erfolg nicht garantiert. Bevor er zu Barcelona gegangen ist, ist er dreimal Torschützenkönig geworden, aber Rapid war nie Meister. Das hat sich in den 80ern geändert, obwohl er nicht mehr ganz so viele Tore geschossen hat. Vorher sind alle Aktionen über ihn gelaufen. Wenn er kein Tor gemacht hatte, hat Rapid auch keines gemacht. Später ist die Offensive dann von mehreren Schultern getragen und dadurch unberechenbarer geworden.
Hat er sich nach seiner Ära in Barcelona verändert?
Da er an seinen Toren gemessen wurde, ist es ihm schwer gefallen, sich zu verändern. Der öffentliche Druck hat ihn dazu verleitet, das Tor lieber selbst zu schießen, als es aufzulegen. Er war immer angefressen, wenn er keines geschossen hatte. Einmal haben wir 7:1 gegen den LASK gewonnen und er war verärgert, weil er nicht unter den Torschützen gewesen ist. Er hat uns dann vorgeworfen, dass wir ihn nicht forciert hätten. Ich habe das nicht verstanden. Aus seiner Position war es aber verständlich, weil die Leute das von ihm erwartet haben.

Im Interview mit dem ballesterer hat sich Krankl auch von einer anderen Seite gezeigt, andere Spieler herausgestrichen und sich selbst zurückgenommen.
Er braucht sich nicht zurücknehmen, er war zu seiner Zeit einer der besten Stürmer der Welt. Er hat Spiele im Alleingang entscheiden und war deswegen sehr wichtig für uns. Die Kombination aus einer kompakter Mannschaft und seiner Forcierung war entscheidend für den Erfolg Rapids in den 80er Jahren. Krankl musste aber erkennen, dass man als Stürmer kein Tor schießen und die Mannschaft trotzdem erfolgreich sein kann. Das hat er bald eingesehen.

Die Rivalität von damals ist also ad acta gelegt?
Es war ja keine Rivalität, wir hatten nur unterschiedliche Ansprüche. Für mich war es wichtig, dass die Mannschaft erfolgreich ist, für ihn, dass Hans Krankl gut wegkommt. Privat haben wir nicht viel miteinander zu tun gehabt. Auf dem Platz haben wir uns aber trotz der Meinungsverschiedenheiten gut verstanden. Wenn mich jemand gefoult hat, war der Hans der Erste, der mich geschützt hat. Umgekehrt genauso. Im Nachhinein sieht man das sowieso aus einem anderen Blickwinkel. Heute haben wir ein freundschaftliches Verhältnis und unterhalten uns gut, wenn wir über alte Zeiten reden.

Hans Krankl hat erzählt, dass sich die Spieler unter Otto Baric selbst so manches Match »gerichtet« hätten. Wie hat das genau ausgesehen?
Ich habe mit dem Trainer viele Diskussionen über Taktik geführt. Nach den Besprechungen haben nicht nur wir zwei, sondern auch andere Spieler darüber geredet, wie wir uns am Platz organisieren sollen. Otto Barics Stärke war, dass er selbstständigen Spielern viele Freiheiten gelassen hat. Er hat uns sogar gratuliert, wenn wir während des Spiels die Taktik verändert haben, und das funktioniert hat. Er hat uns in unserem Verhalten bestärkt und versucht, die Eigenständigkeit zu forcieren. Das hat zur Entwicklung einiger Spielerpersönlichkeiten beigetragen. Baric war ein großartiger Psychologe. Er hat jeden Spieler gut gekannt und gewusst, wie er ihn führen muss. Er hat den Fußball den ganzen Tag gelebt, ständig darüber geredet und gut zu unserem Team gepasst.
Was hat ihn von einem Stürmertyp Toni Polster unterschieden?
Man sollte Hans Krankl und Toni Polster nicht vergleichen, beide waren einzigartig. Hans Krankl war ein ästhetischer Spieler. Polster war ein unangenehmer Gegner, der seinen Körper geschickt eingesetzt hat. Krankl ist den körperlichen Auseinandersetzungen eher ausgewichen.

Beim Meisterschaftsfinale in Eisenstadt 1983 hat Krankl die Rapid-Fans mit einer Krücke bewaffnet vom Platzsturm abgehalten. Wie haben Sie diese Szenen erlebt?
Er hatte das Pech bei beiden Meisterschaftsfinali mit Rapid (1982 und 1983, Anm.) zu fehlen einmal war er gesperrt, das andere Mal verletzt. Ich weiß nicht, ob es an der Euphorie gelegen ist, aber in Eisenstadt hatten Rapid-Fans den Zaun umgetreten und sind plötzlich knapp vor dem Spielfeld gestanden. Der Hans ist dann mit Gipsfuß und Krücken hinübergegangen und hat uns mit seiner Anwesenheit und seinem breiten Körper das Spiel und die Meisterschaft gerettet.
Ein Bild mit Symbolcharakter, das seine große Popularität zeigt.
Für die Fans ist er immer der Topstar gewesen. Seine Spielweise war sehr attraktiv. Er war ein ästhetischer Spieler, dem man gern zugeschaut hat. Seine Art, Tore zu schießen, sein Kopfball, sein linker Fuß, sein Dribbling wenn er gelaufen ist, was ja nicht immer der Fall war. (lacht)

Herbert Prohaska sagt, Krankl habe bei seinen Trainerstationen das Glück gefehlt. Welche Faktoren haben sein Unglück begünstigt?
Ich kann das nicht beurteilen, weil ich nicht weiß, wie Hans Krankl als Trainer gearbeitet hat. Eine gewisse Portion Glück gehört natürlich dazu. Vielleicht waren seine Ziele zu hoch gesteckt. Er wollte Meister werden und hat bei Niederlagen womöglich zu enttäuscht reagiert. Der fehlende Erfolg schmerzt ihn bis heute. Aber anderen großen Fußballer ist es als Trainer genauso gegangen.

Er konnte die Tore dann halt nicht mehr selbst schießen.
Ja, das kommt sicher dazu. Mit Stürmern hatte er aber ein gutes Händchen, wie zuletzt mit Roman Wallner beim LASK.

Wie sehen Sie Hans Krankl als Musiker, haben Sie Platten von ihm?
Nein, aber ich respektiere seine Musik. Er ist einer, der viele Dinge ausprobiert und das gar nicht so schlecht. Ich brauche seine Musik aber gar nicht zu Hause haben, die Lieder laufen ja heute noch im Radio und Fernsehen.

Ist Johann K. als Musiker lockerer als als Fußballer?
Das kann ich nicht sagen, weil ich bei den Aufnahmen nie dabei war. Aber er war auch als Spieler nicht verkrampft. Der Druck auf ihn war enorm groß und es nicht leicht, damit umzugehen. So gesehen war er eh recht locker.

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Rubrik: Aktuell
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