Lästige Bolivianer

cache/images/article_1098_bolivianos_140.png Die Bezeichnung »Bolivianer« ist eine wieder auftretende rassistische Chiffre im argentinischen Fußball. Die jüngste Debatte wurde von einem Schiedsrichter ausgelöst und führte sogar zu diplomatischen Verstimmungen.
Markus Leiter | 04.11.2008
»So singen wir alle! Dass La Boca Trauer trägt! Dass alle scheißschwarz sind! Aus Bolivien und aus Paraguay!« Visuell verstärkt werden die Schlachtgesänge aus dem Sektor der Fans von Independiente durch eine bolivianische Fahne, unter der die Ziffer »12« (span. doce) steht. »La Doce« nennen sich die Ultras der Boca Juniors, die auf diese Weise gedisst werden sollen. Die Episode aus dem Jahr 2002 spielt sich nicht nur bei Partien der Boca-Juniors, sondern auch bei anderen Klubs Woche für Woche in ähnlicher Weise ab.

Manchmal werden auch rassistische Fehltritte unter Spielern auf dem grünen Rasen bekannt, zumeist jedoch ohne größeren Widerhall in der Öffentlichkeit. Für enormes Echo sorgte zuletzt jedoch der Präsident von Gimnasia y Esgrima de Jujuy, Raul Ulloa, als er wutschnaubend seinen Rücktritt erklärte, da er es nicht aushalte, im selben Metier wie der Schiedsrichter Saúl Laverni tätig zu sein. Ulloa, der seinen Schritt später wieder rückgängig machte, sah sein Team durch Laverni benachteiligt und diskriminiert. Laverni, so der Vorwurf des Funktionärs, habe etwas gegen die Provinz Jujuy im Nordwesten Argentiniens an der Grenze zu Bolivien. Im Ablauf der Ereignisse sind zumindest drei Fälle von Rassismus und Xenophobie nachvollziehbar.

Was war geschehen? Während eines Tumults am Rasen beim Heimspiel gegen Argentinos Juniors soll der Referee die Gimnasia-Spieler mit den Worten ermahnt haben: »Hört auf lästig zu sein, ihr Bolivianer!« Nun ist es tatsächlich so, dass im Norden des Landes die Gesichtszüge vieler Bewohner dunkler und indigener sind als etwa im europäisch(er) geprägten Buenos Aires. Die Annahme von innerargentinischer Diskriminierung klingt in diesem Kontext durchaus plausibel (Rassismus 1). Laverni bestreitet allerdings die betreffende Aussage getätigt zu haben.

Die weit größere Diskriminierung erleiden in dem Zitat jedoch ohne Zweifel die Staatsangehörigen des Nachbarlandes Bolivien, da sie als Chiffre für ein Übel - welcher Art auch immer - herhalten sollen. Vergleichbare Diskurse kommen in der argentinischen Einwanderungsgesellschaft immer wieder auch mit den Nationalitätsbezeichnungen »Peruaner« und Paraguayaner vor. Gimnasia-Präsident Ulloa, der sich empört, dass seine Spieler »als Bolivianer behandelt« worden seien, affirmiert und verstärkt durch die Heftigkeit seiner Reaktion die von Laverni ins Spiel gebrachte Negativität des Wortes »Bolivianer« (Rassismus 2). Manche Medien gaben den Vorfall in der Folge lapidar wieder, ohne auch nur im Ansatz auf das rassistisch-diskriminierende Moment in den Aussagen hinzuweisen (Rassismus 3), während andere sich eingehend mit dem Thema befassten.

Die Geschehnisse zogen auch Folgen auf dem politischen Parkett nach sich. Die bolivianische Regierung protestierte offiziell beim argentinischen Fußballverband AFA und forderte Initiativen gegen Diskriminierung von Bolivianern im und durch den argentinischen Fußball. Der argentinische Verbandspräsident Julio Grondona sicherte solche bei einem Treffen mit der bolivianischen Botschafterin in Buenos Aires zu.

 

Vielleicht kann aber auch der Fußball selbst ein zur Bereinigung der Ressentiments beitragen. Einen diesbezüglichen Vorschlag präsentierte die Vorsitzende des staatlichen Instituts gegen Diskriminierung, Xenophobie und Rassismus (INADI), María José Lubertino. Sie schlug ein Antirassismus-Spiel zwischen argentinischen und bolivianischen Fußballern vor. Geleitet sollte die Partie ihrer Ansicht nach vom vermeintlichen Auslöser des Falls werden: dem Schiedsrichter Saúl Laverni.

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Rubrik: Aktuell
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