Last Exit Vietnam

cache/images/article_1234_denilson_140.jpg Denilson kickt neuerdings für den vietnamesischen Erstligisten Xi Mang Haiphong. Dass es den einst teuersten Fußballer der Welt ausgerechnet zu Alfred Riedls Ex-Klub verschlagen hat, ist nur vordergründig eine Überraschung.
Robert Florencio | 08.06.2009
Denilson de Oliveira Araujo. Schon vergessen? Ist ja auch schon ein bisschen länger her, dass dieser Mann für Schlagzeilen gesorgt hat. Er nennt sich stolz Weltmeister, ist 2002 in Korea und Japan in fünf Spielen in den letzten 15 bis 20 Minuten eingewechselt worden und war der Mann, der im Finale mit seiner Einwechslung in der 90. Minute den verdienten Sonderapplaus für Ronaldo ermöglichte. Vor allem aber sorgte der Flügelspieler vor mittlerweile elf Jahren mit der damalige Weltrekordtransfersumme von 31,5 Millionen Euro für Aufsehen, die für seinen Wechsel vom FC São Paulo zu Betis Sevilla anfiel. Gleich ein Zehnjahresvertrag sollte den Verein in Zeiten als das Bosman-Urteil noch recht frisch war ein goldenes Geschäft machen lassen.

Blöderweise verabschiedete sich Betis nur ein Jahr später schon in die Segunda División und Denilson machte einen kurzen Abstecher in die Heimat zu Flamengo. Doch auch seine erneute Rückkehr nach Spanien war nicht von Erfolg gekrönt, seine Abwanderung zu Bordeaux sollte ein Neustart sein. Doch überhöhte Gagenforderungen ließen die Franzosen von einer Weiterverpflichtung absehen. Saudiarabien erschien ihm der richtige Ort zumindest finanziell doch nach nur zwölf Spielen war dort auch Schluss und es ging für eine halbe Saison in die MLS nach Dallas. Aber auch dort war man von Denilsons Leistungen nicht sehr angetan, somit kehrt er in die Heimat zurück, wo ihn ab Jänner 2008 ein einjähriger, leistungsbezogener Vertrag beim FC Palmeiras unter Coach Vanderlei Luxemburgo erwartete. Kurzresümmee: Auch hier gelang kein Durchbruch mehr, ein Probetraining zu Beginn dieses Jahres beim Premier League Klub Bolton Wanderers beeindruckte ebenfalls keinen der Verantwortlichen.

Somit blieb nur mehr der drittklassige Verein Itumbiara RC im agrarisch geprägten Bundesland Goiás übrig, wo er sich das für seine Verhältnisse spärliche Salair maximal durch Naturalien als Draufgabe verbessern konnte. Und so würde Denilson wohl bis ans Ende seiner ballesterischen Laufbahn dort mit Fuchs und Hase sich die Nacht um die Ohren schlagen, hätte nicht auf der anderen Seite der Erdhalbkugel ein gewisser Mr. Le Van Thanh, seines Zeichens Präsident einer Zementfabrik und des lokalen Fusballvereins Xi Mang im vietnamesischen Haiphong Lunte gerochen.

Nachdem der Verein nach dem zweiten Platz in  der letztjährigen Saison der V-League mit Meisterambitionen in die diesjährige Meisterschaft gestartet war, sollte es diese Saison alles andere als rund laufen. Trotz des Engagements von fünf brasilianischen Spielern und der Verpflichtung des ehemaligen österreichischen und vietnamesischen Teamchefs Alfred Riedl wollte sich kein rascher Erfolg einstellen. Reibereien zwischen Trainer, Mannschaft und Funktionären sorgten für eine angespannte Atmosphäre, die mit der Entlassung Riedls Anfang März nach nur drei Spielen (zwei Niederlagen, ein Sieg) ihren ersten Höhepunkt fand.

Der beliebte vietnamesische Coach Vuong Tien Dung übernahm Riedls Part, doch die erwartete Wende wollte sich nicht einstellen. Der Klub verlor zunächst die ersten zwei Spiele unter seiner Patronanz und rutschte ans Tabellenende ab. Erst danach gelang eine schrittweise Erholung und der Klub stand zur Halbzeit der 14er-Liga auf Platz sechs.
 
Woher kommt jedoch diese besondere Präferenz für brasilianische Spieler in diesem sowohl fußballerischen als auch wirtschaftlichen Entwicklungsland? Mit der Verpflichtung Denilsons, dem hochkarätigsten Legionär, der vom Namen her in Vietnam jemals gespielt hat, ist zweifelsohne ein neuer Höhepunkt in dieser noch recht kurzen Legionärsgeschichte erreicht worden.

Wenn man bedenkt, dass die beiden Länder über die längste Zeit ihrer Geschichte herzlich wenig voneinander wissen wollten, hat sich die Lage nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen vor erst zwanzig Jahren gehörig geändert. Auf dem Kaffeemarkt als Nummer eins und zwei der größten Exporteure einerseits Rivalen, andererseits mittlerweile aber auch Partner im Kampf um stabilere Preise, läuft der Austausch im Fußball logischerweise nur in eine Richtung: Vietnamesen bewundern den brasilianischen Spielstil, der ihnen so exotisch fremd ist und wollen sich einen Hauch von Luxus leisten. Der Verein mit den meisten Brasilianern besitzt Prestige, weil es sich nur ein reicher Klub leisten kann, diese vergleichsweise teuren Spieler zu bezahlen.

Der Verein Matsubara, der in der Liga des brasilianischen Bundeslandes Parana eine sehr bescheidene Rolle in der »Schutzliga« einnehmen dürfte, näheres ist nicht zu erfahren, weil die Website des Vereins sicherheitshalber aufgelassen wurde, entdeckte vor fünf Jahren eine Marktlücke, die sich noch als wahre Goldgrube erweisen sollte. Die Vietnamesen wollen brasilianische Legionäre: Schnell findet man ein lokales Vorbereitungsturnier, das als Schaubühne dienen soll. Man setzt ein paar Spieler, die mit ihrer Karriere schon mehr oder weniger abgeschlossen haben oder sie hier erst starten wollen, ins Flugzeug, füllt die Business-Class mit einigen Herren Beratern, und macht sich auf die lange Reise nach Südostasien.

Noch nie wurden Reisekosten derartig schnell amortisiert. Die Brasilianer zaubern ein bisschen am Rasen, die Klubpräsis auf der Tribüne sind fasziniert. Die Lage muss ähnlich einer Brautschau unter Supermodels sein. Die Präsis verzücken und zanken sich um die ganze Mannschaft. So was hat man schließlich noch nie gesehen, die vermeintlichen Erlöser von all ihren Problemen sind endlich eingetroffen.

Am Ende der ersten solchen Veranstaltung im Jahr 2004 durften 18 von 22 Teilnehmern gleich im Land von Onkel Ho bleiben und fortan Gagen kassieren, von denen sie in Brasilien nur träumen konnten. Im ersten Moment waren alle happy, bald aber zeigte sich: Brasilien fängt mit B an, Vietnam mit V-zwei Buchstaben, die im Alphabet weit auseinanderliegen. Ähnlich weit liegen Mentalitäten und Gegebenheiten bei den Vereinen auseinander. Wenn die Spieler es früher oder später noch erfahren, dann sitzt der Manager schon lang wieder in seinem Büro in Curitiba, Belo Horizonte oder São Paulo und ist zu intensiv mit dem Geldzählen beschäftigt, als dass er noch auf das SOS seiner Schützlinge reagieren mag....

Vietnam nimmt 2008 den fünften Platz in Asien beim Import brasilianischer Spieler ein,  zwischen 2003 und 2008 wechseln insgesamt 105 brasilianische Spieler dorthin, 39 stammen aus dem Matsubara-Stall. Der CBF bedankte sich für die guten Geschäftsbeziehungen und schickte am 1. August vergangenen Jahres seine Olympiaauswahl zu einem Vorbereitungsspiel nach Vietnam, drei Monate später schickte er als Draufgabe nochmals ein Legendenteam der WM 94, das sich wiederum dem vietnamesischen Olympiateam annahm. Ende November kam dann wieder Matsubara, und die Manager spitzten wieder ihre Bleistifte und nahmen die Rechnerfunktion ihrer Handys in Anspruch....

Auch für Denilson gibt es in Vietnam einiges zu verdienen. Auf  50.000 US-Dollar schätzen lokale Medien seinen monatlichen Verdienst für das halbe Jahr Vertrag bis Saisonende. Das ist in etwa das Vierfache, was seine anderen brasilianischen Landsleute verdienen, und zwölf Mal so viel, was die vietnamesischen Kollegen im Schnitt bekommen. Kein Wunder, dass Denilson bei seiner Vorstellung vor den begeisterten Fans gleich in die Mikrofone der anwesenden Journalisten diktierte: »Ich weiß nichts vom Land und vom Fußball in Vietnam, aber ich möchte lange hier bleiben...«

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Rubrik: Aktuell
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