Latino-Songcontest um den Finaleinzug

cache/images/article_1690_mexiko_140.jpg U20-WM Brasiliens Teamchef Ney Franco hat vor dem Halbfinale gegen Mexiko nicht zur Gitarre gegriffen - dafür ist er zu angespannt. In weiteren Nebenrollen vor dem Showdown in Pereira: ein Publizistikstudent mit Ahnung vom österreichischen Kick und eine Lokalzeitung mit Liebe fürs taktische Detail.
Robert Florencio | 17.08.2011
Zum bevorstehenden Semifinale in der Nacht auf Donnerstag hat sich der ballesterer-Korrespondent für die Vorschau etwas von den TV-Stationen abgeschaut. Dank moderner Kommunikationsmittel ist man auch als Schreiberling heute in der Lage, Ton- und Videoelemente in seinen Bericht einzufügen. Dadurch dass Brasiliens Trainer Ney Franco eine ausgeprägte Leidenschaft hat, selbst musikalisch aktiv zu werden, lasse ich ihn in einem imaginären musikalischen Wettstreit für sein Land gegen Halbfinalgegner Mexiko antreten. Franco trägt seine Version von »Knocking on Heavens Door« vor, während für Mexiko die dortigen Hitparadenstürmer Los Tigres del Norte in Begleitung der Popsängerin Paulina Rubio mit dem Song »Golpes en el corazon« (Schläge mitten ins Herz) ins Rennen gehen.

Natürlich ist der Vergleich ein wenig unfair, sieht man doch gleich, dass der Amateursänger Franco es bei Youtube lediglich auf 2.029 Aufrufe bringt, während die hochprofessionellen Mexikaner sagenhafte 1.490.871 Klicks schaffen. Die werte Leserschaft möge jedoch selbst entscheiden, wen sie bei diesem imaginären musikalischen Wettstreit bevorzugt oder ob sie beide Darbietungen nicht goutiert und den Contest mit einem torlosen Remis enden lässt.

Jedenfalls waren die Titel dieser beiden Lieder Anlass für meine Frage an Ney Franco bei der Abschlusspressekonferenz: Klopft er geistig schon an der Himmelspforte, sprich der Titeleroberung, an oder fürchtet er mexikanische Stiche ins Herz der »Selecao«? Franco lächelt. Ob er sich freut, dass ich ihn an seine musikalische Leidenschaft erinnere, sei dahin gestellt. Jedenfalls wähnt er sich und sein Team keineswegs schon im Finale. Franco schätzt Mexiko als genauso stark wie Spanien ein, sie hätten ein unberechenbareres System, ein 3-4-3, das er sonst noch von keinem Team bei dieser WM gesehen hätte. Dazu komme die erstaunliche Körpergröße der Mexikaner, die darauf basierende Gefährlichkeit bei ruhenden Bällen und der Vorteil, einen Ruhetag mehr ohne Verlängerung gehabt zu haben.

In Francos Gesicht ist eine gewisse Besorgnis abzulesen, die ich vor dem Spanien-Spiel so nicht bemerkt hatte, wo der Siegeswille aus seinem Antlitz herausblitzte. Erstmals im Turnier geht er auch mit haargenau der gleichen Mannschaft ins nächste Spiel. Wird die kurze Erholungsphase für die ausgepowerten Brasilianer tatsächlich ein Stolperstein? Gestern hatten sie nur eine Einheit im Fitnesscenter.

Mexikos Trainer Juan Carlos Chavez ist ebenfalls ein lustiger Typ, der davon träumt, trotz des Eliminierens der Gastgeber im Viertelfinale genug Pluspunkte gesammelt zu haben, um heute Nacht ausreichend Unterstützung von den Rängen zu erhalten. Mit seiner Geschichte der Hartwürste, die er von einer Wirtin beim Training in einem Vorort von Pereira erhalten hat und die er noch diesen Abend im Hotel verspeisen will, weil sie ihn dermaßen an seine Heimat erinnern, erntet er Sympathien. Auch die mit Kindern aus dem Ort abgehaltene Trainingssession und das anschließende Kickerl zeigen, wie man durch einfache Mittel Sympathien bei der lokalen Bevölkerung gewinnen kann. Mein Eindruck nach beiden Pressekonferenzen ist, dass es ein wesentliches knapperes Spiel wird, als von vielen erwartet. Ein mexikanisches Weiterkommen im Fall eine Verlängerung wäre nicht überraschend.


Beim Rausgehen aus dem Konferenzsaal wird mir ein Zettel in die Hand gedrückt, auf dem die vorläufigen Endplatzierungen der Teams aufscheinen. Österreich nimmt dabei den 22. Platz von 24 Teilnehmern ein, nur knapp vor Mali und den Totalversagern aus Kroatien, die sogar gegen Guatemala verloren haben. Kurz darauf geschieht ein kleines Wunder. Ich lerne ausgerechnet in einer relativ kleinen kolumbianischen Provinzstadt den ein profunden Kenner und Fan des österreichischen Fußballs kennen. Juan Francisco Molina Moncada ist Volunteer bei der WM und Student der Kommunikationswissenschaften. Nachdem er erfährt, woher ich komme, legt er sofort los. Der Gesprächsbogen reicht von Matthias Sindelar und Ernst Happel über Österreichs Auftreten bei der WM in Argentinien bis hin zu aktuellen Fanproblemen mit rechtsradikalen Elementen bei der Austria und dem Platzsturm beim Wiener Derby.  

Juan Francisco betreibt einen Blog, in dem er sich vor allem sehr ausführlich mit seinem Lieblingsverein Real Madrid beschäftigt. Obwohl er sagt, er würde über andere europäische Ligen noch mehr wissen, bin ich entzückt, in so großer Entfernung von der Heimat einen derartigen Experten kennenzulernen. Der Student erzählt mir dann noch von seinem großen Wunsch, Deutsch zu lernen und ein Gastsemester an einer deutschsprachigen Uni zu absolvieren. Sollte also der eine oder andere Unimitarbeiter diese Zeilen lesen, bin ich für Hinweise dankbar, die dem guten Mann dabei helfen könnten, sich in Zeiten eines festungshaft geschlossenen Europas seinen Wunsch zu erfüllen.

Nach Erlebnissen wie diesen, wundere ich mich umso mehr über die Aussagen von Michael Grubinger. Der ÖFB-Teambetreuer und Übersetzer von Andi Heraf hatte im ballesterer-Interview den kolumbianischen Sportreportern die Kompetenz abgesprochen. Nicht in dieses Bild passt auch die Berichterstattung in der lokalen Tageszeitung, die im allgemeinen Teil Wiener Bezirkszeitungsniveau nicht überschreitet, nach dem Ausscheiden Kolumbiens aber eine taktischen Analyse der Positionsverschiebungen sämtlicher Feldspieler bringt, wie es in Österreich gerade einmal bei ballverliebt.eu Usus ist. Man lernt eben nie aus

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
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