Le Con Bendit

In Ballverliebt - die Nacht der Fußball- Kultur, welche ARTE vor kurzem ausgestrahlt hat, gab es Einiges zu sehen. Wobei die Bandbreite der Diskussions- und Film-Beiträge von interessant bis sehr peinlich reichte. Von HANNES GAISBERGER

Daniel Cohn-Bendit ist laut ARTE- Homepage ein "leidenschaftlicher Fußballfan". Das kann schon sein, aber ein guter Diskussionsleiter ist er deswegen noch lange nicht. Er ist zweifelhaft informiert, moderiert Beiträge mit gespielter Emphase an und lässt uns alle spüren, dass ihm der Zeitdruck ordentlich zu schaffen macht. Wenn eine Diskussion interessant zu werden droht, würgt er sie ab, weil er noch eine notierte Halbpointe vom Band lassen muss. Corny Littmann begrüßt er als Präsident des "1. FC St. Pauli", was dieser zwar korrigiert, in Folge aber außer den Hinweisen, dass sein "Pauli" sowieso der coolste aller Vereine ist, wenig Erhellendes zu bieten hat.

Um fair zu bleiben: die Filmbeiträge sind meist sehr gut gemacht, höchst aktuell und thematisch weit gefächert. In "Fans im Kampf gegen den Kommerz" wird die Situation bei Manchester United und in Salzburg geschildert. Am Anfang schleicht sich zwar eine kleine Ungenauigkeit ein (der Abriss von Lehen wird in direkten Zusammenhang mit dem Engagement von Red Bull gebracht), dann kommen aber von Manager Wiebach bis zum Fanverteter Grobovschek alle zu Wort. Man ist Gast bei der Gründungsversammlung der neuen alten Salzbuger Austria, wobei ein interviewter Fan schon so alkoholisiert ist, dass Kracherlkönig Matteschitz wahrscheinlich froh ist, ihn nicht mehr bei seinen Bullen an Bord zu haben.

In Manchester werden die Ursachen, die zur Gründung des FC United of Manchester geführt haben, beleuchtet. Der griechischstämmige Inhaber des Fanshops Red Devils relativiert am Schluss die romantischen Statements zahlreicher FCUM- Anhänger: "Fußball ist ein Geschäft. Entweder man akzeptiert das, oder nicht. Wenn nicht, dann verarscht man sich selbst. Fußball ist ein Geschäft. Ein ganz Großes." Man endet mit der Frage: Kann es großen Fußball ohne große Gefühle geben? Und kann es großen Fußball ohne großes Geld geben? Warten wir ab.

Dann wieder Diskussion: der offensichtlich fußballunkundige Dolmetscher hinkt dem sprachenchangierenden Cohn-Bendit und seinen Gästen hinterher. Neben Platini tritt auch André Heller auf, der ja GOTTSEIDANK künstlerischer Leiter des Kunst- und Kulturprogramms der WM ist. Die Schuld für die Absage der ach - so - tollen Heller-Gala wird den Brasilianern zugeschoben, die vor ihrem ersten Spiel gerne im Stadion trainieren würden. Cohn-Bendit ist über eine derart kulturfeindliche Einstellung empört.

Der Beitrag über den Rassismus im Fußball entschädigt dann wieder für die durchgestandene Pein. Es gibt einen Besuch bei den Irriducibili von Lazio, in deren Vereinsheim Mussolini- Devotionalien prangen und der "Römische Gruß" von Di Canio gern gesehen wird. Als der Lazio-Trainer Rossi bei einer Pressekonferenz auf das heikle Thema angesprochen wird, antwortet er mit: "Mein Gott, sie kommen wahrscheinlich aus Frankreich oder England!" Vernünftigeres kommt von dem aus dem Ballesterer bekannten Carlo Balestri, Capo des Progetto Ultrà, welches u.a. auch die Antirassistische Fußball- WM ausrichtet.

Neben mehreren Beiträgen, die nur mäßig interessant oder schlecht recherchiert waren (zum 1000. mal: Escobar wurde nicht von einem fanatischen Fan, sondern von einem Exekutor der kolumbianischen Wettmafia erschossen!), kommt auch das Thema Homosexualität im Fußball zur Sprache. HSV-Star Van der Vaart zeigt sich als Vertreter der alten Schule und meint, dass es bei der derzeitigen Tabuisierung bleiben soll. Mit einem Schwulen gemeinsam unter die Dusche zu gehen, das ist scheinbar noch lange nicht denkbar. Der Bericht schließt mit dem Tenor, dass man einen großen Spieler braucht, der sich outet, damit etwas in Bewegung kommt. Gleichzeitig ist allen klar, dass das arme Schwein dann durch die Hölle gehen wird.

ARTE hat noch zahlreiche Sendungen und Dokumentationen zum Schwerpunkt Fußball geplant. Beten wir zu Gott (oder wen man eben will), dass sie unmoderiert bleiben.

Referenzen:

Rubrik: Weekender
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