Leipziger Allerlei

Ein Resümee über positive und negative Eindrücke vom WM-Spektakel in der einzigen ostdeutschen WM-Stadt.
Gastautor | 21.06.2006

Der Schauplatz der Völkerschlacht von 1813 zeigte sich während der WM friedlich und von seiner glanzvollsten Seite. "No-Go-Areas" und andere Spielverderber blieben dem WM- und Stadt-Besucher fern. Stattdessen präsentierte sich Leipzig als die Vorzeigestadt des Ostens. Elegante, historische und renovierte Gebäude und Plätze wechseln sich mit zahlreichen kleineren Seitenstraßen ab, in denen sich charismatische Lokale, Clubs und Pubs befinden. Die von der Stadt Leipzig organisierte Fanmeile in der Gottschedtstraße bot den anwesenden Franzosen und Südkoreanern vom Sandstrandfeeling bis zum klassischen Bierausschank mit dazugehörigem Grill (fast) alles. Die Meile inkludierte u. a. zahlreiche (Milch-)Bars, einen Fußmassagenbereich, sowie ein Face- und Bodypainting- Stand und einen Friseur der sich auf Fanfrisuren spezialisierte. Auf der eingerichteten Livebühne durften sich südkoreanische und französische Musiker "probieren" und präsentieren. Unter ihnen auch die junge, französische Streetpunkband "10 Rue d'la Madeleine", die mit Tönen a la "Rage Against The Machine" aufhorchen lies und damit für die alternativste WM- Stimmung sorgte. Das Zentralstadion ist nur 20 Minuten zu Fuß vom Hauptbahnhof entfernt und der Weg dorthin war voll mit Fanartikelständen und auch vereinzelt mit Schwarzmarkthändlern, wo man zum regulären Preis Matchkarten für das Abendspiel Frankreich-Südkorea kaufen konnte und auch kaufte. Der Weg durch die Sicherheitsschleuse zum Zentralstadion war schnell und einfach. Als Herr/Dame "FIFA FIFA" (so der Vor- und Nachname auf dem Ticket) betrat man das offiziell ausverkaufte Stadion, das ein äußerst eindrucksvolles Bild vermittelte.



"Hinsetzen!"

Unter dem bis dahin nicht negativ aufgefallenen Ordnerdienst befand sich ein unguter zwei Meter großer Kerl, der dem hinter den Sitzreihen im 1.Rang stehenden Fußballvolk das Leben schwer machte, obwohl kein einziger Tribünenabgang versperrt wurde. "Ihr habt Eintrittskarte, also müsst ihr auf eure Plätze!", pfiff es aus der "Ost-Schnauze" des Ordners. Zwei Südkoreaner hatten es dem peniblen Hilfs-Sheriff ganz besonders angetan. Diese verfolgte er bis zum nächsten Fanartikelstand und gab den zwei verdutzend Fans durch entsprechende Deutung (Zeigefinger und Mittelfinger Richtung Augen) zu verstehen, dass er sie ganz besonders im Auge behält. Warum diese Schikane? Wohl damit die Fernsehteams volle Ränge zeigen können und die FIFA zu noch mehr Prestige kommt, wie ein anwesender Leipziger Polizist anmerkte. Ein anderer Ordner erlöste uns schließlich von dem pöbelnden Arbeitskollegen und öffnete uns die Pforten zum Südkorea-Block.

"Dae-Han-Min-Kook!"

Absolutes Highlight des Abends waren die Fans aus Südkorea. Tausende Rote aus dem Heimatland, aber auch auch aus Kanada und Australien begleiteten ihre Nationalmannschaft nach Leipzig und sorgten mit Dauergesang, Getrommel und Geklatsche im Takt zu Beethovens 9.Symphonie - auch als "Freude schöner Götterfunken" bekannt - für sehr gute Stimmung. Die französische Gesänge waren mit Ausnahme der Nationalhymne nicht besonders laut und fielen wie der ins Alter gekommene Spielmacher der "Grande Nation" Zinedine Zidane nicht besonders auf. Für "Zizou", wie die Franzosen ihren Weltmeister-Macher von 1998 liebevoll nennen, kann es ein trauriger WM-Abschied für immer werden, da er im letzten Gruppenspiel gesperrt ist und die Franzosen (noch) nicht für das Achtelfinale qualifiziert sind. Das Spiel endete mit einem glücklichen 1:1 für Südkorea, das jedoch zumindest auf den Tribünen die Franzosen klar in die Schranken gewiesen hatte.

Im Nachtzug von Leipzig nach München kam es dann noch zu einem internationalen Tête-á-tête. Es blieb keine Zeit zum Schlafen, denn im Bistrowaggon tranken Deutsche, Engländer (von der BBC), Ecuadorianer, Argentinier, Südkoreaner und Österreicher zwar nicht um die Wette, aber auf das gemeinsame Fußballerlebnis.

Philipp Glanner, Leipzig

Referenzen:

Rubrik: WM-Tagebuch
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