»Leo, bring uns ihre Köpfe«

cache/images/article_912_polen_pres_140.jpg Das mediale deutsch-polnische Säbelrasseln ist vor dem sonntägigen Auftaktspiel der beiden Teams in Klagenfurt in vollem Gang. Da rollen Köpfe und werden Schlachten aus dem 15. Jahrhundert bemüht. Der Springer-Verlag ist an beiden »Fronten« involviert.

Radoslaw Zak | 06.06.2008
Wenn britische Revolverblätter ihren Lesern Hilfestellung anbieten, wen sie bei der EM unterstützen sollen, wird zwangsläufig tief in die Klischeekiste gegriffen. Geht es nach dem »Mirror«, werden vor allem Maurer, Maler und Installateure mit Vorliebe für Würste, Rote Rüben, Wodka und Sauermilch der Beenhakker-Elf die Daumen drücken. Etwas lustiger wird es immerhin bei den Hobbys, die auch das Schauen von Roman-Polanski-Filmen inkludieren.

 

Nicht auszudenken, wie sich die Revolverblätter überschlagen würden, wenn das nicht qualifizierte England anstatt Kroatien in die Gruppe B gelost worden wäre. Als Ersatz tobt stattdessen seit Mitte der Woche der polnisch-deutsche Schlagzeilenkrieg. Der Höhepunkt dürfte noch nicht erreicht sein, denn die Bild-Zeitung hat über die Affronts der polnischen Massenblätter Super Express und Fakt zwar erbost berichtet, doch noch nicht »zurückgeschossen«. In den Augen der polnischen Printmedien, soll sie zuvor das Fass zum Überlaufen gebracht haben, indem sie inakzeptabel über Polen berichtete.

Doch worum geht es genau? Der Super Express zeigte eine Fotomontage mit den abgeschlagenen Köpfen von DFB-Bundestrainer Joachim Löw und Kapitän Michael Ballack in den Händen Beenhakkers, kombiniert mit der Bildunterschrift »Leo, bring uns ihre Köpfe«. Ein Sturm der Entrüstung folgte. Polens Botschafter in Berlin wünschte der Zeitung »alles Schlechte«, die UEFA kritisierte diese Art von Journalismus und auch Gesine Schwan, Kandidatin der SPD für das Bundespräsidentenamt, bezeichnet die Berichterstattung als »nicht förderlich für die gegenseitigen Beziehungen«. Beenhakker entschuldigte sich umgehend und bezeichnete die Macher des Blattes als »verrückte, schmutzige und kranke Leute«. Auch mehrere seriöse Zeitungen stimmten in den Tenor mit ein. Einzig Löw nahm die Debatte mit gewohnter Lässigkeit auf.

Bereits zuvor entgleiste Fakt, die absatzstärkste Tageszeitung Polens, indem sie Beenhakker mit Schwert in einer Ritterrüstung abbildete. Vor ihm kniet Ballack in einem Umhang des Deutsch-Ritter-Ordens und Pickelhaube. Abgerundet wird das Ganze durch den Satz: »Leo - bitte wiederhole Grunwald.« Historisch freilich nicht einwandfrei recherchiert, denn an der Schlacht anno 1410 nahm kein Niederländer teil und Pickelhauben kamen auch erst ein paar hundert Jahre später in Mode. Aber was solls? Dem durchschnittlichen Deutschen dürfte die Jahreszahl etwa so viel sagen wie 1683, nämlich gar nichts. Insofern ist dem unfreiwilligen Geschichtsunterricht der Bild hinsichtlich der Allgemeinbildung der Leser sogar noch etwas Positives abzugewinnen.

Auf die Anspielung von Grunwald legte Fakt übrigens noch einen Scherz drauf: abermals traf es Ballack, diesmal in einem Trabi abgebildet auf dessen Dach Beenhakker, gekleidet in orange, die Zügel in der Hand hält. Was bei all dem Säbelrasseln gern verschwiegen wird, ist die Tatsache, dass sowohl Bild als auch Fakt dem Axel-Springer-Verlag gehören. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Referenzen:

Rubrik: EM Tagebuch
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