Leo Drucker - Nur im Fußball zuhause

cache/images/article_1188_drucker_140.jpeg Seit 100 Jahren sind Fußballbiografien von Migration geprägt. Wie sehr der Fußball dennoch Gefühle der Zugehörigkeit bot, zeigt die Geschichte des Juden Leo Drucker, der 30 Jahre lang die Welt bereiste und doch auf jedem Fußballfeld heimisch wurde.
Matthias Marschik | 19.03.2009
Im Sommer 1914 zogen Adolf und Verona Drucker mit ihrem 1903 geboren Sohn Leopold aus Budapest nach Wien. Wenig später trat Leo der zweitklassigen Hakoah bei. Seine Hoffnung auf eine Fußballkarriere wuchs nach 1918 mit dem enormen Aufschwung des Wiener Fußballs, doch die Hakoah setzte nicht auf den Nachwuchs, sondern auf Legionäre, mit deren Hilfe 1920 der Aufstieg und im Folgejahr gleich Platz vier erreicht wurde. Leo Drucker kam in dieser Startruppe nur selten zum Einsatz.

Drucker war dennoch optimistisch, in der Kampfmannschaft den Part des Mittelspielers zu erobern. Doch als bekannt wurde, dass die Hakoah sich an dieser Position mit niemand geringerem als Béla Guttmann verstärkte, zog er die Konsequenz und wechselte zum FAC. Nach Abstieg und dreijähriger Durststrecke erreichte der FAC 1925 unter der Regie des Centrehalves Drucker im ersten Profijahr den Wiederaufstieg.

Erste Sternstunde
Als die Hakoah für Sommer 1926 eine USA-Tournee plante, hielt man nach Verstärkungen Ausschau und mit Drucker wurde man rasch handelseins. In den USA trug die Hakoah elf Spiele aus, wobei Drucker nur drei Mal zum Einsatz kam. Doch war er in jenem Match dabei, das in den USA Soccer-Geschichte schrieb, weil dabei der bis 1977 gültige Zuschauerrekord aufgestellt wurde: 46.000 Besucher verfolgten die Niederlage gegen die New York Stars.

Im Juni kehrte die Hakoah nach Wien zurück und als Hakoahner hätte sich Drucker wohl als Profispieler in Wien etablieren können. Doch veranlasste die in den USA erlebte Begeisterung, verbunden mit enormen finanziellen Versprechungen, viele Hakoahner, ab dem Herbst 1926 ein Engagement in den USA anzunehmen. Auch Drucker entschied sich für die unsichere, aber im Erfolgsfall lukrativere Emigration.

Fast die gesamte Hakoah-Mannschaft wurde von zwei neu gegründeten US-Profiteams unter Vertrag genommen. Die Anfangszeit dürfte für die Spieler zwar hart, aber lukrativ gewesen sein. Der Bekanntheitsgrad der Soccer League und ihrer Stars war hoch, und auch das Einkommen muss enorm gewesen sein, zumal es sich die Spieler noch durch Auftritte in Varietés aufbesserten. In der Schlusstabelle der American Soccer League nahmen Druckers Brooklyn Wanderers Rang sieben ein.

Über Leo Drucker hieß es, er sei dem Leistungsdruck und der Härte des US-Soccer nicht gewachsen, doch blieb er ein weiteres Jahr bei den Brooklyn Wanderers. Im Sommer 1928 kehrten viele Wiener in die Heimat zurück, nicht aber Drucker. Als mitten in der Saison der »Soccer War« ausbrach, wechselte er zur New York Hakoah. Der rein jüdische Verein gewann in der Eastern Soccer League Meisterschaft und Cup. Im Oktober 1929 trat Drucker den Hakoah All Stars bei, die elf Wiener unter Vertrag hatten. Bei diesem Verein, der sich explizit zu Judentum und Zionismus bekannte, spielte Drucker zwei weitere Saisonen, den Höhepunkt bildete 1930 eine Südamerika-Tournee.

Nominierung ins Wunderteam
Im April 1931 kehrte Drucker nach Wien zurück, den Kollaps des US-Soccer erlebte er nur mehr aus der Ferne. Er unterschrieb wieder bei der Wiener Hakoah, die aber nicht mehr mit dem Klub zu vergleichen war, den er verlassen hatte. Zwei Mal war man sogar abgestiegen und so dürfte die Hakoah sehr froh gewesen sein, sich nach dem Wiederaufstieg für die Saison 1931/32 mit einem Routinier wie dem nunmehr 28-jährigen Drucker verstärken zu können.

Mitten in der Ära des Wunderteams sagte Teamchef Hugo Meisl für Juli 1932 ein Länderspiel in Stockholm zu. Da Admira und Austria gerade Nordland-Tourneen absolvierten, wurde das Team großteils aus deren Spielern gebildet, aus Wien wurden nur Waitz von Nicholson und Leo Drucker geholt. Mit sechs Debütanten gewann Österreich knapp mit 4:3. Obwohl Drucker positive Kritiken bekam, blieb es seine einzige Einberufung ins Nationalteam.

Die Saison 1932/33 bestritt Drucker noch als Hakoah-Spieler, doch wurden ihm oft Jüngere vorgezogen. Das veranlasste ihn, nochmals ins Ausland zu gehen. Im Sommer 1933 wechselte er zu Olympique Marseille. In der folgenden Saison spielte er beim Zweitligisten Caen, dann kurz in Italien. Im Sommer war Drucker zunächst ohne Engagement, dann folgte er dem Ruf des maltesischen Meisters Floriana FC.

Finaler Coup mit Melita
Auf Malta war Drucker der erste von zahlreichen Legionären, die von 1935 bis 1938 die »goldene Ära« des dortigen Fußballs bestimmten. Bei Floriana trat er nur mehr selten als Spieler auf, dafür reüssierte er als Trainer. Trotz Erreichen des Vizemeistertitels wechselte er zu St. George's. In den beiden Folgejahren betreute Drucker dann den Amateurverein FC Melita, den er in die oberste Liga führte und 1938/39 zum Vizemeister machte.

1938 verließ ein Großteil der Legionäre die Insel. Darunter litt auch die Qualität des Fußballs, dennoch war der Vizemeistertitel des FC Melita eine Sensation. Im Cupfinale gab man dem kleinen Klub aber keine Chance gegen den Meister Sliema Wanderers. Doch hatte Drucker gegen den offensiven Gegner ein zu dieser Zeit sehr unübliches Kontersystem einstudiert, mit dem man Erfolg hatte und schließlich vier Treffer erzielte, ohne ein Gegentor zu erhalten.

Die Berichte vom Cupsieg sind die letzten Quellen zum Sportler Leopold Drucker. Seine Spur verliert sich und sicher ist nur, dass Drucker mit seiner Gattin zunächst illegal nach Palästina entkommen konnte, später von dort in die USA auswanderte. Letztmalig taucht der Name Drucker mit dem Wohnsitz in Bayside, New York, in einer hektografierten Adressliste der Hakoah-Mitglieder von 1981 auf, was auf seinen Tod in den Jahren 1982 oder 1983 schließen lässt.

Schlusspfiff
Die Biografie Leo Druckers ist als Extremfall der Lebensgeschichte eines »heimatlosen Juden« der Zwischenkriegszeit zu lesen, der, obwohl er nie in die Mühlen des letalen Antisemitismus geriet, dennoch stets auf der Reise war dorthin, wo ihm das reale wie finanzielle Überleben gesichert schien. Doch reflektiert seine Geschichte auch das vazierende Leben des Fußballprofis, für das der Professionalismus erst die Voraussetzungen und Anreize schuf.

Wir finden in Druckers Vita eine individuelle und kollektive, jüdische Heimatlosigkeit. Schon 1921 musste er seine Klassenidentität aufgeben, als er von der national-jüdischen Hakoah zum Arbeiterverein FAC wechselte. Damit gab er auch seine »Rassenidentität« auf ein angesichts der Situation der 1930er Jahre bewusst gewählter Begriff. Spätestens mit der Übersiedlung nach Frankreich verlor Drucker auch seine nationale und regionale Identität.

Zugleich hat Drucker aber seine Heimat gar nicht verlassen. Denn bei allen Migrationen bis 1939 blieb er der Fußballkultur verhaftet. Deren globales Regelwerk verschaffte ihm überall eine Art von Heimat. Das waren ganz konkret die Spielfeldbegrenzungen, innerhalb derer er sich heimisch fühlte und auch akzeptiert wurde. Es waren es die Regeln des Profi-Fußballs, die ihm überall Einkommen, Anerkennung und Bewunderung verschafften und die Verbundenheit mit Menschen, die seine sportliche Passion teilten.

Diese seine Sportidentität legte Leo Drucker mit dem Ende der Fußballkarriere ab und damit wurde seine sichtbare Präsenz beendet. Dann fing ihn die jüdische Identität, zuerst in Palästina und dann in Amerika, auf. War es Haifa oder New York, Drucker suchte und fand die Einbettung in eine jüdisch geprägte Heimat, die es ihm ermöglichte, trotz Heimatlosigkeit ein rudimentär geborgenes Leben zu führen.

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Rubrik: Aktuell
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