»Lets Gdansk« geht in die Verlängerung

cache/images/article_1894_dsc_0308_kl_140.jpg EM-Blog In Danzig wird nach dem Viertelfinale eine positive EM-Bilanz gezogen. Die Stadt an der Ostsee, die bislang eher ein Schattenblumendasein führte, hat sich für die Europameisterschaft herausgeputzt und die Touristen in ihren Bann gezogen. Ein Wiedersehen und eine Belebung der Stadt sind alles andere als ausgeschlossen.
Reinhard Krennhuber und Radoslaw Zak aus Gdansk | 25.06.2012

Die Engländer sind noch im Turnier. Zumindest haben wir sie nicht ausscheiden gesehen. Denn nach Wayne Rooneys erfolgreichem Elfer fällt im Café Lamus in der Danziger Innenstadt der Stream aus. Als er wieder funktioniert, sieht die in dem Szenelokal versammelte Fanschar Cesare Prandelli in seinem perfekt geschneiderten Anzug jubeln. Die Kunde, dass sowohl Ashley Young als auch Ashley Cole ihre Penalties verschossen haben, macht die Runde. Ein unbefriedigendes Ende eines spannenden Fußballabends, hatte die Mehrheit der Gäste doch zu England gehalten. Unmittelbar nach Schlusspfiff leert sich das Lokal. Der rasche Abgang liegt aber nur bedingt am Ausgang des Spiels. Es ist schon kurz vor Mitternacht, und für die meisten Danziger beginnt am nächsten Morgen die erste Arbeitswoche nach der EM-Euphorie.

Neues Selbstbewusstsein

Auch Wojtek hatte für die »Three Lions« die Daumen gehalten. Bei einer Zigarette nach der nervenaufreibenden Elfmeterentscheidung zieht er eine persönliche EM-Bilanz, die durchaus positiv ausfällt. »Danzig ist eigentlich eine recht verschlafene Stadt. Hier passiert nie etwas«, sagt der Student. »Die Euro und die vielen Touristen haben der Stadt Leben eingeimpft. Es war eine phänomenale Zeit.« Pawel, ein weiterer Stammgast des Café Lanus, erzählt, dass auch die Bevölkerung der Hafenstadt an der Ostsee von der EM profitiert habe. »Eine Freundin von mir betreibt ein kleines Geschäft. Vor dem ersten Match zwischen Italien und Spanien hat sie 300 Spanien-Fahnen besorgt. Sie waren im Nu ausverkauft.«

 

Der 25-Jährige, der selbst ein Erasmus-Jahr in Spanien verbracht hat, streicht aber auch die Effekte abseits des EM-Geschäfts hervor, die er für noch wichtiger hält. Die feiernde spanischen Fans am Neptun-Brunnen und die Iren, die nach dem 0:4 gegen Spanien von aus der Schicht kommenden Werftarbeitern wieder aufgebaut wurden das alles sind Bilder, die sich nicht nur in sein Gedächtnis eingeprägt haben. »Die Europameisterschaft war sehr wichtig für Danzig. Sie hat uns gezeigt, dass wir ein Teil von Europa sind«, sagt Pawel. »Und sie hat den Danzigern neues Selbstbewusstsein gegeben, weil es den Touristen hier sehr gut gefallen hat.«   

Umfragen untermauern diese Einschätzung. Laut einer von der Sporttageszeitung Przeglad Sportowy veröffentlichen Befragung will jeder zweite EM-Tourist wiederkommen. Der Danziger Vizebürgermeister Andrzej Bojanowski verteidigt in einem Interview mit dem Sportblatt das 200 Millionen Euro teure Stadion und die Investitionen in die Infrastruktur: »Diese Straßen wären ohne die EM auch entstanden, aber nicht in diesem Tempo.«

Der Bernstein schimmert

Die prächtige PGE Arena, die 44.000 Zuschauern Platz bietet, war aufgrund der hohen Baukosten nicht unumstritten. Im Vergleich war sie jedoch billiger als das deutlich kleinere Stadion im Lwiw. Und im Gegensatz zum Spielort in der Westukraine funktioniert die Infrastruktur rundherum. Zwar liegt das Stadion in Danzig auch nicht im Zentrum, es verfügt aber über eine ausgezeichnete Anbindung in Form einer eigenen S-Bahnstation, die vom Hauptbahnhof in einer sechsminütigen Fahrt erreichbar ist. Der An- und Ablauf der Zuschauer hatte bei den vier EM-Spielen in der in Bernsteinfarben gehaltenen Arena stets problemlos funktioniert.  

Auch im Danziger Tourismusbüro betont man die positiven Effekte, die mit der Austragung des Turniers verbunden sind. »Die Fans haben mit großem Enthusiasmus über Danzig gesprochen. Viele haben gemeint, möglichst bald wiederkommen zu wollen«, sagte die stellvertretende Leiterin Anna Bartoszewicz-Pajka. »Die Touristen waren erstaunt über die Schönheit der Stadt und die Gastfreundschaft und die Offenheit der Menschen.«

Idylle am Kanal, Arbeiterromantik in der Werft

Die angesprochene Schönheit der 450.000-Einwohner-Stadt wird bei einem Rundgang durch die Altstadt sichtbar. Vor dem Krantor, den zahlreichen Kirchen und der Königlichen Kapelle drängelten sich in den vergangenen Wochen die Touristen. Die Gastgärten am Motlawa-Kanal war voll und auch das Gelände der historischen Danziger Werft war gut besucht. Nur schade, dass das Zentrum der Gewerkschaft Solidarnosc noch eine mächtige Baustelle ist und erst 2014 seine Pforten öffnet. Weitere Anziehungspunkte waren die Strände und verträumten Fischerdörfer rund um Gdansk und das angrenzende Seebad Sopot, wo man anders als in weiten Teilen Südeuropas kein kleines Vermögen ausgeben muss, um eine Portion frisch gefangenen Fisch aufgetischt zu bekommen.

Am Montag nach dem letzten Viertelfinale begann für Danzig die Zeit nach der EM. Vor dem Goldenen Tor hatte adidas alle seine EM-Bälle von in überdimensionaler Form ausgestellt. Nun werden sie abgebaut, im Container der Fanbotschaft dahinter die letzten Stadtpläne an EM-Touristen ausgegeben. Es sind noch genügend übrig. Und wie es aussieht, könnten sie bald schon Abnehmer finden. Auch wenn kein Spiel mehr in der Stadt stattfindet, dürfen sich Danzig und seine Bewohner als EM-Gewinner sehen.

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png