»Man muss aus Fehlern lernen«

cache/images/article_2043_hedl_140.jpg Beim SK Rapid ist Raimund Hedl dafür zuständig, Lukas Königshofer teamreif zu machen. Im Gespräch mit dem ballesterer erklärt er, wie Tormänner heute Fußball spielen, warum Michael Konsel kein Manuel Neuer war und woran die Jungspunde im ÖFB-Tor noch arbeiten müssen.
Mario Sonnberger | 21.03.2013

ballesterer: Wie hat sich das Tormannspiel in den letzten fünfzehn Jahren entwickelt?
Raimund Hedl: Ein Tormann muss heute viele Aspekte beachten: Er muss fußballerisch gut sein, bei Flanken sowieso - und die Bälle haben sich verändert. Es ist viel auf die Tormänner eingeprasselt. Durch die größeren Anforderungen passieren auch mehr Fehler, die dann medial x-mal aufbereitet werden. Das bleibt natürlich in den Köpfen hängen. Diese Fehler hat man früher genauso gemacht. Auch wenn es jetzt bei den österreichischen Spitzentormännern kurzfristig etwas mehr waren als sonst.
Spielen die Bälle tatsächlich eine so große Rolle?
Eine Zeit lang haben sie extrem geflattert. Das war richtig ungemütlich, man hat es uns sehr schwer gemacht. Mittlerweile ist es wieder besser, aber die Bälle haben sich sehr stark verändert.
Man hat den Eindruck, dass viele Tormänner Probleme bei Flanken haben. Hängt das auch damit zusammen?
Ja. Die Bälle haben einen besseren Zug, die Flanken sind schärfer. Das bedeutet viel mehr Stress für die Torhüter. Für manche auch zu viel.

Als Fan wünscht man sich manchmal, dass der Tormann auf Teufel komm raus alles »wegräumt«, was ihm im Weg steht. Ist das zu kurz gedacht?
Als Laie sieht man das anders, aber nicht jeder hohe Ball ist eine Sache für den Tormann. Die große Frage dabei lautet: Ist der Weg frei? Eigene Spieler oder Gegner können dich blockieren, während du auf halber Strecke bist. Dann erreichst du die Flanke nicht, kannst aber auch auf der Linie nichts mehr machen. Das Grundproblem ist, zu erkennen, wann man ungehindert zum Ball kommt. Beim Schnittpunkt - also dort, wo der Ball herunterkommt - musst du entschlossen hingehen, vorher nutzt es dir nichts. Damals wie heute gilt: Den Luftzweikampf darf man als Tormann nicht verlieren.

Wie beurteilen Sie die aktuellen Teamtorhüter, also Robert Almer, Heinz Lindner und Lukas Königshofer?
Almer spielt zu selten, um ihn genau zu analysieren. Die anderen beiden haben ihre Stärken auf jeden Fall auf der Linie und bei Schüssen. Bei hohen Bällen passieren in jüngster Zeit zu viele Fehler. Darum gibt es jetzt auch eine Diskussion. Wenn ein Tormann Fehler macht, kriegt es jeder mit. Du kannst ein super Spiel machen: Wenn dir ein Fehler passiert, kann es sein, dass du das Spiel verbockt hast. Das ist bei einem Feldspieler anders. Der vergibt zwei Chancen, macht aus der dritten das Tor - und wird gefeiert.
Lukas Königshofer hat bei Rapids 3:3 in Salzburg nach einem schweren Patzer ein Tor bekommen. Wie wird so etwas im Training aufgearbeitet?

Hohe Bälle werden immer trainiert. Der Patzer in Salzburg lag aber nicht am fehlenden Training oder Talent. Es war eine Unachtsamkeit. Vielleicht ist Lukas zu wenig entschlossen auf den Ball gegangen oder hat unterschätzt, dass noch jemand hinspringen konnte. Das war ein einfacher, blöder Fehler. Die passieren - es resultiert nur nicht immer ein Tor daraus. Wir reden hier von wenigen Zentimetern im Stellungsspiel, die darüber entscheiden, ob du einen Ball noch erreichst. Das wird nach dem Spiel genau analysiert, wie bei den Feldspielern auch.
Würde ein Tormann wie Michael Konsel heute noch zur internationalen Spitze zählen?

Der Vergleich hinkt ein bisschen. Heute muss man den Ball mit den Füßen verarbeiten oder beim Pressing den Druck rausnehmen können, wie es Manuel Neuer bei den Bayern macht. Er kann dadurch das Spiel verlagern oder einen Konter einleiten. Von einem Michi Konsel ist das damals nicht verlangt worden, darum wurde es auch nicht explizit trainiert. Insofern weiß ich nicht, ob er sich anpassen hätte können.
Um bei Neuer zu bleiben: Die deutschen Tormänner stehen oft mit einer ganz anderen Ausstrahlung im Tor. Ist das Mentalitätssache?
Die Mentalität ist sicher ein Pluspunkt der deutschen Spieler.  Als Tormann brauchst du viel Selbstvertrauen. Wenn dir in gewissen Situationen öfters Fehler passieren, kannst du nicht so selbstbewusst sein, wenn eine ähnliche Situation auftritt. Erst, wenn du sie immer wieder erfolgreich meisterst, bekommst du Selbstvertrauen und bist überzeugt von dem, was du machst. Es spielt sich sehr viel im Kopf ab. Während ein Feldspieler sich über Zweikämpfe oder gelungene Zuspiele Sicherheit holt, bist du als Tormann vielleicht 80 Minuten alleine, musst aber bei der entscheidenden Szene komplett da sein. Das hat auch viel mit Konzentration zu tun. Man muss aus Fehlern lernen und sie dann abhaken können.

Im Nationalteam gab es nach dem Karriereende von Konsel und Wohlfahrt ein Loch. Kommt es manchmal auch einfach auf die Generation an?
Es war ein Zwischenraum, den es in Deutschland nicht gegeben hat. Da hat ein 38-jähriger Oliver Kahn aufgehört, und es kam ein René Adler nach, dann Neuer. Da ist sogar eine komplette Generation übersprungen worden, Roman Weidenfeller zum Beispiel oder Tim Wiese. Jetzt gibt es noch Zieler, Ter Stegen, Leno ... Die Deutschen haben eine große Auswahl an jungen, sehr guten und jetzt auch schon erfahrenen Tormännern, die fußballerisch ausgezeichnet sind und das Torwartspiel sehr offensiv interpretieren. Dem wollen wir nacheifern, aber da sind wir noch nicht ganz so weit.
So eine Generation hat es bei uns nicht gegeben?
Ich hatte damals noch nichts mit der Tormannausbildung zu tun, aber vielleicht ist zu spät auf dieses offensivere Spiel gesetzt worden, vielleicht hinken wir da etwas nach. Im Nachwuchs bei uns sind alle fußballerisch ausgezeichnet, weil jetzt großer Wert darauf gelegt wird, dass kein Defizit entsteht. Was man in jungen Jahren versäumt, kann man nur schwer und mühsam später nachholen. Das darf nicht passieren. Bei den »Alten«, also der jetzigen Generation, gibt es natürlich auch Tormänner, die fußballerisch gut sind. Aber die kommen nicht an die Pendants in Deutschland heran, das muss man so klar und offen sagen.

Wie gut muss ein Bundesliga-Tormann Fußball spielen können?
Der Trend geht hin zur offensiven Spielweise. Du stehst viel weiter vorne, bekommst viel mehr Rückpässe. Wenn Pressing gespielt wird und die Mannschaften eng stehen, ist es eine einfache Lösung, den Ball zurück zum Tormann zu spielen, um damit einen Seitenwechsel zu erreichen oder einen Konter einzuleiten. Vorne spielen dann trotzdem zehn gegen zehn Feldspieler, aber ein Neuer hat die Qualität, die Lücke zu finden. Wenn die Mannschaft weiß, dass hinten jemand steht, der Fußball spielen kann, hat sie immer eine Lösung mehr parat.
Kann man die dafür nötige Ausbildung außerhalb der Fußballakademien überhaupt bekommen?
Die Wahrscheinlichkeit, von außerhalb zu kommen, ist genauso hoch wie bei Feldspielern - da sind wir nicht anders. Wenn jemand bei einem unterklassigen Verein spielt, Tormanntraining hat und abseits davon mit der Mannschaft mitkickt, kann er das genauso gut nachholen. Diese Ausnahmen wird es auch bei Torhütern immer geben. Aber es ist eine sehr umfangreiche Ausbildung. Es sind auch sehr umfangreiche Anforderungen, mit denen einige dem Anschein nach manchmal überfordert sind, und dann passieren halt die Fehler. Die werden bis ins kleinste Detail analysiert und bleiben in den Köpfen der Leute hängen - auch in denen der Torhüter, und da sind wir wieder beim Selbstvertrauen.
Sind die Jungen im Team, also Lindner und Königshofer, schon an ihrem Zenit?
Sie verfügen über  sehr, sehr großes Potenzial, das sie aber noch nicht ausgeschöpft haben. Es zählt am Ende nur das, was sie im Spiel beweisen. Und da gilt es, die Fehler zu minimieren. Daran müssen sie arbeiten. Abgerechnet wird am Platz, und da darf ihnen genauso wie allen anderen kaum ein Fehler passieren.

Zur Person: Raimund Hedl (38) verbrachte weite Teile seiner Tormannkarriere beim SK Rapid. Zwischen 1994 und 2001 sowie von 2005 bis 2011 stand er im Profikader des Rekordmeisters, dazwischen lagen die Stationen LASK und SV Mattersburg. Seit 2011 ist Hedl Tormanntrainer bei seinem Stammklub. 

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
Verein: ÖFB, SK Rapid
ballesterer # 121

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