»Manni, fahr durch!«

cache/images/article_2047_neururer_140.jpg Seit 8. April 2013 ist Peter Neururer wieder Trainer des VfL Bochum. Er soll den Revierklub vor dem Abstieg aus der 2. Bundesliga retten. Im ballesterer-Interview spricht der Spezialist für den Klassenerhalt über die Rettung von Schalke und den Job des Feuerwehrmanns. 

Wir treffen Peter Neururer in der mit Bayern-Fans vollgepackten "Sportsbar" am Münchner Flughafen. Der 56-Jährige kommt direkt von seiner Arbeit als Experte beim Fernsehsender Sport1. Im Pub muss Neururer mitansehen, wie sein Ex-Klub Hertha BSC sehr zur Freude der restlichen Anwesenden gegen den FC Bayern 0:6 untergeht. Neururer kann das Spiel nicht ausblenden, immer wieder wandert sein Blick zum Fernseher.


ballesterer: Hertha BSC wird von den Bayern gerade zerlegt. Haben Sie schon einen Anruf aus Berlin bekommen?
Peter Neururer: Das Telefon klingelt regelmäßig, aber die Hertha hat noch nicht angerufen, weil sie mit Otto Rehhagel eine Ideallösung gefunden haben. Sein Vorgänger Michael Skibbe ist nach fünf verlorenen Spielen abgesägt worden - für mich eine unfassbare Angelegenheit. Es trifft immer nur die Trainer. Diejenigen, die diese Entscheidungen treffen, werden nicht hinterfragt. Die Hertha gerät immer weiter in den Abstiegskampf. Otto Rehhagel bringt sehr viel Erfahrung mit, war aber lange nicht im Bundesliga-Geschäft. Die Lage ist problematisch: Drei, vier Leistungsträger könnten bei einem Abstieg ablösefrei wechseln. Raffael wird mit Mönchengladbach in Verbindung gebracht. In dieser Situation bist du als Trainer ohnmächtig. Der Otto kann vor dem Spiel noch so schöne Gedichte aufsagen und Zitate großer Dichter bringen - ob die Spieler damit etwas anfangen können, ist eine andere Sache. Sie sind Zauberlehrlinge. Aber von den Geistern, die man rief und nicht mehr loswird, wissen sie weniger.
Die Spieler müssen ihren Charakter an den Abstiegskampf anpassen. Muss der Trainer auch das System umstellen?
Neururer: Wenn ich wie Rehhagel 13 Spieltage vor Schluss komme, habe ich gar keine Zeit dazu. Ich kann nur im individuellen und psychologischen Bereich arbeiten und Verhaltensweisen taktischer Art anpassen. Wenn ich jedes Spiel 20 bis 40 Flanken einfange, wie es bei Köln in den letzten Wochen der Fall war, muss ich mir etwas überlegen. Ich kann tiefer stehen, einen zusätzlichen Sechser in die Mannschaft nehmen und die Halbpositionen verstärken. Damit habe ich eine Veränderung im System, aber nicht im Bewusstsein.
In der unteren Tabellenhälfte der Bundesliga stehen mit Augsburg und Freiburg zwei Mannschaften, die von vornherein damit gerechnet haben. Werden sie in der Liga bleiben?
Neururer: Vor einigen Wochen hätte ich ihnen keine Chance gegeben, aber jetzt leben sie wieder. Wenn sie tatsächlich drinnen bleiben, dann weil von Beginn an ein einziges Ziel ausgegeben wurde: Klassenerhalt, egal wie. Dass Freiburg seinen Trainer entlassen hat, war für mich unverständlich, aber erfolgreich. Bei Augsburg passiert für deutsche Verhältnisse schon fast Revolutionäres. Jos Luhukay ist mit einer guten Zweitligamannschaft aufgestiegen. Noch auf dem Rasen hat der Manager gesagt: "Mit dem heutigen Tag hat der Abstiegskampf begonnen." Dann hat der Präsident erklärt, Luhukay könne in der Bundesliga 34 Spiele in Folge verlieren und bleibe trotzdem Trainer. Da kann ich nur sagen, Chapeau! Ich habe mich gefragt, wie lange sie zu diesen Aussagen stehen. Während der Hinrunde ist aber nicht einmal ansatzweise eine Trainer­diskussion entstanden.
Der HSV ist die einzige Mannschaft, die seit der Bundesliga-Gründung immer erstklassig gespielt hat. Bleibt es dabei?
Neururer: Im Stadion des HSV wird ja auf einer Anzeigetafel die Stundenzahl der Zugehörigkeit zur Bundesliga eingeblendet. Der Abstieg wäre ein sporthistorischer Moment, ist in Hamburg aber unvorstellbar. Bei den Summen, die dort bewegt werden, sollte man mit dem Abstieg nichts zu tun haben. Das kann zur Gefahr werden. Ich habe so eine Situation 1997 beim 1. FC Köln erlebt. Nach dem sicheren Klassenerhalt sind Ansprüche laut geworden, in der nächsten Saison um einen Platz im Europapokal zu spielen. Wir sind im UI-Cup bis ins Halbfinale gekommen und dort an Montpellier gescheitert. Danach haben wir drei Spiele hintereinander in der Bundesliga verloren und ich musste gehen. Niemand wollte wahrhaben, dass wir gegen den Abstieg spielen. Als es dann so weit war, haben sie einem nicht geahndeten Handspiel die Schuld gegeben. Völliger Schwachsinn! Ein Abstieg wird nicht durch so etwas entschieden, das baut sich langsam auf oder ab. Diese Gefahr besteht jetzt auch beim HSV. Wenn Thorsten Fink nicht ganz schnell die Verhaltensweisen der Spieler ändert, können sie schnell da sein, wo Köln damals war.
Wie geht es Ihnen, wenn Sie den Abstiegskampf beobachten?
Neururer: Scheiße, weil ich nicht dabei bin! Mir fehlt etwas. Wenn Mannschaften, die ich schon trainiert habe, gegen den Abstieg kämpfen, fiebere ich noch stärker mit. Der Job beim Fernsehen gefällt mir, aber mein Leben ist Fußball und nicht das Kommentieren. Sobald ein Verein aus dem oberen Bereich anruft, würde ich alles liegen und stehen lassen und wieder arbeiten.
Was war das letzte konkrete Angebot, das Sie ausgeschlagen haben?
Neururer: Saudi-Arabien. Das mache ich für kein Geld der Welt. Wenn meine Frau nicht mit ins Stadion darf, läuten bei mir die Alarmglocken. Auf Österreich bezogen: Ich würde nicht Kapfenberg übernehmen. Nichts gegen Tommy von Heesen, der ist ein Riesentyp, aber das würde ich nicht machen. Die Liga würde mich allerdings reizen. Die Austria, Rapid, Sturm Graz und Salzburg sind sehr wohl interessant. Ich habe ja auch österreichische Wurzeln. Die Eltern meines Vaters sind von der Steiermark nach Duisburg gegangen.
Neben den großen vier gäbe es aber noch Vereine wie die SV Ried und Wacker Innsbruck.

Neururer: In Innsbruck habe ich einmal ein schönes Erlebnis gehabt, da hießen die aber noch anders - Swarovski oder so. Damals war der große Ernst Happel Trainer und Horst Hrubesch, der mich ins Fußballgeschäft geholt hat, sein Co. Die Innsbrucker haben im Europapokal gegen Dnjepropetrowsk gespielt. Ich war Trainer bei Schalke 04 und hatte Wladimir Ljuty im Visier. Bei der Verhandlung direkt nach dem Spiel stand gleich einmal eine Riesenflasche Wodka auf dem Tisch. Jeder hat ein Cola-Glas angefüllt bekommen, dann haben sie "Bons­ki" gesagt und es auf ex runtergeleert. Ljuty war damals sowjetischer Nationalspieler. Ich habe mir gedacht: "Das kann ja wohl nicht wahr sein", und das erste Glas mitgetrunken. Dann sofort das nächste. Unser Manager Helmut Kremers war clever und hat es nach hinten in die Blumen geschüttet. Das habe ich dann auch gemacht. Das Ganze hat sich noch dreimal wiederholt, dann haben wir mit den Verhandlungen begonnen. So etwas habe ich danach nie wieder erlebt. Dnjepropetrowsk ist der einzige Verein geblieben, der plötzlich weniger wollte als ursprünglich angeboten.
Kommen wir zu Ihrer Rolle als Feuerwehrmann. Wie wird man so ein Trainer für spezielle Fälle?
Neururer: Indem man Vereine übernimmt, die sich in einer misslichen Lage befinden. Meistens eben im Abstiegskampf. Wenn ich den VfL Bochum mit elf Punkten Rückstand übernehme und dann aufsteige, bin ich aber kein Feuerwehrmann. Für mich ist das ein leerer Begriff, ein mediales Konstrukt. Ich habe im Stadion noch nie etwas brennen sehen, außer wenn ein paar Idioten Pyrotechnik gezündet haben. Da, wo ich arbeite, gibt es nichts zu löschen.
Was war Ihr dramatischster Abstiegskampf?

Neururer: Bei Schalke 04, das war eine unglaubliche Nummer. Der Verein war 1988 aus der Bundesliga abgestiegen und danach wieder mittendrin im Abstiegskampf. Ich habe sie elf Spiele vor Schluss übernommen und gleich das erste Spiel verloren. Schalke war tot, bis plötzlich eine positive Bombe hochgegangen ist. Jeder Einzelne hat einen Weckruf erhalten, und diese emotionale Welle hat uns bis zum letzten Heimspiel gegen Blau-Weiss Berlin getragen. Mit einem Heimsieg hätten wir die Liga gehalten. Vor diesem Spiel hatten wir Zuschauerzahlen um die 40.000. Im alten Parkstadion hat es einen Parameter gegeben. Wenn man auf das Stadion zugefahren ist, hat man durch das Marathontor auf den Block D auf die Gegengerade gesehen. Wenn der voll war, konntest du davon ausgehen, dass mindestens 50.000 im Stadion sind.
Wir sind mit dem Bus 50 Meter vor dem Marathontor gewesen und ich habe zum Fahrer gesagt: "Manni, fahr durch!" Er hat gemeint, dass er das nicht machen kann. Ich habe ihn angebrüllt: "Wenn du nicht durchfährst, schmeiß ich dich raus und fahr selber!" Also sind wir durchgefahren bis auf die Tartanbahn. Ich bin ausgestiegen. Block D war voll, genauso wie das restliche Stadion. Ich habe zu den Jungs gesagt: "Rausgehen, umschauen, umziehen, gewinnen." Berlin ist gleich zu Beginn in Führung gegangen, Schalke war abgestiegen. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie leise ein Stadion mit 70.000 Fans sein kann. Du hast jede Ballberührung gehört. Bis der Fanfarenbläser, den der Verein damals beschäftigt hat, zur Attacke geblasen hat.
Die Fanfare war markerschütternd. Die Berliner sind zusammengezuckt. Danach minutenlang das langgezogene "Schaaaaalkeeee!". Wir haben das 1:1 gemacht und schlussendlich 4:1 gewonnen. Mich haben sie in die Kabine getragen. Ich war grün und blau und hatte nur noch eine Unterhose an. Unser Mannschaftsbetreuer Charly Neumann hat mir versprochen, dass ich in all seinen Kneipen im Ruhrgebiet lebenslang frei Essen und Trinken bekomme. Der Klassenerhalt hat mich auf Schalke unsterblich gemacht. Für die meisten Fans, die damals dabei waren, bin ich nach wie vor der größte Trainer aller Zeiten.

In Dortmund sind Sie nicht ganz so gut angeschrieben. Wie ist es dazu gekommen?
Neururer: Neulich habe ich bei BVB-Stadionsprecher Norbert Dickel zwei Karten für meinen Sohn hinterlegen lassen. Fragt er mich: "Auf welchen Namen?" Neururer zu heißen ist gefährlich in Dortmund. Im Westfalenstadion bekomme ich immer gratis Essen und Trinken - allerdings immer nur Würstchen und Bier aus 50 Meter Entfernung. Sobald die mein Gesicht sehen, fliegen die Gegenstände. Es haben sogar schon Fernsehsendungen abgebrochen werden müssen deswegen. Ich bin das größte Feindbild, das Borussia Dortmund überhaupt haben kann.
So wie Schiedsrichter Markus Merk auf Schalke, den die Fans für die verlorene Meisterschaft 2001 verantwortlich machen?
Neururer: Viel schlimmer. Die "Zecken" und Neururer, das geht gar nicht. Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu Jürgen Klopp, Hans-Joachim Watzke und "Susi" Zorc, aber die Fans hassen mich wie die Pest. Für die bin ich der Inbegriff eines Schalkers. Wenn ich als Trainer von Saarbrücken oder Hertha BSC ins Stadion gekommen bin, haben 54.000 und später 80.000 gepfiffen und gebrüllt: "Wir wollen keine Schalker Schweine, Neururer raus!" Dabei habe ich nur gesagt, dass ich Schwarz-Gelb nicht sehen kann.
Sie sind jetzt 56. Bei allem Respekt: Ist das Trainerdasein überhaupt noch etwas für Sie?

Neururer: Ich bin 56, fühle mich aber wie 30 und habe eine Lebenserfahrung wie 130. Das ist doch eine perfekte Mischung. Für viele Kollegen bedeutet der Trainerjob Stress. Ich verspüre nur Stress, wenn ich nicht am Platz stehen kann.
Was machen Sie den ganzen Tag?
Neururer: Wenn das Wetter gut ist, fahre ich eine Runde mit meiner Harley und gehe Golf spielen. Mit meinen ehemaligen Mitarbeitern vom VfL Bochum habe ich mit dem Motorrad schon sämtliche Bundesstaaten der USA bis auf Hawaii und Alaska abgeklappert. Jeder würde meinen, dass ich ein super Leben habe. Aber nach ein paar Tagen ohne Fußball bekomme ich einen dicken Hals. Dann beschimpfe ich alles und jeden, ohne Grund.
Die logische psychohygienische Konsequenz wäre der Wiedereinstieg als Trainer. Woran scheitert es?
Neururer: Vielleicht am eigenen Anspruch. Und daran, dass ich kein passendes Angebot bekommen habe. Während meines letzten Engagements beim MSV Duisburg sind einige unvorteilhafte Dinge passiert. Ich bin nach zwei Niederlagen beurlaubt worden - und der Manager hat mich gefragt, ob ich dem Verein mein Gehalt zur Verfügung stellen könne, um drei weitere Spieler zu verpflichten. Für den Fall des Aufstiegs wäre es dann zu höheren Bezügen noch ein Jahr weitergelaufen. Da habe ich gesagt: "Herzlichen Glückwunsch, aber verarschen kann ich mich alleine." Ich habe mir gedacht, die sollen bluten bis zum letzten Tag. Während dieser Zeit gab es einige gute Angebote. Ein Jahr später, als mein Vertrag ausgelaufen war, sind nur mehr Nachfragen gekommen, die mich nicht interessiert haben. Also bin ich zu Sport1 gegangen.
Was reizt Sie an der Rolle als TV-Experte?

Neururer: Ich mache alles. Ich kommentiere, analysiere, rede mit meinen Kollegen, aber ich denke noch immer als Trainer. Ich bin froh, dass ich bei Sport1 bin, weil ich dadurch ständig in den Medien bin. Es gibt ja nichts Schlimmeres für einen Trainer, als nicht mehr im Gespräch zu sein. Ich habe acht Auftritte pro Monat und muss mich mit der ersten und zweiten Liga auseinandersetzen. Für den Fall, dass ein Angebot kommt, bin ich voll im Thema.
Wie geht es Ihrer vielzitierten Spielerdatenbank?
Neururer: Ich war der erste Trainer in Deutschland, der so gearbeitet hat. In der Datenbank sind rund 3.600 Spieler. Ich hatte nie etwas mit Informatik zu tun, habe aber bei jedem Spiel meine Anmerkungen in ein Diktafon gesprochen. Die Kassetten sind irgendwann zu viel geworden, also hat mir ein Freund das Programm geschrieben. Ich vergebe in den Kategorien Technik, Schnelligkeit, taktisches Verhalten sowie offensives und defensives Zweikampfverhalten Punkte von eins bis zehn. Die Sache wurde medial so breitgetreten, dass ich sogar eingeladen wurde, Vorträge über die Anwendung des Computerwesens im Fußball zu halten. Keine Ahnung, wie die Leute darauf gekommen sind. Ich habe heute noch Schwierigkeiten, meine E-Mails abzurufen.
In der englischen Fußballsprache gibt es den Begriff des "Mister Fix-It", der eine kaputte Mannschaft wieder herrichtet. Sie sind ein großer Harley-Davidson-Fan. Kommt es vor, dass sie sich unter die Maschine legen und ein bisschen herumschrauben?
Neururer: Nein. Das Einzige, was ich mit meinem Motorrad außer fahren mache, ist putzen. Da lasse ich keinen anderen ran. Für alles weitere habe ich Leute, die sich besser auskennen. Ich kann nichts reparieren. Ich bin geborener Akademiker. Schon mein Vater hat gesagt: "Mach dir nicht die Hände dreckig!" Daran habe ich mich gehalten.
Zur Person:
Gekommen, um zu bleiben, ist Peter Neururer (56) noch selten in seiner Karriere. Am längsten hielt es ihn während seiner 13 Trainerengagements im Profifußball beim VfL Bochum, mit dem er zwischen 2001 und 2005 seine größten Erfolge feiern konnte. Als aktiver Fußballer nur in Amateurligen aktiv, wechselte Neururer sehr früh ins Trainergeschäft. Seinen Herzensklub Schalke 04 betreute er 1989 bereits im zarten Traineralter von 33 Jahren. Nach zwei Jahren in Gelsenkirchen machte er sich durch Kurzanstellungen bei Hannover 96, dem 1. FC Köln, Hertha BSC, Fortuna Düsseldorf und dem MSV Duisburg als Feuerwehrmann einen Namen und war als Experte beim deutschen Privatsender Sport1 tätig. Am 8. April ist er als Trainer zum abstiegsgefährdeten VfL Bochum zurückgekehrt und soll den Revierclub vor dem Absturz in die dritte Liga retten.

Referenzen:

Heft: 71
Rubrik: Thema
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png