Maradona schlägt Nordkorea

cache/images/article_2042_11mm_download_logo_negati_140.jpg Das »11mm«-Filmfestival in Berlin kürte anlässlich seines zehnjährigen Bestehens die besten Fußballfilme aller Zeiten. Gewonnen haben das unbeugsame Duo Kusturica und Maradona und ein sechsjähriger Schwede. Ein Kommentar unseres Filmkritikers Stefan Kraft.
Stefan Kraft | 20.03.2013

Der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika hatte den Saal schon verlassen, als der Chefredakteur des Fußballmagazins 11Freunde, Philipp Köster, den Preisträger für den »Besten Fußballfilm aller Zeiten« in der Kategorie Dokumentarfilm verkündete. »Maradona par Kusturica« gilt fortan als Kunstwerk für die Ewigkeit und vielleicht hätte der Botschafter darüber so unverbindlich gelächelt, wie er es während seiner unverbindlichen Rede getan hatte. Es wirkte jedenfalls wie Gegengift an diesem Abend, dass die Jury den Film eines Unbeugsamen über einen anderen Unbeugsamen auszeichnete, Emir Kusturica über Diego Armando Maradona, zwei entschiedene Gegner US-amerikanischer Kriegspolitik und ihrer Repräsentanten. Ein Porträt eines Fußballers, der, wie Köster in seiner Urteilsbegründung verkündete, nie vom »Widerstand gegen das Establishment« abgerückt sei, vom politischen wie vom fußballerischen und oft liegen die beiden nicht fern voneinander.

Erfolgsrezept 11mm
Sie hinterließen einen schalen Beigeschmack, der Applaus und das Gelächter für den US-Botschafter. Hier, am Rosa-Luxemburg-Platz, und weiter im Westen, war das politische Bewusstsein vor nicht allzu langer Zeit noch ein anderes. Ansonsten bleibt Lob auszusprechen, Lob für Birger Schmidt, den charmanten Organisator des Internationalen Fußballfilmfestivals »11mm«, und sein Team. Lob vor allem für einen immer noch überschaubaren Programmrahmen in den sechs Tagen vom 14. bis zum 19. März 2013. Es wird weiter auf handverlesene Filme gesetzt statt auf üppige Vorstellungslisten, auf Liebe zum Detail, wie die Vorfilme bewiesen, auf inhaltliche Offenheit und auf Internationalität - der finnische Kicker Jari Litmanen wohnte der Vorführung einer Doku über sein Leben ebenso bei wie die brasilianischen und israelischen Regisseure ihren Filmen.


Denn ein Fußballfilm ist ein Fußballfilm, wenn er sich hauptsächlich um Fußball dreht und das ist bei konventionellen Spielfilmen (etwa »Amors Baller« aus Norwegen, der Name ist Programm) ebenso der Fall wie bei Fandokumentationen wie »Rivals: Celtic vs. Rangers« über die Glasgower Fanrivalen und den recht lauten Filmen über die Fanklubs der brasilianischen Vereine Flamengo und Bahia. Für die härtere Fraktion gab es ohnehin »Eine Reise durch die Fankurven Italiens« zu besichtigen.

Doku-Dominanz
Zehn Jahre Jubiläum feierte »11mm« und in neun von zehn Fällen gewann eine Doku den Hauptpreis des Festivals. Um dieses (kaum zu klärende) Missverhältnis zumindest einmal auszugleichen und um die Feierlichkeiten standesgemäß zu begehen, wurden dieses Jahr sowohl in den Kategorien Spielfilm wie auch Dokumentarfilm die »Besten Fußballfilme aller Zeiten« gekürt. Birger Schmidt wählte aus über 1.000 Filmen 150 Kandidaten aus, überließ diese einer 20-köpfigen Kommission aus Filmschaffenden, Journalisten und Fußballern und diese übergaben, richtig, zehn Filme in den jeweiligen Kategorien an die jeweilige Jury.


Und, richtig, es gab dabei einen Österreich-Bezug, mit Brigitte Weichs liebevoller Doku »Hana, dul, sed« aus dem Jahr 2009 über vier nordkoreanische Kickerinnen - doch Maradona erwies sich als übermächtig. Während der eine Preis nach Serbien wanderte, wurde der beste Fußballspielfilm aller Zeiten schon 1974 in Schweden gedreht. Oder besser: bei der WM in Deutschland, bei der »Fimpen, der Knirps« seinen großen Auftritt hatte. Ein Sechsjähriger, der die schwedische Nationalmannschaft zur WM schießt, das ist ebenso unglaubwürdig wie märchenhaft und verdient nach all den Jahren eine Auszeichnung. Jan Tilman Schwab, wandelndes Fußballfilmlexikon (geschrieben hat er auch eines), sprach in seiner Würdigung von einem Film »ohne falsches Pathos«, nannte »Fimpen« ebenso »einmalig« wie »heute undenkbar« - und das ist er tatsächlich, denn wohl nie wieder werden sich Nationalspieler während einer WM für einen Spielfilm von einem Sechsjährigen ein Gurkerl schießen lassen.

Beste Filme des Herzens
Eine Träne sei verdrückt für »The Damned United«, den nunmehr inoffiziell besten Fußballspielfilm aller Zeiten, und weiteres Lob ausgesprochen für den Kurzfilmabend »Shortkicks« am vorletzten Tag von »11mm«. Das Publikum konnte sich nicht entscheiden und teilte den Preis für den besten Kurzfilm zwischen »The Whistle« aus Polen, einem mehr als lakonischen Beitrag über die geballte Depression des Schiedsrichterdaseins, und dem eher deutschhumorigen Kurzfilm »Die Beschneidung«. Um mit einer Randnotiz zu schließen: Der heimliche Kurzfilmstar des Festival fand sich im Programm als Vorfilm wieder. Was in »Vai Pro Gol« über die brasilianische Variante des Pfitschigogerlns (aus dem Programmheft: »Knopffußball«) in 22 Minuten mitgeteilt wird, inklusive dem Sänger der offiziellen brasilianischen Iron-Maiden-Cover-Band und einem Philosophieprofessor, der einen Knopf mit Walter Benjamin assoziiert, das ist zwar nicht Fußballfilm vom Reinsten, aber doch großes Kino.

Referenzen:

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