Maradonas mittlere Reife

cache/images/article_1471_argentinie_140.jpg WM-BLOG Argentiniens »Selección« hat in der Vorrunde offensive Glanzlichter gesetzt. Doch trotzdem sie von ihren Gegnern kaum gefordert wurden, offenbarten sich defensiv einige Schwächen. Diese Unzulänglichkeiten muss der einst beste Spieler der Welt lösen, um auch als Trainer den wichtigsten Pokal im Weltfußball stemmen zu können.
Thomas Zsifkovits | 26.06.2010
Diego Armando Maradona wird die Taktikfanatiker dieser Welt vermutlich noch in den Wahnsinn treiben. Als er von einem argentinischen Journalisten nach dem Griechenland-Match gefragt wurde, was ihn bewogen hat, vom konservativ defensiven System im Testspiel gegen Deutschland im März zum jetzigen Offensivfeuerwerk mit drei Spitzen zu wechseln, antwortete er lediglich: »Ich habe meinen Spielern gesagt sie sollen nach vorne gehen. Sie wissen ohnehin, wie das geht. Wozu soll ich solch großartigen Spielern noch Erklärungen geben.« Zudem relativiert er die Bedeutung von Trainern: »Dieses historische Kapitel schreiben ausschließlich die Spieler. Guardiola, Mourinho, Benítez, Menotti oder Bilardo waren alles große Trainer. Aber nur durch die Spieler, die sie zur Verfügung hatten, konnte sie Großes erreichen. Ich habe einfach das Schwein, dass ich diese Spieler habe.«

Maradonas Vertrauen zu den 23 Auserwählten trägt, wenn man die drei Vorrundenspiele als Maßstab heranzieht, Früchte. Der Trainer weigerte sich, Fehler einzelner öffentlich anzusprechen. Martín Demichelis blieb trotz grober Schnitzer von Kritik verschont. »Ich liebe meine Spieler«, betont »El Diez« immer und immer wieder. Und diese Zuneigung scheint wichtig, denn argentinische Fußballer brauchen ein emotional ausgewogenes Umfeld, um bestehen zu können. Dass sie dann schon einmal in der Kabine Gesänge anstimmen, die man ansonsten nur auf den Tribünen hört, ist nichts Außergewöhnliches.

Fernstudium mit Mourinho
Doch mit Herz allein wird es nicht gehen. Maradona sagte nach der gemeisterten Vorrunde, dass er als Trainer gereift sei. Dazu gehörte auch, dass er mit Hector Enrique einem weiteren 86er Weltmeister, ein analytische Erweiterung des Betreuerstabs zuließ. Eine notwendige Änderung, schließlich war die Stimmung auch in den Qualifikationsspielen sehr gut gewesen und trotzdem hatte die »Selección« eine 1:6-Schlappe gegen Bolivien erlitten und auch gegen Brasilien, Chile und Paraguay verloren. Maradona erklärte nach dem Griechenland-Match übrigens auch, in persönlichen Gesprächen mit José Mourinho sehr viel gelernt zu haben. Dessen Inter-Taktik aus dem Champions-League-Spiel Barcelona werde er dennoch nicht kopieren, wie er sofort betonte.

Vor dem Achtelfinale steht er jetzt vor dem Dilemma, wie er seine instabile Defensive stärken kann und dennoch nicht auf seine drei Angreifer verzichten muss. Das stürmische Dreigestirn Messi-Tévez-Higuaín dürfte unberührt bleibt. Die Frage lautet also, ob er dem kampfkräftigen Abräumer Javier Mascherano abermals Juan Sebastian Verón als Ballverteiler zu Seite stellt. Immerhin hat der gegen Griechenland von 151 Pässen 132 an den Mann gebracht, was einer Erfolgsquote von 87,4 Prozent entspricht. Allein 28 seiner Pässe erreichten Lionel Messi. Der 35-jährige Verón war in diesem Spiel mit 10.877 zurückgelegten Metern zudem der laufstärkste Spieler der »Albiceleste«.

Option Otamendi
Doch die Aufstellung von Verón bedingt Kompromisse. In den Spielen der Gruppenphase, in denen er aufgeboten wurde, war stets ein Außenverteidiger gezwungen, die Flanke mit zu bearbeiten. Im ersten Spiel Jonás Gutiérrez über rechts und im dritten Spiel Clemente Rodriguez über links. Die Folge war, dass trotz zarter Offensivbemühungen der Gegner, die Abwehr anfällig wirkte. Dies hat einerseits mit der Formkrise von Demichelis zu tun, aber auch mit der Tatsache, dass Walter Samuel und Nicolás Burdisso aus der italienischen Liga nicht gewohnt sind, so hoch zu verteidigen.

Maradona muss zudem einen Weg finden, seine Sturmabteilung optimal ins Spiel zu bringen. Klassisches Flankenspiel findet bei Argentinien nicht statt. Dafür sind die Angreifer durch die Bank zu klein. Es muss demnach auf spielerische Weise gehen. Aus der vermeintlichen B-Elf gegen Griechenland taten sich interessante Optionen auf. Zum einen hat der gelernte Innenverteidiger Nicolás Otamendi, der noch in der heimischen Liga spielt, durchaus bewiesen, dass er auch als rechter Außenverteidiger ein Stabilitätsfaktor sein kann. Im Mittelfeld bewies Javier Pastore bei seinem Kurzeinsatz, dass er eine spielerische Bereicherung sein kann. Während Carlos Tévez immer großen Einsatz bringt, aber seine Arbeit oft Stückwerk bleibt, ergänzen sich Pastore Messi perfekt. Vor zwei Jahren völlig unbekannt, startete Pastore 2009 bei Huracán in der heimischen Liga durch. Trainerfuchs Angel Cappa formte damals eine Mannschaft, die ganz Argentinien verzückte.

Pastore und Mario Bolatti waren zwei der kreativen Pfeiler dieser Truppe. Beide spielen mittlerweile in Italien und sind nun im argentinischen WM-Kader dabei. Maradona hat somit das scheinbar wertlose Spiel gegen die Griechen genutzt, um weitere Aufschlüsse zu bekommen. Im morgigen Achtelfinale gegen die weitaus stärkeren Mexikaner darf er sich ihrer der Umsetzung versuchen.

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Rubrik: Aktuell, WM-Blog
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