Mea culpa in der Dauerschleife

cache/images/article_1477_italien_140.jpg WM-BLOG Nach dem schlechtesten WM-Abschneiden der Geschichte setzt Italien auf Veränderung. Mit Cesare Prandelli steht der neue Besen schon im Schrank. Marcello Lippi begegnete der »Schande« gegen die Slowkei als standhafter Katholik, indem er versuchte, sich durch ein Schuldbekenntnis die Absolution zu holen.
»Lippi schaut aus wie ein geprügelter Hund!« In den Gängen der Mixed-Zone des Ellis Parks kennen die italienischen Journalisten vor den TV-Geräten keine Gnade. Ein paar Räume weiter hat gerade die Pressekonferenz nach dem Spiel Italien gegen Slowakei begonnen. Noch bevor die erste Frage gestellt wird, gibt Lippi selbst den Rhythmus seiner Abschiedsvorstellung vor. Er habe sich ein paar Gedanken gemacht, die er gerne mit den Journalisten teilen wolle: »Ich übernehme die volle Verantwortung. Für alles: die Auswahl, die heutige Leistung und das Ausscheiden.«

Die schönen Erinnerungen an Berlin dürften nicht vergessen werden, mahnt Lippi, und für die damalige Leistung wäre er ebenso verantwortlich wie für die heutige. Seine letzte Pressekonferenz als italienischer Teamchef entspricht dem Führungsverständnis des 62-Jährigen: er bestimmt die Themen, die einzige Instanz, Kritik zu üben, ist das Ergebnis auf dem Platz. Unangenehme Nachfragen werden ignoriert, öffentliche Kritik wird mit der Autorität des Amts weggewischt. Das war so als die Beteiligung seines Sohns Davide am Calciopoli-Skandal kurz vor der WM 2006 aufflog und auch bei den endlosen Diskussionen um die richtige Kaderzusammensetzung für Südafrika.

Unbequemer Ugander
Ungewöhnliches bekommt Lippi dann von einem ugandischen Kollegen zu hören: ob Lippi nicht mit zweierlei Maß messe, wenn er Francesco Totti nach seinem Team-Rücktritt 2006 die Tür zur Rückkehr zuschlage, weil er dessen Entscheidungen respektieren müsse, selbst aber nach dem Ausscheiden bei der EM 2008 auf die Trainerbank Italiens zurückgekehrt sei. »Vielleicht sind die Motive meiner Rückkehr nicht bis Uganda vorgedrungen«, so die lapidare Antwort Lippis. Behutsamer gehen die italienischen Journalisten mit ihm um, eine tatsächliche Analyse bekommen sie dennoch nicht zu hören. »Ich übernehme die volle Verantwortung«, wiederholt der baldige Ex-Teamchef, »für alles.«

Die dermaßen aus der Verantwortung entlassene Mannschaft bleibt trotzdem in der Umkleidekabine und lässt die Journalisten in der Mixed-Zone warten. Wortkarg spazieren die Slowaken vorbei, die italienischen Reporter stürzen sich auf Napoli-Legionär Marek Hamsik, doch der slowakische Kapitän scheint von dem Erfolg fast unangenehm berührt. Er will nichts sagen.

Auf den Mund gefallene Routiniers
Das Warten geht weiter. Internationale Kollegen beklagen, dass sich noch keine Mannschaft so lange Zeit genommen hat, um sich den Fragen der Presse zu stellen. Über eine Stunde nach Schlusspfiff traut sich Gianluigi Buffon als erster durch die Gänge, in unregelmäßigen Abständen folgen seine Mannschaftskollegen. Der Nicht-Analyse von Lippi wird in den Kurzinterviews nicht viel hinzugefügt, einzig das Wort »vergogna« (Schande) fällt häufig. Viel mehr haben die Spieler nicht zu sagen. Wortkarg gibt sich auch Fabio Cannavaro. Er sagt nur: »Wir reden morgen!«

Dabei steht gerade Kapitän Cannavaro stellvertretend für das italienische Scheitern und das Wissen darum. Nach dem WM-Titel 2006 flüchtete er vor den Calciopoli-Konsequenzen zu Real Madrid. Dort im Vorjahr ausgemustert, kehrte er zur sportlich wieder genesenen Juventus zurück. Seinen Pensionsantritt als Profifußballer hat er bereits vor Anpfiff der WM in Südafrika bekannt gegeben: sein Vertrag bei Juventus wurde nicht verlängert, sein Jugendklub Napoli wollte ihn nicht zurück, also unterschrieb er bei Al-Ahli in Dubai. Lippi wollte nichtsdestotrotz auf den 36-Jährigen nicht verzichten.

Cannavaro ist kein Einzelfall im italienischen Team: die Weltmeister Mauro Camoranesi, Vincenzo Iaquinta (beide Juventus), Gianluca Zambrotta und Gennaro Gattuso (beide Milan) gehören nicht einmal bei ihren in dieser Saison enttäuschenden Klubs zu den Fixposten. Camoranesi und Gattuso hatten vor der WM öffentlich über einen Vereinswechsel spekuliert, aus der großen Chance zur Wiedergutmachung ist nichts geworden.

Prandelli und der Druck des Systems
Gemeinsam mit Cannavaro tritt Verbandspräsident Giancarlo Abete aus der Umkleidekabine. Mehr als ein schelmisches Grinsen kommt auch ihm nicht aus. Schließlich dürfte auch der Verband das Scheitern bereits antizipiert haben: Lippis zweite Amtszeit war nie als Zukunftsprojekt geplant, der Vertrag auf zwei Jahre begrenzt und sein Nachfolger Cesare Prandelli schon vor der WM engagiert.

Auf Prandelli ruhen jetzt die italienischen Hoffnungen. Er ist ein Experiment. Anders als seine Vorgänger kommt er nicht von einem der großen Klubs, noch ist Prandelli kein Mann des Systems. Als er bei Roma die Chance gehabt hätte, einer zu werden, nahm er sich aufgrund der Krebserkrankung seiner Frau eine Auszeit von einem Jahr. In seinen bisherigen Trainerstationen, zuletzt bei Fiorentina, war er im Aufbau junger Spieler höchst erfolgreich. Seine prominentesten Schützlinge Adrian Mutu und Alberto Gilardino kreuzten in den letzten zehn Jahren mehrfach seinen Weg.

Ob Prandelli tatsächlich einen Richtungswechsel im italienischen Fußball bewirken kann, bleibt zu bezweifeln. Die öffentliche Erwartung ist enorm, die Geduld gerade nach dem schlechtesten WM-Abschneiden aller Zeiten begrenzt. Prandellis Lösungsvorschläge müssen sich medial gut verkaufen können und die Klubs werden auf die Wahrung ihrer Interessen pochen. Um unter dem medialen Druck nicht zusammenzubrechen, wird er sich von Lippis Sturheit einiges abschauen müssen so arrogant wie sein Vorgänger muss er deshalb ja noch lange nicht werden.
ballesterer # 120

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