Die Statistik gibt ihm leider recht: Seit 1970 hat Uruguay 17 WM-Spiele bestritten und gerade mal eines davon gewonnen. Kein Wunder, dass das Image der Mannen vom Silberfluss Rio de la Plata ziemlich matt erscheint. Sind die »Urus« tatsächlich so eine lethargische Gesellschaft, wie sie in den Filmen von Juan Pablo Rebella und Pablo Stoll 25 Watts und Whisky durch die Szenerie schleicht? Spiegelte sich in den grenzenlos melancholischen Augen Enzo Francescolis die Volksseele Uruguays, das Wissen um die unwiederbringlich verlorene Weltgeltung von ehedem?
Melancholie, Lethargie keine Parameter im Gedankenspiel El Eliminador von Damian Didonato, einem ESPN-Journalisten, das einen WM-Sieg Uruguays prognostiziert. El Eliminador arbeitet mit dem Ausschlussprinzip, der Weltmeister bleibt übrig. Fangen wir an: Zuerst scheiden alle Länder aus, die nicht unter den Top 20 im Fifa-Ranking platziert sind. Neuseeland, Nordkorea und Südafrika sind raus. Dann eliminiert Didonato die Slowakei, Slowenien, Griechenland und Serbien, da »noch nie ein europäisches Team den Titel holte, wenn es in der Qualifikation öfter als einmal verloren hat.«
Australien, Paraguay und Algerien fliegen, weil sie in der Qualifikation unter der für einen Weltmeister erforderlichen Torquote von 1,5 bleiben. Debütanten haben auch noch nie gewonnen und so geht es weiter und weiter, Spanien wird eliminiert, weil sie in der Quali zu gut waren, was angeblich auch wieder schlecht ist. England hat keinen im Land geborenen Trainer, Europäer sowieso noch nie auf anderen Kontinenten gewonnen, bleiben Brasilien, Argentinien und Uruguay. Erst als Didonato Rücksicht auf die Hemisphären und die Stelle der Nullen in den Jahreszahlen nimmt, bemerke ich den Scherz, um den es sich hier hoffentlich handelt. Soviel zu den richtigen Zahlen.
Die richtigen Worte sind die Aufgabe von José Mujica, Ex-Tupamaro-Kämpfer und seit 1. März Präsident Uruguays. Als er mit der Mannschaft samt Betreuer beim präsidialen Abschiedsessen saß, gab er ihnen folgendes mit auf den Weg: »Die Weltmeisterschaft ist ein Fest des Sports, kein Krieg. Ihr repräsentiert das Land, die Träume und die Freude der Uruguayos. Wir haben große Gegensätze in unserer Gesellschaft. Aber die Celeste ist noch immer eine der wenigen Sachen, die wir alle gemeinsam haben. Aber wir sollen euch auch keine gigantische Verantwortung aufbürden, als ob ihr in einen Krieg ziehen würdet. Das einzige, um das ich euch bitte, ist dass ihr mit alegría (Freude, Fröhlichkeit, Anm.) spielt.«
Mir kamen zwar da schon die Tränen, aber Mujica legte noch einen drauf: »Burschen, das Leben ist es wert, gelebt zu werden. Jedes Mal, wenn ihr verliert, wisst ihr, dass man von neuem anfangen kann. Das gilt übrigens für alle Bereiche des Lebens.« Was wohl Nicolas Sarkozy gesagt hat?






WM-BLOG Der Blick auf den Doppelweltmeister Uruguay schweift automatisch in die Vergangenheit und färbt sich schwarz-weiß. Denn die zwei WM-Titel sind schon »fast nicht mehr wahr«, liegen
erscheint am 12. Juli 2013.
Abo bestellen