»Mein Vater ist von der Couch gefallen«

cache/images/article_1640_krauss_140.jpg Der Dortmunder Bernd Krauss hat 1981 die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen und einige Male gegen sein Geburtsland gespielt. Mit dem ballesterer sprach Krauss nach seinem Auftritt beim Club 2x11 über ein unglückliches Eigentor, seine Zeit bei Rapid und deutsch-österreichische Mentalitätsunterschiede.
ballesterer: Wie ist es gekommen, dass sie 1977 von Borussia Dortmund zu Rapid gewechselt sind?
Bernd Krauss: Ich habe als sehr junger Spieler keine Chance bei Dortmund gesehen. Der BVB ist damals in die Bundesliga aufgestiegen und mein damaliger Trainer Otto Rehhagel hat eher mit älteren Spieler geplant. Also habe ich nach Möglichkeiten gesucht, um spielen zu können. Über einen Vermittler bin ich zu einem Probetraining bei Rapid gekommen und hatte anscheinend einen guten Tag, denn sie haben mich verpflichtet. Diesen Schritt nach Österreich habe ich nie bereut.

Hans Krankl hat im Interview mit dem ballesterer gesagt, er und seine Rapid-Kollegen hätte Ihnen alles beibringen müssen: schießen, flanken, reden.
Ich war damals 20 Jahre alt und noch kein kompletter Spieler. Die Grundvoraussetzungen, Schnelligkeit und Kampfgeist, habe ich gehabt. Alles andere habe ich in Österreich gelernt. Ich bin bei Rapid aber super aufgenommen worden. Nach dem Training habe ich für den Hans Flanken geschlagen. Wenn eine nicht nach seinen Wünschen ausgefallen ist, konnte er schon wütend werden. Ich bin aber gut angekommen, sonst hätte ich von Krankl keinen Spitznamen verpasst bekommen.

Haben Sie als »Piefke« unter Ressentiments gelitten?
Nein, weil ich mit Emil Krause, der ebenfalls Deutscher war und schon länger für Rapid gespielt hat, eine sehr gute Bezugsperson hatte. Er hat mich in den Verein eingeführt und ist mir immer helfend zur Seite gestanden. Allerdings habe ich im ersten Jahr in Wien vieles nicht verstanden. Ich hab damals nicht mal gewusst, was »Viertel zehn« ist. Und wenn die Kollegen im Bus gezockt haben, sind mir sogar die Karten fremd gewesen.
Später haben Sie die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen.
Robert Sara hat im Nationalteam aufgehört und der Teamchef hat einen rechter Außenverteidiger gesucht. Ich habe damals ganz gut gespielt und der ÖFB hat angefragt, ob ich mir vorstellen könnte, Österreicher zu werden. Ich habe mich sehr geehrt gefühlt und und das Angebot angenommen, um sportlich weiterzukommen. Ein großer Patriot war ich nie.
Wie hat ihre Familie reagiert?  
Meine Eltern hatten damit ebenfalls kein Problem. Das ZDF hat Ihnen vor meinem Debüt gegen Deutschland das Angebot unterbreitet, sie während des Spiels auf der Couch zu filmen. Zum Glück haben sie nicht eingewilligt, vor allem wegen der Kommentare, die mein Vater beim Fußballspielen immer von sich gab. Als ich beim 0:1 den Ball ins eigene Tor gelenkt habe, war er so fix und fertig, dass er von der Couch gefallen ist.
Wie haben Sie die Szene in Erinnerung?
Das sind Sachen, die man nicht vergisst. Ich sehe Felix Magath heute noch vor mir, wie er aufs Tor rennt. Ich rutsche in den Ball, erwische ihn mit zwei Stollen und er kriegt so viel Effet, das er irgendwie ins Tor fliegt. Ich liege auf dem Boden und denke mir: »Er wird wohl nicht, er wird wohl nicht.« Dann war er schon drin.

Ein bitteres Debüt. Wie sind die Reaktionen der Teamkollegen ausgefallen?
Die waren super. Sie haben mich wieder aufgebaut und der Trainer hat auch zu mir gehalten. Es hat mich sehr belastet, aber niemand hat mir Absicht unterstellt. Gegen jede andere Mannschaft wäre die Aktion egal gewesen. Unterm Strich war es eine sehr unglückliche Konstellation.
Dennoch haben Sie sich im Team etabliert. Bei der WM 1982 sind sie Stammspieler gewesen.
Ich habe 22 Teamspiele absolviert und es hätten noch mehr sein können. Aber als ich zu Borussia Mönchengladbach gewechselt bin, habe ich die deutsche Staatsbürgerschaft wieder angenommen, um keinen Ausländerplatz zu besetzen. Es durften damals nur zwei spielen und mein Arbeitgeber hat mich um die Wiedereinbürgerung gebeten. Leider habe ich damit die Chance verloren, weiter für Österreich zu spielen.

Davor waren sie bei der WM-Endrunde in Spanien noch beim Nichtangriffspakt  von Gijon dabei.
Wenn beide Mannschaften nach dem 1:0 nicht so gehandelt hätten, würde man es ihnen heute vorhalten. Bei einem zweiten Treffer der Deutschen wären wir ausgeschieden, der Ausgleich hätte sie das Turnier gekostet. Das haben alle Spieler auf dem Feld gewusst, also ist keine Mannschaft mehr ein Risiko eingegangen. Das war eine logische Entscheidung, es hat aber keine Absprache gegeben.

Haben sie Unterschiede in den Mentalitäten deutscher und österreichischer Spieler feststellen können?
Generell lässt der Österreicher gewisse Sachen langsamer angehen. Zudem neigt er dazu, sich mit dem Status Quo abzufinden und sich zu denken: »Es geht mir eh guat.« Der Deutsche hingegen denkt sich eher: »Es kann mir immer besser gehen.«  
Bei Real Sociedad haben Sie Didi Kühbauer trainiert, der ja nicht unbedingt als pflegeleichter Spieler gegolten hat. Wie haben Sie Zugang zu ihm gefunden?
Ich hatte einen ganz normalen Umgang mit ihm und habe ihn behandelt wie jeden anderen auch. Nachdem wir ihn verpflichtet hatten, habe ich ihn zum Kaffeetrinken eingeladen, um ihn kennenzulernen. Ich habe mit ihm mehr als mit anderen Spielern gesprochen, weil es keine Sprachbarriere gegeben hat. Bevorzugt habe ich ihn aber nie, das hat er auch nicht gebraucht.
Haben Sie heute noch Kontakt zu Kühbauer?
Ich habe ihn am Tag nach dem Aufstieg der Admira angerufen und ihm gratuliert. Er hatte nicht mehr 3,0, sondern nur noch 1,5 Promille und ich gönne ihm diesen Erfolg von Herzen.
In der deutschen Bundesliga spielen zahlreiche österreichische Nationalspieler. Wem trauen sie besonders viel zu?
Es ist schwierig, jemanden herauszupicken. Martin Harnik ist ein guter Konterspieler. Ich habe nie verstanden, warum Mönchengladbach ihn für die relativ geringe Ablöse von 300.000 Euro nicht verpflichtet hat. Er hat bei Düsseldorf schließlich vor der Haustür gespielt. Der Einkauf von Martin Stranzl war dagegen ein guter Schachzug von Gladbach. Auf seiner Position ist er einer der besten Österreicher.

Christian Fuchs hat gesagt, er will Mainz verlassen, um in der kommenden Saison Champions League zu spielen.
Warum gibt er sich mit der Europa League nicht zufrieden? Hat er schon mal in der Champions League gespielt? Er ist vom Absteiger Bochum nach Mainz gekommen und hat gute Leistungen in dieser Saison gezeigt. Mit der Champions League überschätzt er sich aber etwas. Er weiß gar nicht, was das für eine Belastung ist.

Welcher Österreicher sticht außerdem noch heraus?
Marko Arnautovic, bei dem muss man aber die Birne erreichen. Arnautovic hat es eigentlich leicht in Bremen im Vergleich zu Hamburg oder München, weil er einem vergleichsweise geringen medialen Druck ausgesetzt ist. Da gibt es den Weser-Kurier und vielleicht noch die Bild-Zeitung. Ein Problem ist, dass die Selbstreinigungsprozesse innerhalb der Mannschaften heute nicht mehr wie früher vorhanden sind. Zu meiner aktiven Zeit haben sich die gestandenen Akteure im Training junge Spieler vorgeknöpft, die aus der Reihe getanzt sind. Die Bremer werden Arnautovic aber in den Griff kriegen. Dessen bin ich mir sicher.

Warum hat Österreich am 3. Juni (k)eine Chance, gegen Deutschland zu bestehen?
Österreich hat absolut eine Chance. Niemand erwartet von den Spielern einen Sieg, sie sind der Underdog. Gerade darin liegt die Gefahr für Deutschland. Sie haben genügend Punkte und könnten Österreich unterschätzen. Außerdem sind die Deutschen stärker aus dem Spielrhythmus, weil die Meisterschaft schon länger vorbei ist.  
Sie haben vor mittlerweile drei Jahren zum letzten Mal eine Mannschaft betreut. Betrachten Sie Ihre Trainerkarriere als abgeschlossen?
Ich vermisse meine Arbeit sehr. Aber die Zeiten sind schwer geworden, es kommen viele junge Trainer auf die Bühne. Es ist jetzt zehn Jahre her, dass ich in Deutschland tätig gewesen bin. Deswegen bin ich aus dem Trainerkarussell gefallen. Da wieder einzusteigen, das geht nur über gute Verbindungen und Kontakte.

Zur Person:
Bernd Krauss (57) spielte als Aktiver für Borussia Dortmund, Rapid Wien und Borussia Mönchengladbach. Für die Hütteldorfer absolvierte er 191 Spiele, schoss 18 Tore und wurde zweimal Meister sowie Pokalsieger. Zwischen 1981 und 1983 absolvierte er 22 Länderspiele für Österreich. Als Trainer arbeitete Krauss u.a. für Gladbach, Dortmund, Real Sociedad, Admira Wacker Mödling und RCD Mallorca. 1995 gewann Krauss den DFB-Pokal mit Mönchengladbach, wobei er als erster deutscher Trainer mit einer Viererabwehrkette spielen ließ.

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
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