Meine WM-Heldin

Jede WM hat ihre Helden, manche auch Heldinnen. Zum Beispiel eine Brüsseler Polizistin, die nach Portugals Einzug ins Semifinale mutterseelenallein den Autokorso bekämpfte.
Klaus Federmair | 03.07.2006


Es war Samstagabend, kurz nach acht. Portugal hatte soeben England nach Hause geschickt. Im für seine hohe Portugiesendichte bekannten Brüsseler Flagey-Viertel wurde auf den Straßen getanzt, der Verkehr war zusammengebrochen - alles Korso.

Ich suhlte mich im Verkehrschaos, Portugiesen fielen mir um den Hals, ein Somalier gratulierte mir, indem er mir eine Dose Bier schenkte. Mitten im fröhlichen Durcheinander steckte eine Tramway, aus der belustigte ÖV-Benutzer guckten. Man hatte sich damit abgefunden, dass manchmal auch eine Schiene nicht hilft.

Nur die Brüsseler Polizei, bekannt für unkonventionelle Sicherheitsstrategien, hatte etwas dagegen. Im Interesse des Verkehrsflusses versuchte sie mit äußerster Vehemenz, wenigstens die Hauptstraße zum Passieren freizubekommen. Sie - die Brüsseler Polizei. Oder auch: Sie - die Polizistin, die ihre Behörde mit dieser heroischen Aufgabe betraut hatte.

Don Quijote hatte seinerzeit wenigstens einen treuen Diener gehabt, unsere Polizistin war ganz allein. Mit ihren 1 Metern 60 und kaum 50 Kilo sprang sie in der immer noch heißen Abendsonne zwischen den Autos hin und her, drängte Menschengruppen auf den Gehsteig, legte sich mit bertunkenen Männern an, die zwei Köpfe größer waren als sie. Mit verbissener Miene setzte sie sich für ihre Sache ein, eine Eskalation drohte dennoch nie. Die Polizistin tat, was sie nicht lassen konnte, und wir mussten trotzdem in keinem Moment um ein Abflauen des Chaos bangen.

Nach mindestens einer halben Stunde kam ein Kollege, was nichts an der Situation änderte. Allerdings dürfte ihr dieser geflüstert haben, dass das Ganze nicht ganz so ernst zu nehmen ist. Denn plötzlich entkam der gestrengen Dame ein Lächeln, was ihr einer der hartnäckigsten Übermotorhaubenspringer mit einem Kuss auf die Wange dankte.

Ich blickte auf die Uhr und sah ein, dass ich meine Verabredung zum Spiel Frankreich-Brasilein mangels Verkehrsflusses wohl nicht einhalten konnte. Also verzog ich mich ins nächste Café und bewunderte entspannt Zinédine Zidanes großen Aftritt.

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Rubrik: WM-Tagebuch
ballesterer # 121

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