Meister aus Europa

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Randale in Marseille, Nazis in Lille – was ist los bei der Europameisterschaft in Frankreich? Ist das Turnier ein buntes Fußballfest oder eine Bühne für Rechte und Gewalttäter? Ganz einfach: beides. Ein Kommentar.

Nicole Selmer | 13.06.2016

Der erste EM-Spieltag in Lille: Tausende deutsche Fans zogen mit lauten Rufen und Gesängen durch die Straßen der Stadt. Sie kamen auf dem Weg zum Stadion vorbei an Wohnhäusern, in denen die Bewohner in den Türen und Fenstern standen. Dann winkten die Deutschen, sie sangen „Allez, les bleus“ und machten La Ola mit den Franzosen. Die wiederum winkten zurück und riefen „Bonne chance“ – Viel Glück. Der Fanwalk war organisiert vom Fan Club Nationalmannschaft des DFB, und es war dem Verband ein Anliegen, nicht von einem Fanmarsch zu sprechen, sondern eben einem Walk.

Früher am Tag hatten knapp 30 deutsche Fans am Bahnhof von Lille mit einer Reichskriegsflagge posiert. Schnell machte das Foto in den sozialen Netzwerken die Runde. Den nicht vermummten jungen Männern war dies auch vermutlich ein Anliegen. Schon zuvor hatten sie und einige Dutzend weitere Deutsche in Lokalen der Stadt sicht- und hörbar Präsenz gezeigt. Während sich südlich der Altstadt der Fanspaziergang Richtung Stadion in Marsch setzte, griff eine Gruppe von etwa 50 Deutschen auf dem zentralen Platz von Lille ukrainische Anhänger an und verletzte mindestens einen von ihnen. Bis die bis dahin kaum präsente französische Polizei auftauchte, dauerte es. Lange genug, damit die Angreifer wieder verschwinden konnten.

Was in Lille passiert ist, ist mit den deutlich gewalttätigeren Ausschreitungen in Marseille nicht zu vergleichen. Oder vielleicht doch. Denn auch in Marseille gab es andere Bilder als die von Gewalt. Dort feierten englische, russische und französische Fans ebenfalls friedlich – auch miteinander. Auch dort kündigten sich die Ausschreitungen im Voraus an, die französische Polizei blieb lange untätig. Ein Versäumnis, das die englische Fanorganisation „Football Supporters Federation“ anprangert. Ebenso wie die Tatsache, dass die Polizei, als sie dann tätig wurde, vor allem zu einem Mittel griff, nämlich Tränengas, das Angreifer genauso trifft wie Angegriffene. Alles andere also als eine effektive Sanktion oder gar ein Schutz für die Attackierten.

Die Vorfälle von Lille und Marseille werfen jedoch nicht nur einige Fragezeichen auf, was den Umgang der französischen Polizei mit kritischen Situationen angeht. Sie verweisen auch auf zwei unangenehme – und nicht unbedingt neue − Wahrheiten über den Fußball: Der Fan Club Nationalmannschaft mit seinem Fanwalk, feiernde Engländer in Marseille, die Angreifer aus dem Kreis der OM-Ultras und der russischen Fans, die deutschen Fans mit ihrer schwarz-weiß-roten Fahne – sie alle möchten gern Repräsentanten dieser EM sein. Ihre Aktionen sind mehr oder minder explizite Botschaften, die sagen: „Hier sind wir, dieser Platz ist unser, das sind die Werte, für die wir stehen.“ Und – jetzt kommt der unangenehme Teil – sie alle haben damit recht. Die Europameisterschaft 2016, das sind friedliche und prügelnde und rechte Fans. Von der ersten Sorte gibt es mehr als von der zweiten, und nicht alle tragen ihre politische Meinung vor sich her. Aber sie sind alle Teil des großen Geschäfts und Fankulturbetriebs Fußballs, ob es uns gefällt oder nicht. Die Unterteilung in Fans und Nicht-Fans, die Sortierung in Party, die zum Sportevent dazugehört, und Gewalt, die damit nichts zu tun hat – das sind Illusionen und Abwehrstrategien, die ihren Zweck schon lange nicht mehr erfüllen. Um sich ernsthaft mit Gewalt und Rechtsextremismus auseinanderzusetzen, müssen sie zur Seite gelegt werden.

Die zweite unangenehme Wahrheit, die 2016 noch deutlicher sichtbar ist als vor vier oder acht Jahren: Eine Europameisterschaft sagt uns etwas über den aktuellen Zustand von Europa. Und zwar nicht nur den sportlichen. Dass Fußballfans aus verschiedenen Städten öffentlich gemeinsam ihre Gesinnung mit der Reichskriegsflagge zur Schau stellen, verweist auf den Aufschwung der rechten Bewegungen auf den Straßen in Ost- und Westdeutschland und die Stimmengewinne für die „Alternative für Deutschland“. Nationalismus, Rassismus, Terrorangst und Islamophobie prägen derzeit die politische Stimmung des Kontinents. Die Engländer mögen mit ihren Gesängen wie „Ten German Bombers“ und „If it wasn’t for the English, you’d be a Kraut“ noch Reminiszenzen an lange zurückliegende Kriege pflegen, doch die meisten Konflikte, die die EM begleiten, sind aktuell. 

 

Update: In einer früheren Version des Textes stand, dass die Reichskriegsflagge in Deutschland verboten sei. Die Passage ist geändert, da nur das Verwenden der Version mit Hakenkreuz strafbar ist. Die in Lille gezeigte Flagge könnte in Deutschland wegen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit beschlagnahmt werden.


Foto: it 

Referenzen:

Thema: EM 2016
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