Mentalitätssache

cache/images/article_1481_selmer2_140.jpg WM-BLOG »La Mannschaft« war gestern, »Internationalmannschaft« ist heute. Geht es um die Erfolge des deutschen Teams, wird auch immer wieder die bunte Mischung des Kaders erwähnt: Elf Spieler haben mindestens ein Elternteil, das nicht in Deutschland geboren ist. Haben TV-Kommentatoren deutsche Mentalität und Tugenden auch von den Notizzetteln gestrichen? Natürlich nicht.
Nicole Selmer | 29.06.2010
Die Verbindung von Fußball und nationalen »Mentalitäten«, einer irgendwie ursprünglich, genetisch, biologisch oder sonstwie natürlich imaginierten Lebensart und Spielweise, scheint manchmal die letzte Bastion im Kampf gegen Globalisierung und Kommerzialisierung des Spiels zu sein. Inter Mailand gewinnt die Champions League mit portugiesischem Trainer und ohne Italiener, Argentinier werden Paraguayer, Jungs aus dem Berliner Wedding dirigieren Ghana ins Viertelfinale und ein Gelsenkirchener, der Mesut heißt, macht die Engländer platt. Wer soll sich da noch auskennen?


Zumindest Kahn und Netzer, als Studioexperten bei ZDF und ARD tätig, sind sich ihrer Mentalitätssache noch immer sicher. »Der Asiate«, weiß Kahn, ist immer höflich und zeigt Respekt, deswegen spielten die Südkoreaner gegen Argentinien und Uruguay so ängstlich. Oder warens die Japaner gegen die Niederlande? Ach, egal. Die Asiaten halt. Einen großen Clash mit der »nordeuropäischen« Mentalität stellt Netzer für die Gruppe E mit Dänemark und Kamerun fest. Die »Afrikaner« hingegen, das weiß ja auch jeder, sind total undiszipliniert, aber sie haben Spaß. Tanzen und singen ja auch immer lustig vor den Spielen.

 

Ex-Bundesligatrainer Winfried Schäfer, der u.a. auch die kamerunische Nationalmannschaft trainierte, erklärte der Sportschau, wie das ist mit dem afrikanischen Fußball bei der WM. Und es stellt sicher heraus: unafrikanisch irgendwie, zumindest bei Ghana und der Elfenbeinküste: »Die Ghanaer stürmen nicht wild drauflos, sondern halten sehr sicher die Positionen. Da ist eine englische Mentalität zu spüren.« Aha, englisch. Und: »Die Ivorer spielen zu defensiv, das ist nicht afrikanisch. Afrikanischer Fußball lebt von der Spielfreude.«


Mentalitätstechnisch total versagt haben auch die Brasilianer, die Ballzauberer und Sambafußballer, die alle jederzeit technische Glanzstücke abliefern können, so sind sie eben. Ein ewiger Karneval. Und wenn Lucio dann zu einem seiner Storchenläufe übers Spielfeld ansetzt, Dunga am Rand in seinem Strickpulli steht und Luis Fabiano vorne irgendwie auch nicht gerade Ronaldinho-Tricks nachspielt dann liegt der Fehler selbstredend bei ihnen und nicht beim Konzept der Mentalität an sich. Die Brasilianer, da sind wir uns alle einig, haben echt enttäuscht bei dieser WM.


Wenn es nach Europa geht, wirds auch differenzierter. Da gibts ja Länder, nicht so wie in Afrika oder Asien, das sind einfach große Landmassen mit vielen Menschen drauf. Europa also. Die Dänen zum Beispiel. Was meint Oli Kahn? Das sind Spaßfußballer, kommen aus dem Urlaub und werden Europameister. Hei, wie lustig, die immer sind, die Dänen. Wer die deutsche Bundesliga verfolgt, der muss bei diesen Worten unwillkürlich an Christian Poulsen denken, früher bei Schalke 04 - ein Spaßfußballer, wie er im Buche steht.


Aber zurück zum Anfang. Beim Spiel der Deutschen gegen Australien versuchte sich Béla Réthy an einer Erklärung, was aus den deutschen Tugenden geworden ist. Die bekämen jetzt durch Spieler wie Özil oder Khedira eine und hier zögert er. Tja, was sagen? »Türkische«? Macht das Sinn? Ist Özils Fußballkunst mental türkisch? Und Özil selbst? Der Mann ist in Gelsenkirchen geboren, Sami Khedira in Stuttgart und Jerome Boateng in Berlin. Es ist nicht leicht. Réthy flüchtet sich in »eine internationale Note«. Aufgeben will er die Tugenden nicht.

ballesterer # 121

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