Mexiko im El Dorado

360 Tage trennten Mexikos bittere Niederlage im Halbfinale der U20-WM in Kolumbien von der Revanche an ungleich bedeutenderer Stelle im Finale des olympischen Fußballturniers von London. Wiedergutmachung war wie am Tag davor im Frauenfinale also auch in Wembley ein geflügeltes Wort. Unverdient war der 2:1-Erfolg der Mexikaner über Brasilien aber keinesfalls.
Robert Florencio aus London | 13.08.2012
Diesmal nehme ich den Direktbus von meinem Quartier, das ebenfalls im Norden Londons liegt, und nach knapp halbstündiger Fahrt macht sich schon der imposante Bogen des gemeinsam mit dem Aztekenstadion in Mexiko-Stadt beeindruckendsten Stadion der Welt bemerkbar. Für die mexikanischen Spieler ist das historische Erbe dieser Spielstätte und die schiere Größe nichts Ungewöhnliches, das kennen sie von zu Hause nur zu gut, noch dazu fasst ihr Nationalstadion mit 110.000 Zuschauern sogar 20.000 Zuschauer mehr.

Sturmwarnung und falsche Schnauzer
Mit Ausnahme eines Confederation-Cup-Sieges mussten die Mexikaner bislang auf einen großen Titel warten. Die starke Beeinflussung durch US-Sportarten und die oft zitierte Bequemlichkeit, sich um einen Auslandstransfer gar nicht zu bemühen, da man in der heimischen Liga ohnehin recht gut verdienen könne, wurden in der Vergangenheit gerne als Gründe für das eher bescheidene Abschneiden der »Tri« angeführt. Die neue Spielergeneration scheint aber einen Mentalitätswechsel vollzogen zu haben. Hans Wurzer, mein bayrischer Freund mit Trainerschein, der sich nach der U20-WM für ein halbes Jahr nach Mexiko begeben und dort zahlreiche Spieler beobachtet hat, berichtete schon im Vorfeld des Olympiaturniers von einer taktisch sehr disziplinierten, geschlossenen Einheit, die das Zeug dazu habe, ganz weit zu kommen. Den 28-jährigen Stürmer Oribe Peralta von Chivas Guadalajara und das vielversprechende Mittelfeldtalent Hector Herrera strich er dabei als besonders interessante Spieler hervor. Womit er recht behalten sollte.

Nach der verspäteten Ankunft beim Halbfinale betrete ich diesmal schon eine Stunde vor Spielbeginn das Stadion, vor dessen Toren noch einige brasilianische Fans vergeblich nach Karten suchen. Das Stadion ist trotzdem nicht ganz voll, knapp 5.000 Plätze bleiben frei. Die Mexikaner sind zwar klar in der Unterzahl, aber kreativ kostümiert: Zu den traditionellen Sombreros gesellen sich viele Fans mit aufgeklebten Schnauzbärten. Ob es sich dabei um eine Referenz an Roberto Rivellino handelt, der vor 42 Jahren das Heimpublikum bei der WM in Mexiko mit seinen »Atomschüssen« beeindruckt hat, lässt sich nicht verifizieren. Viele britische Mädchen haben sich brasilianische Shirts übergestreift, auffällig ist auch die breite Präsenz der indisch-pakistanischen Community in London, deren Ursprungsländer sonst ja noch weitgehend weiße Punkte auf der Fußballweltkarte sind.

Salto nullo, Mexiko uno
Eine beeindruckende olympische Nullleistung erbringen die beiden Matchpräsentatoren, die sowohl bei der englischen als auch bei der französischen Durchsage der Mannschaftsaufstellungen keinen einzigen Namen eines brasilianischen Spielers richtig aussprechen. Mit den Schiedsrichternamen gibt es keine Probleme, wird dieses doch vom Engländer Mark Clattenburg angeführt, der kurioserweise vor einem Jahr in Kolumbien auch den 2:0-Sieg der Brasilianer geleitet hatte. Auch der brasilianische Tormann Gabriel, Innenverteidiger Juan Jesus und Mittelfeldstratege Oscar sowie die Mexikaner Reyes und Enriquez waren letztes Jahr schon dabei.

Viele Zuschauer haben ihre Plätze noch gar nicht eingenommen, als Mexiko nach 40 Sekunden für den ersten Toralarm sorgt. Ausgerechnet Manchester-United-Spieler Rafael legt einen fatalen Querpass hin, und Peralta hat keine Mühe, das 1:0 zu besorgen. Es dauert über 30 Minuten und benötigt die Einwechslung von Hulk, damit Brasilien zur ersten nennenswerten Chance kommt. Neymar ist bemüht und versucht der engen Deckung mit Schüssen aus der Distanz zu entkommen, verfehlt aber mehrmals knapp.

Menezes und der goldene Strick
In der zweiten Hälfte ein ähnliches Bild: Die Brasilianer finden keine Mittel, um zum Erfolg zu kommen, während die Mexikaner im Konter brandgefährlich bleiben. Ein Abseitstor und ein sehenswerter Seitwärtsfallrückzieher von Fabian künden von der mexikanischen Torgefährlickeit an diesem Nachmittag. Die nach der Einwechslung von Pato dezimierte brasilianische Verteidigung ist bei einem Freistoß völlig desorientiert, und Peralta schlägt erneut zu. Während der Jubel bei den Mexikanern grenzenlos ist, fährt sich auf der Nebenbank Brasiliens Coach Menezes mehrmals mit der Hand durchs schüttere Haar. Vermutlich denkt er schon an seinen Rapport bei Verbandspräsident Marin, der ihm möglicherweise den goldenen Strick präsentieren wird.

Ob ihm sein Freund und Sportdirektor Sanches den Posten retten kann, bleibt abzuwarten. Mit Corinthians-Trainer Tite, der einen Meister- und einen Copa-Libertadores-Titel vorweisen kann, würde der logische Nachfolger schon bereitstehen. Doch noch ist das Spiel nicht beendet. Der Anschlusstreffer von Hulk in der 91. Minute lässt Brasilien noch kurz hoffen. Und es sollte zu einer neuerlichen historischen Parallele kommen: Ähnlich wie bei der legendären 2:3-Niederlage gegen Italien bei der WM 1982, als Abwehrspieler Oscar Bernardi in letzter Sekunde einen Kopfball nicht im Tor von Dino Zoff unterbringen konnte, ist es diesmal sein Namensvetter, der ebenfalls einen Kopfball in der Nachspielzeit danebensetzt. Soll noch einer sagen, Geschichte wiederhole sich nicht.

Wo sind die großen Brasilianer?
Zur Siegerehrung verzichtet FIFA-Präsident Sepp Blatter nach den negativen Erfahrungen beim Frauenfinale auf den Auftritt bei der Medaillenübergabe. Wieder darf Lydia Nskera als einzige FIFA-Offizielle die Silbermedaillen an die geschlagenen Brasilianer überreichen, während der Marin-Busenfreund Marco Polo del Nero, der Brasiliens Sitz im Exekutivkommitee von Verbandspräsident Teixeira übernommen hat, die Blumen an die siegreichen Mexikaner überreicht.

Danach dürfen die Außenseiter ihren großen Erfolg auf der Ehrenrunde bejubeln, ein Spieler holt sich sogar von einem Fan einen Riesensombrero und setzt ihn sich auf. Vor den Stadiontoren stimmen die mexinakischen Fans Jubelchoräle an. Neben dem traditionellen »Mexico, Mexico, ra, ra, ra« ist es anlassbezogen die höhnisch gesungene Frage: »Donde estan los brasilenos que nos iban a ganar?« (Wo sind sie jetzt, die Brasilianer, die angekündigt haben, uns zu besiegen?). Rache kann wahrlich süß sein.
ballesterer # 121

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