Mit dem Sportminister bei Amnesty

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Wechselvolle Tage in Rio für unseren Olympia-Korrespondenten: Zwischen den Halbfinalpartien des Fußballturniers der Männer und Frauen steht ein Besuch mit der österreichischen Delegation bei Amnesty International auf dem Programm. 

Robert Florencio | 18.08.2016

Die beiden Semifinale des olympischen Fußballturniers bringen die Rückkehr ins Maracana-Stadion, Schauplatz des WM-Finales 2014. Das Stadion, das mit seinem offiziellen Namen „Jornalista Mario Filho“ den Namen eines Sportjournalisten trägt, ist für Medienleute ein wahres Paradies. Mit seinem Platzangebot auf der Tribüne und in den Arbeitsräumen lässt es keinen Wunsch offen. Der Tag beginnt allerdings mit einer Todesnachricht. Joao Havelange, ehemaliger FIFA-Präsident sowie Olympiateilnehmer 1936, erliegt im 101. Lebensjahr einer Lungeninfektion. Havelange hatte die FIFA zwar ins Zeitalter der Globalisierung geführt, aber auch den Ruf, hochkorrupt zu sein. So war er einer der Hauptbegünstigten des FIFA-ISL-Skandals, der um die Jahrtausendwende für Schlagzeilen sorgte. Für den Journalisten Juca Kfouri, mit dem er sich in zahlreichen Gerichtsprozessen duellierte, war Havelange einer der Hauptverantwortlichen dafür, dass sich die FIFA zu einer „Cosa Nostra“ des Sports entwickelte. Havelanges Stern war in den letzten Jahren derart gesunken, dass Botafogo das Olympiastadion, das offiziell noch seinen Namen trägt, bei seinen Spielen mittlerweile nach der Klublegende Nilton Santos nennt. Zudem musste Havelange seine Ehrenmitgliedschaft im IOC zurücklegen.

Das Semifinale der Frauen zwischen Brasilien und Schweden beginnt ohne Trauerminute für den verstorbenen Multifunktionär. Nach ihrem 5:1-Sieg bei derselben Paarung in der Vorrunde gehen die Brasilianerinnen als klare Favoritinnen ins Spiel, doch dieses Mal setzt die schwedische Teamchefin Pia Sundhage auf eine starke Defensivorientierung. Nach 120 torlosen Minuten in der sengenden Mittagshitze des Maracana, wo die Zuschauer die schwedische Torfrau Hedvig Lindahl wieder mit homophoben Gesängen bedenken, stehen die Überraschungsfinalistinnen fest. Schwedens Frauen gewinnen das Elfmeterschießen 4:3. Die Schützin des letzten Elfers, Lisa Dahlkvist, erklärt nachher: „Ich habe die Pfiffe der Fans als Anfeuerungsrufe für mich umgedeutet und mich durch die tolle Kulisse tragen lassen.“ Brasiliens Fans treten enttäuscht den Heimweg an. Und das an einem Tag, an dem auch die Handball- und Volleyballteams der Frauen ausscheiden.

Ausgeschieden sein, heißt es aber auch für einen beträchtlichen Teil der Bewohner Rios, denen jede Chance genommen wird, am sozialen Leben der Stadt teilzunehmen und einen gesellschaftlichen Aufstieg zu schaffen. Mein Vormittag des Männersemifinales steht ganz im Zeichen dieses Themas. Dank einer Initiative der Plattform „Nosso Jogo“ konnte ich eine Delegation um Sportminister Hans Peter Doskozil zur Niederlassung von Amnesty International in Rio begleiten. Die Menschenrechtsberaterin Renata Neder legt erschreckende Zahlen offen, nach denen in Rio alleine letztes Jahr 675 Personen von Polizisten getötet wurden, oft als Hinrichtung. Alleine seit Beginn der Spiele wurden bereits acht Opfer gezählt. Im Laufe des 90-minütigen Gesprächs kommt auch die Aktivistin Maria da Penha vorbei, die zu den enteigneten Hausbesitzerinnen im Viertel Villa Autodromo gehört. Als sie eine Familie vor der Zwangsräumung schützen wollte, wurde sie von Sicherheitskräften verprügelt. Doskozil lässt sich ihren Fall genau schildern, ich übersetze zwischen beiden. Sie ersucht den Minister, dafür zu sorgen, dass es bei künftigen sportlichen Megaevents niemals mehr zu solchen Szenen des Leids und des Psychoterrors kommt, wie sie sie erleben musste. Das IOC hätte zwar mit der Annahme der Olympischen Agenda 2020 einen ersten Schritt zur größeren Beachtung von Menschenrechten bei Ausrichterstädten gemacht, der Fall Rio zeige aber, das dies zu wenig sei. Maria da Penhas Kampf war letztendlich erfolgreich. Ihrer und 22 anderen Familien der ursprünglich 700 zwangsweise Vertriebenen wurde von der Stadtverwaltung ein neues Haus nahe ihrer alten Wohnstätten hingestellt. Sie verabschiedet sich herzlich von der Delegation, wünscht dem Minister Gottes Segen, der wiederum verspricht, bei seinem nächsten Aufenthalt in Rio Anfang September anlässlich der paraolympischen Spiele eine von staatlicher Gewalt besonders betroffene Favela zu besuchen. 


Während es die ministerielle Delegation zu den Segelbewerben zieht, mache ich mich auf den Weg ins Maracana, wo das Semifinale der Männer zwischen Brasilien und Honduras ansteht. 77.000 brasilianische Fans kann auch ein noch heißerer Tag als beim Semifinale der Frauen in ihrer Euphorie nicht stoppen. Alle Befürchtungen, das von Honduras geplante 5-4-1-System würde zu einem torlosen Defensivspektakel führen, lösen sich bereits nach zwölf Sekunden auf. Verteidiger Johnny Palacios will den Ball elegant aus dem Strafraum rausspielen, wird dabei jedoch von Neymar überrumpelt, der sich die anschließende Chance nicht entgehen lässt. Honduras’ Trainer Jorge Luis Pinto muss die Taktik auf Angriff umstellen, plötzlich stehen die Verteidiger extrem weit vor ihrem Tormann. Die brasilianische Offensive mit vier nominellen Stürmern hat ein Leichtes, den Gegner mit Steilpässen aufzureißen und fast beliebig zu scoren. Der 19-jährige Manchester-City-Neuzugang Gabriel Jesus kann bis zur Pause auf 3:0 erhöhen.

Das Spiel läuft auch nach der Pause wie auf einer schiefen Bahn in Richtung Tor der Zentralamerikaner. PSG-Verteidiger Marquinhos nach einem Eckball, Gremio-Stürmer Luan nach einer schönen Kombination über Felipe Anderson und Rafinha sowie Neymar, der überraschenderweise durchspielt, sorgen für den 6:0-Sieg. Am Samstag ist der Finalgegner Deutschland, das bei der WM vor zwei Jahren für das größte Debakel in der Geschichte des brasilianischen Fußballs sorgte. Mit Horst Hrubesch wird das Team wieder von einem Coach angeführt, der wie Jogi Löw eine Vergangenheit als bei der Wiener Austria entlassener Trainer aufzuweisen hat. Die brasilianischen Fans tangiert das nicht, sie sind erst einmal froh, Honduras so überzeugend in die Schranken gewiesen zu haben. „1.000 Tore nur von Pele, nur von Pele, Maradona ist eine Koksnase“, hallt es durch das Stadion in Abwandlung eines argentinischen Chants von der WM 2014. „Deutschland Du kannst warten, Deine Stunde kommt noch“ ist ebenfalls zu vernehmen, obwohl der Finalgegner zu dieser Stunde noch nicht feststeht. Samstagabend werden wir sehen, ob die herbeigesehnte Revanche gelingt.

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