Mit den »Black Stars« im Dschungelcamp

cache/images/article_1776_muntari_140.jpg CAN 2012 Wer die Teamspieler von Ghana beim Training beobachten und zum Interview bitten will, muss in den gabunischen Regenwald. Auf der Hin- und Rückreise lassen sich spannende Bekanntschaften machen. In Äquatorialguinea dagegen ist die neueste Zeitung vom 20. Jänner und die Stadionkatastrophe von Port Said hat nie stattgefunden.
Kurt Wachter aus Bata | 04.02.2012
Die Black Stars in Ghana logieren nicht in Franceville, sondern in Ngounie und das ist weit ab vom Schuss. Ich werde gewarnt: »Cest tres loin«, mindestens 50 Kilomenter, und ohne eigenen Fahrer würde ich am Abend nicht mehr zurückkommen. Die Aussicht auf Spielerinterviews lassen mich in ein teures Taxi steigen. Wir brausen mit Highspeed über die bestens ausgebaute Straße durch den Regenwald in Richtung kongolesischer Grenze. Der Pressesprecher des Verbands hatte mir zuvor am Telefon geraten, am späten Nachmittag zum Training zu kommen.

An der Kreuzung nach Bongoville werden wir an einer Straßensperre angehalten. Im kleinen Bongoville wohnt Botswana in einem Luxuskomplex, samt staatlichem olympischem Stadion. Purer Zufall, dass der Vater des jetzigen Präsidenten, Omar Bongo Ondimba, der Gabun während 42 Jahre autokratisch regierte, hier in Bongoville geboren wurde.

Die finster blickende Chefin des Militärpostens will unsere Ausweise sehen. Die reifere Dame trägt Springerstiefel, Militärhosen und darüber ein T-Shirt mit der großen Aufschrift: »Pfundskerl« und »Dahoam is Dahoam«. Mit einem plumpen Versuch, nicht zu grinsen, zeige ich ihr meinen Akkreditierungs-Badge und weiter geht die Fahrt.

Am Rand des Dorfs Ngounie trainieren die »Black Stars« bereits, begleitet von einer eigens engagierten ghanaischen Band. Journalisten werden erst am Ende in das Ministadion gelassen. Eurosport will ein Interview mit Sulley Muntari, Champions-League-Sieger mit Inter. Muntari scherzt und sagt: »But only in Hausa«. Ich packe meine rudimentären Kenntnisse der west- und zentralafrikanischen Sprache aus und frage Muntari spontan, wie es ihm geht. Wir verabreden uns auf English für ein Interview nach dem Essen. Auch mit St.-Pauli-Mittelfeldspieler Charles Takyi werde ich einig auf Deutsch.

Muntari ist dann plötzlich nicht mehr auffindbar, und so sitze ich mich mit dem zuvorkommenden Charles Takyi beim ballesterer-Interview. Warum sich der Turnierfavorit gegen Botswana so schwer getan habe. »Wir haben uns zwei Wochen vor dem Turnier getroffen und trainiert. Wir haben nicht gewusst, wo wir stehen. Vor so einem Turnier hat man nicht großartig Zeit, sich zu finden und deswegen ist es wichtig, mit einem Sieg in den Afrika-Cup zu starten. Es war ein schwieriges Spiel, Botswana ist defensiv gut gestanden und uns die Möglichkeiten genommen. Jetzt müssen wir gucken, das wir uns von Spiel zu Spiel steigern.«

Eigentlich wollte ich ihn noch fragen warum er keinen typisch germanischen Namen hat wie die »deutschen« Ghanaer vor ihm, Otto Addo und Hans Sarpei? Doch er kommt mir zuvor: »Im Team werde ich schon als Deutscher angesehen. Aber meine Wurzeln sind in Ghana, meine Eltern kommen von hier und daher beherrsche ich auch selber die Sprache sehr gut.«

Im zweiten Gruppenspiel gegen Mali kommt Takyi dann für Muntari beim Stand von 0:0 aufs Feld und gibt damit sein Afrika-Cup Debüt. Genial war vor allem das 2:0 für die »Black Stars«. Asamoah Gyan schickt André Dede Ayew mit einem Fersler, der nimmt Speed auf, lässt zwei malische Verteidiger stehen und trifft mit seinem schwächeren Fuß in die kurze Ecke. Der 22-jährige Ayew kann den Ghana-Fans bei dem Turnier noch viel Freude bereiten. Erst gilt es am Samstagabend in Franceville jedoch die Hürde Tunesien im Viertelfinale zu meistern.   

Die Rückkehr nach Franceville ist dann wie so vieles hier: abenteuerlich. Unter dem nächtlichen Tropenhimmel beginne ich Richtung Dorf zu marschieren. Ein Gendarm auf seinem Motorrad bleibt stehen, und schon sitze ich auf dem Aufbau seiner fetten Maschine und klammere fest an ihn. Zweiten Sitz gibt es keinen.

Am nächsten Tag wage ich es nochmal nach Ngounie. Bei der Pressekonferenz mit Coach Goran Stefanovic und Interimskapitän John Paintsil bin ich der einzige europäische Journalist. Mit der Abgeschiedenheit kann man es auch übertreiben. Es klappt dann sogar mit dem Interview mit Muntari, der sich von der Sozialkompetenz seines Ex-Inter-Kollegen Marco Arnautovic nicht so begeistert zeigt. Mehr dazu in der März-Ausgabe des ballesterer. Auch Isaac Vorsah von Hoffenheim empfindet ein Gespräch mit einem europäischen Journalisten offenbar als willkommene Abwechslung. Nach Ablauf seiner Sperre steigt er im dritten Spiel erstmals gegen Guinea ins Geschen ein.

Am Samstag gebe ich mir in Bata das Viertelfinale zwischen Sambia und dem Sieger des Afrika-Cups von 1970, Sudan. Das Match in dem 35.000 Zuschauer fassenden Estadio de Bata droht zum gutbewachten Geisterspiel zu werden, im Mediencenter sitzt am Nachmittag vor dem Match nur eine Handvoll internationaler Journalisten und das Zuschauerinteresse dürfte auch keine besonderen Ausmaße annehmen. Sudans Coach Mohamed Abdallah zeigt bei der Abschlusspressekonferenz keine Ehrfurcht vor Sambia: »Jetzt, wo wir ins Viertelfinale gekommen sind, werden wir nicht aufgeben. Wir wollen weiterkommen.«

Wenn das Gastgeberland Gabun abenteuerlich ist, muss man die steinreiche Petrodiktatur Äquatorialguinea in höchstem Maße als skurril-befremdlich bezeichnen. Die aktuellste erhältliche Tageszeitung datiert vom 20. Jänner. Das tragische Stadiondesaster in Port Said existiert hier medial gar nicht, Bilder davon werden im nationalen TV wie schon von den Aufständen während des arabischen Frühlings erst gar nicht gezeigt.

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Rubrik: Aktuell
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