Mit Onkel Sam am Betze

Wie amerikanische Fans den Fußball in Deutschland kennen lernen
Gastautor | 19.06.2006

Zu den ersten Lektionen bei der Erschließung der deutschen Fußball-Landschaft gehört ein Ausflug in die rheinland-pfälzische Provinz. Nach Kaiserslautern, tief in den Pfälzer Wald. Das Erklettern des Betzenbergs, auf dem das Fritz-Walter-Stadion wie eine trutzige Burg mächtig über der Stadt thront, gehört zu den wichtigsten Erfahrungen, die man als Fußballfan in Deutschland mindestens einmal gemacht haben sollte.

Das galt auch für rund 15.000 amerikanische Fans, die sich am vergangenen Samstag bei tropischer Hitze zu Deutschlands höchstem Fußball-Berg aufgemacht hatten. In Kaiserslautern, in "K-Town", wie die US-Garnisonsstadt von den Amerikanern und auch von den Pfälzern liebevoll genannt wird, trat die US-Nationalmannschaft zum essentiell wichtigen Gruppenspiel gegen die favorisiere Elf aus Italien an.

Eine Außenseiterrolle, die den per Sonderzug angereisten Amerikanern zu liegen scheint. Denn Amerikaner lieben Geschichten von Underdogs. Auch und gerade weil der "Soccer", wie der Fußball nach europäischen Regeln in den Staaten genannt wird, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten auch zwölf Jahre nach der Weltmeisterschaft in den USA noch nicht zur Publikumssportart geworden ist. Die Profi-Tour im Damen-Bowling, professionelles Poker oder Hochseefischen locken im Schnitt immer noch mehr Amis vor die Fernsehgeräte als Fußball. James B. Smith aus New York State ist bekennender Fan des FC Liverpool. Er glaubt zu wissen, warum der Fußball in Amerika noch nicht so weit ist, wie sich die Verantwortlichen um Trainer Bruce Arena sich das wünschen: "Das Problem ist, dass viele Profiklubs in den riesigen Stadien der Vereine aus dem American Football spielen. So sind die Arenen meist nur halb gefüllt und es kommt kaum Stimmung auf."

In der Stadt, auf der belebten Fan-Meile zwischen Eisenbahnstraße und Stiftsplatz, dem Epizentrum der Lauterer Fußballbegeisterung in der Altstadt, haben die Amerikaner das Sagen. Nur mit dem Skandieren von Fangesängen mit "Echo" aus der Menge haben sie Probleme und müssen zwischendurch lachend abbrechen. Die Bilder von den friedlich miteinander feiernden Fans aus den USA und Italien gefallen auch FCK-Stürmerlegende Olaf Marschall, der es sich an einem der zahlreichen Bierstände gut gehen lässt.

Im Stadion dominiert Azurblau: Mehr als 20.000 italienische Fans sind auf den Betzenberg gekommen. Ihr Team enttäuscht, gegen neun Amerikaner findet die "Squadra Azzurra" kein rechtes Mittel. Das Bild in der US-Fankurve ist ein buntes. Der offizielle Nationalmannschafts-Fanklub "Sam`s Army" (gegründet 1994) ist mit mehreren tausend Mitgliedern angereist, auch die "First Minnesota Volunteers" sind anwesend. Vier junge Männer haben sich als "Elvis Presley" verkleidet, ein anderer hat sich als Nationalflagge verkleidet, trägt nur Slip und Turnschuhe. Nach dem ersten Platzverweis für den Italiener Daniele de Rossi wittern die US-Fans ihre Chance. "U-S-A" skandieren sie immer wieder stakkatoartig. Eine hübsche Dame aus Kalifornien ist gedanklich schon weiter: "Ist das Spiel jetzt aus?" fragt sie, als de Rossi vom Platz trottet und sie gibt offen zu, von Victoria Beckham, der sie mit ihrer getönten Sonnenbrille zum Verwechseln ähnlich sieht, noch nie in ihrem Leben gehört zu haben. Als Claudio Reyna für die USA nur das Außennetz trifft, fragt sie sicherheitshalber nach: "War das ein Tor?"

Und weil die Amerikaner Stories von Underdogs mit Happy-End so lieben, gibt es am Ende auch eines. Die US-Kicker, dezimiert auf neun tapfere Krieger, ringen dem enttäuschenden Favoriten Italien ein 1:1 ab.
Die Stimmung in der Südostecke des Stadions ist prächtig. Auch Coach Bruce Arena winkt zufrieden ins Fanvolk. Das Echo ist gewaltig: "U-S-A."

Carsten Germann, Kaiserslautern

Referenzen:

Rubrik: WM-Tagebuch
ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png