»Moggi ist so gut wie rehabilitiert«

cache/images/article_1085_moggi_140.jpg Birgit Schönau schreibt für die Süddeutsche Zeitung und Die Zeit über Italien und den italienischen Fußball. Im ballesterer-Interview spricht die Journalistin über die Konsequenzen des Calciopoli-Skandals, die neue Mission von Ex-Juve-Manager Moggi und Berlusconis gehaltene Wahlversprechen.
Reinhard Krennhuber | 15.10.2008
ballesterer fm: Die Aufdeckung von Calciopoli hat den italienischen Fußball im Vorfeld der WM 2006 wie ein Erdbeben erwischt, das im Laufe diverser Berufungsverfahren jedoch immer weiter abgefedert wurde. Am Ende musste nur Juventus Turin absteigen. Hat sich etwas geändert seit Calciopoli?
Birgit Schönau: Bei Juventus auf jeden Fall, obwohl sie noch immer ihren alten Mannschaftsarzt Riccardo Agricola beschäftigen, der damals im Dopingprozess verurteilt, aber wegen Verjährung nicht belangt wurde. Es hat sich einiges geändert, dadurch dass Luciano Moggi nicht mehr da ist. Das Problem mit den Schiedsrichtern, mit dem »psychologischen Untertanentum«, das ein Richter bei einem früheren Prozess gegen Juventus festgestellt hat. Schiedsrichterbestechung ist in der Serie A jetzt eigentlich kein Thema mehr. Die eklatanten Fehlentscheidungen zugunsten der reichen und mächtigen Klubs haben deutlich nachgelassen. Zudem hat es bei Juve eine große Umorganisation gegeben. Auch in der Personalpolitik. Sie haben Leute von außen reingeholt wie den neuen Manager Jean-Claude Blanc. Der Präsident ist nicht so eng verbunden mit dem Agnelli-Clan wie seine Vorgänger. Juventus kann man daher schon als runderneuerten Klub bezeichnen. Was allerdings geblieben ist, ist das patriarchalische System, das dafür sorgt, dass der Fußball in Italien korruptionsanfälliger ist als in anderen Ländern. Die gleichen Leute, die den Fußball regieren, besitzen auch sehr viel Macht in Politik und Wirtschaft.

Wie schaut es auf institutioneller Ebene aus?
Die Versuche den Verband und andere Institutionen zu reformieren, sind auf keinen Fall glaubhaft. Liga-Chef Antonio Matarrese war schon in den 1980ern im Fußball aktiv, er ist ein alter Christdemokrat, der sich mehr als einmal gewendet hat. Im Parlament ist er dadurch aufgefallen, dass er die meisten Fehlstunden hatte. Das ist wirklich einer aus der ersten Republik. Auf institutioneller Ebene ist der gesamte Sport in Italien noch immer eine Versorgungsstation für altgediente Politiker und Menschen, die zwischen den Welten hin- und herwandern. Da hat sich nichts geändert, und das manifestiert sich auch in der Art und Weise, wie der Verband auf die Probleme des Fußballs reagiert.

Wie Sie bereits angedeutet haben, wurde bei Juventus Ende der 90er Jahre massiv gedopt. Wie ist die aktuelle Dopingsituation im italienischen Fußball?
Juventus-Arzt Agricola hat den Spielern systematisch Antidepressiva verschrieben. Dafür, dass zurzeit im Calcio systematisch gedopt würde, gibt es keinerlei Belege. Kokain scheint unter Spielern weiter verbreitet zu sein, als wir das gemeinhin annehmen. Was aber nicht verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass auch der Kokainkonsum der nicht kickenden italienischen Bevölkerung sprunghaft angestiegen ist, dadurch dass die Camorra und die Ndrangheta im Weltkokainhandel das Monopol haben. Auch hier denke ich, dass Juventus eine Wende gebracht hat. Italien hat eine sehr scharfe Doping-Gesetzgebung, die nur nicht zur Anwendung kommt, weil die Prozesse zu lang dauern. Aber das Bewusstsein ist durch den Prozess gegen Juve ganz entscheidend geschärft worden. Auch ohne reale Verurteilung war ein sehr starker Imageverlust spürbar, und das kann sich kein Klub in der Serie A leisten.

Hatten Moggis frühere Vergehen wie das Bezahlen von Hostessen für Schiris, die Spiele von Torino pfiffen, irgendwelche Konsequenzen?
Nein. Moggi ist in Italien ja auch so gut wie rehabilitiert. Er ist Online-Kolumnist für Petrus, eine Publikation der katholischen Kirche. Da schreibt er jeden Montag über die Serie A. Er hat wieder mehr Fernsehauftritte. Weil die Mühlen der italienischen Justiz so langsam mahlen, sind die Verfahren gegen ihn immer noch nicht so richtig ins Rollen gekommen. Wir haben jetzt das Jahr 2008, Moggi ist über 70. Meine Prognose ist, dass er überhaupt nicht mehr belangt wird. Die Vorwürfe gegen ihn fallen unter Betrug oder Sportbetrug, und da sind die Verjährungsfristen von Ministerpräsident Berlusconi freundlich immer weiter heruntergesetzt worden.
 
Warum ist die Roma-Übernahme durch den US-Investor George Soros vergangenen Sommer geplatzt?
Offiziell, weil er zu wenig geboten hat. Roma ist ein schwer verschuldeter Verein und die Familie Sensi wollte sich wenn sie schon verkaufen daran gesund stoßen. Wobei man nie so wirklich verstanden hat, ob sie in der Tat verkaufen wollten. Es gab auch das Gerücht, dass Milan-Präsident Adriano Galliani sich eingemischt habe, weil Milan ein Interesse haben könnte, dass die Roma nicht ins Ausland verkauft wird. Im italienischen Fußball gibt es außer den Gaddafis keine ausländischen Investoren, und ich denke, da steckt System dahinter. Auf der einen Seite, diese Präsidenten, die ihre Klubs nicht abgeben wollen bis zum letzten Atemzug, aus Imagegründen und aus Machterhaltungstrieb, weil sie natürlich in den jeweiligen Städten extrem wichtige Persönlichkeiten sind. Auf der anderen Seite das Zögern der Ausländer in einen so intransparenten Markt wie den italienischen überhaupt zu investieren, wo man das Gefühl hat, dass die Regeln des Marktes nicht immer respektiert werden.

Ist das auch der Hauptgrund, warum die Serie A nicht den kommerziell erfolgreichen Weg der Premier League nachgehen kann?

Auf jeden Fall. Das ist ein Problem für die gesamte italienische Wirtschaft. Italien verschließt sich immer weiter. Es wird ausländischen Investoren extrem schwer gemacht, wie man auch am Fall der Alitalia sieht. Das kann man eins zu eins auf den Fußball übertragen. Es gibt extreme bürokratische Hindernisse, keine Form von Erleichterungen. Die Marktgesetze hierzulande fußen auf einem uralten Klientelsystem, das man außerhalb von Italien nicht versteht. Es gibt keinen echten Wettbewerb.

Einer der großen Nutznießer davon ist Silvio Berlusconi, der die italienische Gesellschaft und den Fußball in den letzten zwei Jahrzehnten geprägt hat wie kaum ein anderer. Wie wichtig waren sein Klub AC Milan für den Erfolg seines Projekts?

Extrem wichtig, wie man auch aufgrund aktueller Ereignisse sehen kann. Die Botschaft der Transferpolitik von Milan in diesem Sommer war ganz klar. Sie ist auf mediale Präsenz und mediale Wirkung ausgerichtet. Wichtig ist: was kommt in die Fernsehnachrichten und was ist mit Berlusconis Person und seiner wirtschaftlichen Potenz? Nicht wichtig ist, was auf dem Platz passiert. Die Verpflichtung von Ronaldinho war ein Wahlkampfversprechen. Berlusconi hat beim Empfang der italienischen Olympia-Delegation gesagt: »Ich habe alle meine Versprechen gehalten: ich habe Italien von den Kommunisten befreit, ich habe Prodi nach Hause geschickt und ich habe Ronaldinho gekauft.«

Nun gilt Ronaldinho aber als nicht wirklich fit. Und auch der zurückgeholte Andrij Schewtschenko hat schon bessere Tage gesehen. Werden diese Verpflichtungen Berlusconi nicht auf den Kopf fallen, wenn Milan z.B. erneut die Qualifikation für die Champions League verpassen sollte?
Ich weiß nicht, ob Berlusconi das wirklich noch interessiert. In seiner Wahrnehmung ist er ohnehin der erfolgreichste Klubpräsident aller Zeiten. Es muss nicht zu seinem Sieger-Image gehören, dass Milan erneut die Champions League gewinnt. Im Zweifelsfall wird er den Trainer entlassen. Es ist ja nicht Berlusconis Verantwortung, wenn Milan verliert, sondern nur, wenn sie gewinnen.

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Rubrik: Aktuell
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