Musealer Glaspalast, olympisches Theater

cache/images/article_1918_olymp01_140.jpg Im Halbfinale des olympischen Fußballturniers traf eine siegessichere brasilianische Auswahl in Manchester auf redlich bemühte Südkoreaner. Der ballesterer-Berichterstatter erlebte einen spannenden Tag ganz im Zeichen des runden Leders, der ihn vom neu eröffneten National Football Museum bis ins »Theatre of Dreams« führte.
Robert Florencio aus Manchester | 08.08.2012
Salford Central ist nicht nur der Ort meiner Unterkunft, sondern wenn man so will auch die Geburtsstätte der britischen Fankultur. Von hier aus nahm Ende der 1970er Jahre die Bewegung der sogenannten Perry Boys ihren Ausgang, die sich durch ihre Kleidung im Casual-Stil von den anderen Stadionbesuchern strikt abgrenzten, ihren eigenen Supportstil kreierten und sogenannte Firms gründeten, die mit anderen Gruppierungen und der Polizei mitunter harte Sträuße ausfochten. Von diesem Stadtteil Manchesters nahmen vor einem Jahr auch die Riots, die ganz Großbritannien erschütterten, ihren Ausgang. Ein Umstand, der in der lokalen Presse anlässlich des Jahrestags sehr kritisch beleuchtet wird mit Berichten über überzogene Urteile der Schnellgerichte auch bei Bagatelldelikten gegen ansonsten unbeteiligte Jugendliche.

Memorabilia der Extraklasse
Nur eine Bahnstation weiter ist man schon im Zentrum der Stadt und wird beim Hinausgehen gleich auf die neueste Attraktion, das National Football Museum, aufmerksam gemacht. Seit einem Monat beherbergt der Glaspalast alles, was das Herz des historisch interessierten Fans höher schlagen lässt. Natürlich liegt der Schwerpunkt in der Darstellung der Anfänge, großen Erfolge und bitteren Niederlagen englischer Mannschaften, aber auch die internationale Sektion ist hervorragend bestückt - von der Originalabschrift der ersten Regelaufzeichnungen über eine Eintrittskarte vom Finale der ersten WM 1930 im Centenario-Stadion von Montevideo bis zum Finalball der WM 1966 im eigenen Land. Von besonderer persönlicher Bedeutung ist das Originaltrikot des von mir für den ballesterer interviewten Roberto Rivellino vom WM-Finale 1970, das gleich neben dem Leiberl hängt, mit dem Diego Maradona sein berühmtes Handtor gegen England 1986 erzielte.

Neben dem Sport selbst wird aber auch Themen wie der Medienberichterstattung, die um 1900 noch auf Brieftauben zurückgriff, Hooliganismus, wo diverse Stichwaffen ausgestellt sind, bis hin zu den Allüren und Spleens der Spieler und deren WAGs ausreichend Raum gewidmet. In weiteren Stockwerken des terrassenartig angelegten Museums sind temporäre Ausstellungen wie die »Homes of Football«, eine Bilderserie des Blackburn Rover-Fans Stuart Roy Clarke, sowie Installationen afrikanischer Künstler zu bewundern. Sir Bobby Charlton ist Präsident der nicht gewinnorientierten Museumsgesellschaft und er kann stolz sein auf das hier Geschaffene. Denn den Kuratoren ist es auf eindrucksvolle Art gelungen, den Status des Mutterland des Fußballs in die Ausstellungskonzeption zu integrieren und ein neues touristisches Must für jeden fußballinteressierten Manchester-Besucher zu schaffen.

Folklore und Sicherheitsdenken
Nach der kurzen Fahrt vom Zentrum ins Old Trafford merkt man sofort, dass an diesem Abend kein Match von Manchester United auf dem Programm steht. Der größte Teil der Zuschauer sind neutral gekleidete Einheimische, die einfach ein gutes Spiel sehen wollen. Koreanische Besucher machen mit einer Volkstanzgruppe aus der Heimat auf sich aufmerksam, brasilianische Fans sind nur in kleinen Gruppen unterwegs und bilden keinen geschlossenen Fanblock. Ein Fan, der auf seinem MP3-Player laut Michele Telos Fußballer-Hit »Ai, se eu te pego« abspielt, bekommt von den zahlreichen Sicherheitskräften ein Lächeln mitgeschickt. Umfangreiche Kontrollen, bei denen sämtliche Taschen und Rucksäcke vor Betreten des Stadions in Plastiksäcke eingepackt werden, erinnern aber daran, dass hinter der Guten-Laune-Stimmung mit dem Schlimmsten gerechnet wird.

Das Stadion ist fast ausverkauft, knapp 70.000 sind gekommen. Trotz bester Kategorie befindet sich mein Platz in der zweiten Reihe auf Höhe des Rasens. Die Zuschauer vor mir sitzen sogar knapp unterhalb des Spielfelds. Der Abstand zwischen den Reihen ist sehr gering, ein korpulenter Besucher am Nebensitz hat Mühe, seinen Platz einzunehmen. Dazu noch eine Vielzahl an Stewards, die einem teilweise die Sicht verstellen. Auch meine Sitznachbarn, ein brasilianisches Pärchen, das in der Nähe von Manchester lebt und erstmals in diesem Stadion ist, bekundet Verärgerung über den Sitzplatz, der den bezahlten Preis eigentlich nicht wert ist. Auf den Videoleinwänden an beiden Enden des Stadions wird die versammelte Prominenz auf der Ehrentribüne eingeblendet. Bei FIFA-Präsident Sepp Blatter bleibt noch alles ruhig, als dann aber Manchester-City-Coach Roberto Mancini eingeblendet wird, geht ein von Pfiffen begleitetes Raunen durch die Reihen.

Finten statt Vögel
Der brasilianische Trainer Mano Menezes lässt einigen seiner Superstars vielleicht schon  aufs Finale schielend eine Verschnaufpause und setzt Stars wie Hulk (der im Brasilianischen übrigens »Ulki« ausgesprochen wird), Pato (auf Deutsch Ente) und Ganso (Gans) auf die Bank. Auch der von Sir Alex Ferguson umworbene Jungstar des FC Sao Paulo, Lucas Moura, bleibt auf der Bank. Vielleicht auch besser so, denn auf der Gerüchtebörse machen Meldungen die Runde, wonach Lucas lieber nach Paris zu PSG wechseln wolle, da er das Leben in Manchester für langweilig hält.

Das Spiel selbst erinnert an die Begegnung Brasilien gegen Österreich bei der U20-WM im vergangenen Jahr in Kolumbien. Ähnlich wie damals Österreich beginnen auch die Südkoreaner überraschend forsch und kommen in den ersten 15 Minuten zu drei guten Möglichkeiten. Das schnelle Spiel der Koreaner reißt immer wieder Löcher in die brasilianische Abwehr. Doch dann kommen die Brasilianer langsam auf Touren, und eine taktische Anweisung von Menezes nach knapp 30 Minuten bringt die Wende. Er deutet seinen Spielern, die Bälle mehr in den Rücken der koreanischen Verteidiger zu spielen, was von Erfolg gekrönt ist. Nur sieben Minuten später kann Mittelfeldspieler Romulo nach schöner Vorlage von Oscar den koreanischen Keeper bezwingen. Eine Parallele zum Österreich-Spiel, als Ney Franco damals nach 20 Minuten die Schwachpunkte der ÖFB-Auswahl erkannte und entsprechend reagierte. Franco ist übrigens nicht mehr in Diensten des brasilianischen Verbands, im Juni hat er das Traineramt beim sportlich in Turbulenzen geratenen FC Sao Paulo übernommen.

Neymar auf dem Weg zur Kathedrale
Die Koreaner fighten dennoch tapfer weiter. Ihr Mittelstürmer scheitert aber sowohl knapp vor der Pause als auch danach mit Schüssen übers Tor. Einmal mehr erfüllt sich das Klischee, mit dem die asiatischen Mannschaften seit ihrem Erstarken Mitte der 1990er Jahre zu kämpfen haben: perfekte Spielorganisation, wieselflink, aber große Abschlussschwächen. Nachdem eine strittige Situation im Strafraum der Brasilianer nicht geahndet wird, ist es um die Koreaner geschehen. Mit unglaublicher Leichtigkeit leitet Neymar in der 57. und in der 64. Minute über mehrere Stationen den Ball an Mittelstürmer Leandro Damiao von Internacional Porto Alegre weiter, der kein Problem hat, die Bälle im Tor der Koreaner zu versenken.

Die letzten 20 Minuten sind ein Schaulaufen. Menezes wechselt noch dreimal aus und lässt so 14 Spieler des 18-Mann-Kaders am Finaleinzug teilhaben. Für Brasilien geht es somit am Samstag um das erstmalige Olympia-Gold an jener Stätte, die Pele einst »Kathedrale des Fußballs« taufte: im Londoner Wembley-Stadion. Der Gegner ist allerdings mit Angst verbunden: Gegen Mexiko hat man in der Vorbereitungsphase im Juni die einzige Niederlage kassiert.

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Rubrik: Aktuell
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