Mustafas Hoffnung

cache/images/article_968_gertur_140.jpg Mehr als zwei Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln leben in Deutschland. Für viele von ihnen gibt es beim Halbfinale zwischen Deutschland und der Türkei keinen Verlierer.
Carsten Germann | 24.06.2008
Mustafa ist fast immer gut drauf. Im Hamburger Stadtteil Stellingen, in der Nähe des HSV-Stadions, betreibt der gebürtige Türke ein geräumiges Frühstückslokal. Im Gegensatz zum benachbarten Gemüseladen »Mercan Market« und zu vielen anderen Geschäften in Hamburg finden sich bei Mustafa zur EM weder Deutschland- noch Halbmondbanner in der Dekoration. Er bleibt lieber neutral.

Die Spitzen seiner Stammgäste nach dem glücklichen Weiterkommen der Türkei gegen Kroatien (»Mustafa ist gegen die Kroaten in der 119. Minute aufgewacht«) und vorm Halbfinale gegen die Deutschen lächelt der stämmige Mann mit dem grauen Spitzbart einfach weg. Mustafa spricht das aus, was viele Menschen in Deutschland mit türkischen Wurzeln vor dem Halbfinale denken: »Egal, wer gewinnt, am Mittwoch feiern Deutsche und Türken.«

Der türkische Nationalspieler Nuri Sahin von Borussia Dortmund, 1988 im westfälischen Lüdenscheid geboren, sieht es ähnlich. »Natürlich drücke ich der Türkei etwas mehr die Daumen«, sagt Sahin, vor der EM von Trainer Fatih Terim aus dem Kader gestrichen, »wenn wir es ins Finale schaffen, herrscht bei uns der Ausnahmezustand. Wenn wir verlieren sollten, dann am liebsten gegen die Deutschen. Hier bin ich aufgewachsen, das ist meine zweite Heimat.«

Das EM-Halbfinale zwischen Deutschland und der Türkei bietet auch nach Einschätzung von Türkeiforschern gute Voraussetzungen für ein friedliches Fußballfest. »Dieses Spiel«, ist sich Faruk Sen, Leiter des Zentrums für Türkeistudien in Essen sicher, »wird zeigen, dass die vielen deutsch-türkischen Netzwerke tragen.« Eine gestiegene Gefahr von Fankonflikten gebe es nicht. »Die besteht eher, wenn fest gefügte nationale Identitäten ohne gegenseitige Berührungspunkte aufeinanderprallen«, betont Sen, »das ist bei allen Defiziten in der Integration bei Deutschen und Türken aber keineswegs der Fall.«

Damit mehrt sich die Hoffnung, dass viele Türkeistämmige das Spiel gemeinsam mit den Deutschen beim Public Viewing in den deutschen Großstädten besuchen werden. Mit Blick auf ein mögliches Ausscheiden der Türkei zeigt sich Sen überzeugt, dass in diesem Fall die Türken im Land des dreimaligen Europameisters im Finale den Deutschen die Daumen halten würden: »Das haben sie schon bei der Weltmeisterschaft 2006 getan. Und von den Türken wünsche ich mir, dass sie bei einem Weiterkommen spielerisch so überzeugen, dass sie im Endspiel die deutschen Herzen erobern.«

Wie es auch ausgeht: In Mustafas Café wird in jedem Fall auch bei einem Aus der Türkei weiter friedlich gefachsimpelt. »Wir sprechen am Donnerstag«, verabschiedet Mustafa seine Gäste. Und lächelt verschmitzt.

Referenzen:

Rubrik: EM Tagebuch
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