»Nazis haben sich nicht erledigt«

cache/images/article_1862_img_2517_140.jpg Ein Überfall rechter Hooligans auf linke Ultras rüttelte 2007 die Führung von Werder Bremen wach. Heute gilt der Klub als Vorzeigemodell im Kampf gegen Diskriminierung. Rechtsextreme Angriffe haben sich jedoch nicht erledigt, wie zuletzt die Ultras von Alemannia Aachen erfahren mussten. Die Politik steht in der Kurve, ob Vereine und Fans das wahrhaben wollen oder nicht.
Nicole Selmer | 22.05.2012

Der Vorfall machte in den deutschen Fanszenen schnell die Runde: Im Dezember 2011 wurden die »Aachen Ultras« während des Heimspiels der Alemannia gegen Erzgebirge Aue in ihrem Block angegriffen von Fans aus den Reihen der »Alemannia Supporters« und der »Ultras Karlsbande«. Die Sache war politisch motiviert: Die »Aachen Ultras« engagieren sich gegen Rassismus und Diskriminierung, hatten kurz zuvor eine Lesung des Journalisten Ronny Blaschke aus seinem Buch »Angriff von Rechtsaußen« besucht. Die »Ultras Karlsbande« gelten als rechts offen, lokale Neonazigrößen werden seit Jahren in der Fanszene des Zweitligisten geduldet.

Unbequeme Ultras, unauffällige Hools

Ein ähnlicher Vorfall erschütterte vor einigen Jahren die Bremer Fanszene: Dort wurde im Jänner 2007 eine Feier der antirassistischen Ultra-Gruppe »Racaille Verte« in den Räumen des sozialpädagogischen Fanprojekts im Weser-Stadion überfallen. Die Täter, die im Herbst 2011 vor Gericht standen und mit Geldstrafen davonkamen, stammten aus dem Umfeld der Hooligangruppen »Standarte Bremen« und »Nordsturm Brema«, die für ihre Verstrickungen in die rechte Bremer Szene bekannt sind. Im Rückblick stellt sich der Angriff als eine Wasserscheide dar. Hier ging es um die Einschüchterung einer noch jungen Fangruppe, die sich gegen Diskriminierung positioniert. Die Machtprobe von rechts hat bei Verein und Fans zu großen Veränderungen geführt. Heute wird Werder gerne als Vorzeigemodell im Kampf gegen rechts bezeichnet, zuletzt auch in einem Bericht von derstandard.at. Auf der Klubwebsite findet sich die umfangreiche Rubrik »Antidiskriminierung«. Sie beginnt mit dem Satz: »Der SV Werder Bremen ist stolz auf seine Fans.«

Das war nicht immer so. Denn auch in Bremen sind es die Ultras, die zündeln, Kommerzialisierung kritisieren und sich in Vereinsbelange einmischen wollen. Das hat ihr Verhältnis zum Verein vor 2007 geprägt, wie Thomas von »Racaille Verte« berichtet. »Früher sind Gespräche meist dann zustande gekommen, wenn der Verein sauer auf die Ultras war. Oder wenn die Fans mitbestimmen wollten, wie beim Umbau des Stadions.« Wenig hilfreich war hier der langjährige Fanbeauftragte Dieter Zeiffer, der als altgedienter Vereinsangestellter kaum Verständnis für die Ultra-Kultur hatte.

Illusion des Unpolitischen
Auch in Bremen sind 2007 die Ultras die dominante Fanszene, als die neu geformten Gruppen »Racaille Verte« und »Infamous Youth« durch Transparente gegen Rassismus und Homophobie politisch Stellung beziehen. Deutlich unauffälliger präsentiert sich die »Standarte«, eine alte Hooligangruppe mit Verbindungen zur Neonaziszene. Sie sind im Stadion, aber sie schwenken keine NPD-Fahnen und brennen erst recht keine Pyrotechnik ab. Anders als die Ultras machen sie dem Verein keinen Ärger. »Solange die sich rund ums Stadion benehmen, ist mir doch egal, auf welche Demos die sonst noch gehen«, sagt der damalige Fanbeauftragte Zeiffer im Jahr 2005 dem Weser-Kurier. Eine Haltung, die auch viele Fans teilen, wie Thomas Hafke, Mitarbeiter des vereinsunabhängigen Fanprojekts, im Rückblick feststellt: »Früher, also vor 2007, hieß es: Was die privat machen, ist mir egal. Das sind auch Werder-Fans.«

»Fußball ist Fußball, und Politik bleibt Politik« so lautet eine bekannte Liedzeile der rechten Hooliganband Kategorie C. Ihr Sänger Hannes Ostendorf gehört zu den Verurteilten im Prozess um den Überfall auf »Racaille Verte«. Doch die Trennung von Fußball und Politik ist eine Illusion, die nur denen nutzt, die diesen Leitspruch ausgeben. Das wird in Bremen mit dem Angriff auf die jungen Ultras deutlich. Das prekäre Gleichgewicht in der Bremer Fanszene kippt an dem Punkt, an dem es nun auch in Aachen gekippt ist. Fanprojektmitarbeiter Hafke sagt: »Solange Fans sich nicht offen antirassistisch positionieren, passiert nichts, aber wenn es solche Gruppen wie Racaille oder die Aachen Ultras gibt, wird versucht, sie mundtot zu machen.«

»Wir sind Bremer und ihr nicht«
Das gelingt zunächst. »Natürlich waren wir nach dem Angriff eingeschüchtert«, sagt Thomas von »Racaille Verte«. Auch der Verein braucht einige Zeit und medialen Druck, dann jedoch reagiert er, und zwar nachhaltig. Werder stellt sich auf die Seite der Angegriffenen, der Verein führt zahlreiche Maßnahmen gegen Rassismus und Rechtsextremismus durch, vom Verbot der Kleidermarke Thor Steinar im Stadion bis zu Diskussionsveranstaltungen. Eine enge Zusammenarbeit mit der 2008 von Fanprojekt und Fans gegründeten Arbeitsgruppe »Werderfans gegen Diskriminierung« beginnt. Über Bremen hinaus wahrzunehmen ist der veränderte Umgang mit der rechten Präsenz im Stadion bei einem Auswärtsspiel in Bochum im November 2008. Dort präsentiert »Nordsturm Brema« ein Transparent mit der Aufschrift »NS HB Sport Frei«, die von den übrigen Fans nicht nur als Abkürzung des Gruppennamens und des Bremer Autokennzeichens verstanden wird. Die Hools werden prompt unter »Nazis raus«- und »Wir sind Bremer und ihr nicht«-Rufen aus dem Gästesektor vertrieben. Die Reaktion von Sportdirektor Klaus Allofs: »Eine gute Aktion unserer Fans.«

Auch heute ist Werder Bremen kein Verein ohne Konflikte mit seinen Ultras, aber der Klub weiß wenigstens, wer sie sind, wie Thomas von »Racaille Verte« betont. »Die Informationen kommen nicht mehr vor allem aus der Zeitung. Dadurch kann man über Dinge wie Pyro, bei denen es unterschiedliche Meinungen gibt, anders sprechen.« Dazu beigetragen hat auch die Professionalisierung der Fanbetreuung und die Tatsache, dass dort nun ein Mitglied der Ultras mitarbeitet. In der Bremer Fanszene gibt es heute einen expliziten Konsens gegen rechts, aber das heißt nicht, dass nicht weiter über das Thema Politik im Stadion gestritten würde. So führten Aktionen gegen Homophobie und Transparente zur Flüchtlingspolitik zu Kontroversen über die linken Ultras. Aber das gehört dazu. »Da wäre man ja völlig außerhalb der normalen Gesellschaft, wenn man darüber nicht diskutieren würde«, sagt Thomas von »Racaille«.

Rechts im Abseits
Diskussionsfreudig zeigte sich »Racaille Verte« auch im Fall der angegriffenen »Aachen Ultras«. Die Gruppe schrieb einen offenen Brief an die Alemannia-Vereinsführung und forderte eine Solidarisierung mit den Opfern. »Da gibt es eine Gruppe, die Aktionen gegen Rassismus macht und deswegen angegriffen wird«, sagt Thomas. »Nazis haben sich nicht erledigt. Der Verein muss sich hier klar positionieren, das ist unsere Erfahrung.« Der Klub fordert in einer öffentlichen Erklärung zunächst jedoch nur eine Distanzierung von »jeglichem politischen Extremismus« und setzt auf Vereinssolidarität: »Zum Wohle der Alemannia müssen sich alle Fangruppen zusammenreißen und den gemeinsamen Zielen unterordnen.«

»Eine angemessene Distanzierung sieht anders aus«, sagt der Journalist Ronny Blaschke. Auch den »Aachen Ultras« ist das Wohl der Alemannia alleine zu wenig, sie wollen, dass Nazis als das Problem benannt werden und nicht Extremismus allgemein. Von links drohe schließlich keine Gefahr. Inzwischen scheint die Kritik anzukommen: Ende März, mehr als drei Monate nach dem Angriff, lancierte der Verein gemeinsam mit der Stadt eine Kampagne mit den Slogans »Wir sind die Fans, Nazis sind es nicht« und »Rechts steht im ­Abseits«.

Update 22.5.2012:
Nazis haben sich nicht erledigt das belegt auch ein aktueller Vorfall, in den Standarte und Nordsturm Brema verwickelt sein sollen: Laut Augenzeugenberichten haben Mitglieder der Gruppen am vergangenen Wochenende Gäste der Party eines linken Jugendzentrums im niedersächsischen Wunstorf überfallen.

 

Veranstaltungstipp
Club 2x11: »Angriff von Rechtsaußen. Wie Neonazis den Fußball missbrauchen«
Mittwoch, 30. Mai 2012
Hauptbücherei am Gürtel (Urban-Loritz-Platz 2a, 1070 Wien)
Veranstaltungssaal (3. Stock)
Beginn: 19:00 Uhr - Eintritt frei!

Details zur Veranstaltung und den hochkarätigen Podiusmsgästen findet ihr hier.

Referenzen:

Heft: 71
ballesterer # 121

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