Nervende Arjen-Mania

Selbst die fünfte Wiederholung des Treffers von Arjen Robben zum 1:0-Sieg über Serbien-Montenegro wird im Wiener Pub "Shebeen" noch frenetisch beklatscht. Die Medien erheben den in England als "Diver" verschrieenen Jüngling unterdessen bereits zum neuen Cruyff.
Gastautor | 13.06.2006

Ja, mag sein. So schnell hat man wohl seit Johan keinen mehr in oranger Oberbekleidung durch ganze Abwehrreihen flutschen gesehen. Wer das Spiel aber wirklich aufmerksam verfolgt hat, kann nicht verleugnen, dass die Arroganz der Nummer 11, die den Cruyff-Vergleich erst so richtig nahe legt, mal wieder eine Spaltung der Elf auslösen könnte.

Denn es gibt kein großes Turnier ohne Unruhe im niederländischen Lager. Und laut diversen Medienberichten, wird mittlerweile auch schon laut Kritik geübt: Robin van Persie - nach einigen Tagen im Knast wegen eines Vergewaltigungsverdachtes auch kein Sympathieträger mehr - ist die Spielart von Robben zu eigensinnig. Die sonst mit großem Hallo zur Kenntnis genommene Vorgehensweise von Bondscoach Marco Van Basten, auf Starallüren zu pfeifen, wird plötzlich verlassen. Die einstige Milan-Torfabrik stellt sich vor Robben. Vor dem Turnier waren noch, aus rein sportlicher Leistungsperspektive unerklärlich, Kaliber wie Seedorf in den Urlaub geschickt worden, anstatt sie "bei Freunden" gastieren zu lassen.

Die Berichterstattung über Robben füllt hierzulande so eindimensional aus wie sein Spielstil. Gut die Hälfte der österreichischen Tageszeitungen haben den Mann, der bei der Eindhovener Werkself seinen Durchbruch feiern durfte, bevor ihn Roman Abramowitsch nach London zu Chelsea lotste, aufs Cover geklatscht - so auch "WM Live". Die positive Berichterstattung über die Oranjes im Fellner-Testblatt erhält aber einen Dämpfer: Toni Polster prophezeit den Titel. Wie es um Polsters Zukunftsvisionen bestellt ist, bleibt zwar noch abzuwarten, seine Deutung der Vergangenheit ist aber schon einmal bemerkenswert. Denn ebenfalls in der neuen Fellner-Postille behauptet Polster, Brasilien habe noch nie einen Titel auf europäischem Boden geholt und vergisst dabei völlig auf das Turnier 1958, als Pele und Co in Schweden den ersten brasilianischen Triumph einfuhren.

Wir bejubeln derweil auch die sechste Wiederholung des Treffers. Immerhin hat sich Robben einmal nicht fallen gelassen, sondern das Tor gemacht, obwohl Djordjevic versuchte, ihn zurückzuhalten. Die orange Hoffnung heißt demnach nicht Robben, sondern Lernfähigkeit.

Dominik Sinnreich, Wien

Referenzen:

Rubrik: WM-Tagebuch
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