Nervöse Exekutive, pfeifende Fans

cache/images/article_2103_imag0002_140.jpg CONFED-BLOG Spanien schlägt Uruguay bei der Stadioneröffnung in Recife locker mit 2:1. Anders als in Brasilia und Rio kommt es im Vorfeld nicht zu Protesten - das kann der FIFA nur recht sein, denn sie will nur sportliche Fragen beantwortet wissen.
aus Recife Robert Florencio | 17.06.2013

Die beste sportliche Nachricht, die Recife im Nordosten Brasiliens schon knapp vor Turnierbeginn erreicht, ist die Mitteilung von FIFA-Chefarzt Jiri Dvorak, dass die im Vorfeld des Turniers erstmals durchgeführten kombinierten Blut-und Urintests bei keinem Spieler positive Ergebnisse erbracht hätten. Dopingfrei geht es also zum ersten Confed-Cup-Spiel in den Bundesstaat Pernambuco. Angeblich 41.000 Menschen sollen die Begegnung zwischen Spanien und Uruguay verfolgt haben, was angesichts der vielen Lücken in den Sitzreihen aber nach geschönten Zahlen klingt.

 

Das schwere Unwetter knapp drei Stunden vor Anpfiff und eine langwierige Anfahrt von 45 Minuten vom Stadtzentrum zur neuen Arena do Pernambuco machen den Fans den Stadionbesuch aber auch wahrlich nicht einfach. Beunruhigt durch vorangegangene Demonstrationen in Brasilia und Rio ist die Polizei hingegen mit allen Spezialeinheiten vor Ort. Von der Alarmabteilung Choque über den Bombenspürdienst bis hin zur üblichen Militärpolizei mit ihren Hochständen bei den Eingängen ist alles vertreten. Die Beamten beobachten mit Argusaugen jedes auch noch so kleine Grüppchen von Jugendlichen. Kurioserweise gerät dann gerade eine Gruppe mit Musikinstrumenten, die Propaganda für ihre evangelikale Kirche machen will, kurzfristig ins Visier der Ordnungshüter. Als sich das Missverständnis aufklärt, zeigt ein Polizist Herz und spielt selbst auf der Triangel mit.

Etwas ungemütlicher wird es dann bei einem Einlasstor, zu dem die Verantwortlichen den Schlüssel verloren haben dürften. Auch als die Stadionverantwortlichen mit einem großen Schlüsselbund aufkreuzen, will keiner passen. Unter den Rufen der johlenden und drängenden Fans wird das Tor schließlich mit einer Brechstange geöffnet. Mein Weg führt jedoch ins Medienzentrum, in dem sich schon zahlreiche Kollegen eingefunden haben. Während einige asiatische Journalisten die langsame Bedienung beim Buffet kritisieren, nehmen es die Kollegen aus Uruguay gemütlich und gönnen sich ihren traditionellen Mate aus den typischen kugelförmigen Trinkbehältern. Das Stadion selbst ist vor allem in den Innenräumen immer noch in der Fertigstellungsphase, was wiederum die spanischen Kollegen empört. »Es la hostia«, sagt ein Kollege. »Was für ein Desaster.«


Keine Politik
Ein Desaster sollte das Spiel dann auch für Uruguay werden. Der amtierende Südamerikameister verliert zwar nur 1:2, das knappe Resultat wird dem Spielverlauf aber keineswegs gerecht. Teamchef Oscar Tabarez lässt seine Mannschaft mit einem starren 4-4-2 auflaufen, dem jedes Überraschungsmoment fehlt. Die Mannschaft wirkt ausgelaugt und uninspiriert. Spanien erreicht in der ersten Halbzeit einen Ballbesitz von 82 Prozent und hat es so leicht, sein vertikales Spiel aufzuziehen. Die Mittelfeldachse mit Xavi, Andres Iniesta und Sergio Busquets kann ihr Spiel durchziehen, ohne auf gröberen Widerstand zu treffen. Chancen ergeben sich in Hülle und Fülle. Der Stangenschuss von Cesc Fabregas in der 10. Minute bietet schon einen Ausblick darauf, was noch folgen wird. In der 20. Minute kann Diego Lugano einen Schuss von Pedro nur noch abfälschen, Spanien geht 1:0 in Führung. Nach dem 2:0 durch Valencia-Stürmer Roberto Soldado ist das Spiel so gut wie entschieden.

 

Spanien lässt es nach der Pause gemütlicher angehen und fällt in das alte Tiki-Taka-Muster der Ballkontrolle ohne großen Raumgewinn zurück. Das lokale Publikum zeigt sich empört und quittiert diese Art des Spiels mit lauten Pfiffen. Uruguay kann aus den Missfallenskundgebungen zunächst aber kein Kapital schlagen. Erst die Einwechslung des lang ersehnten dritten Stürmers Diego Forlan in der 69. Minute bringt neuen Schwung ins Spiel der Südamerikaner. Ein perfekt getretener Freistoß von Luis Suarez in der 88. Minute macht die Begegnung noch für ein paar Minuten spannend. Die Spanier spielen den Vorsprung letztendlich aber verdient über die Runden.

In der anschließenden Pressekonferenz zeigt sich Uruguays Teamchef Tabarez demütig. Er erkennt die Leistung des Gegners an und spricht von großer Müdigkeit seiner Truppe. Spaniens Coach Vicente del Bosque wird von einem brasilianischen Journalisten um ein Kommentar zu den sozialen Protesten vor den Spielen in Brasilia und Rio gebeten. Er zieht sich mit dem Verweis, nur sportliche Fragen zu beantworten, aus der Affäre. Der FIFA-Delegierte für die Pressekonferenz ermahnt nach Ende der Veranstaltung alle Anwesenden, keine politischen Fragen mehr zu stellen, es handle sich schließlich um eine sportliche Veranstaltung.

 

Der Abend endet so mit einem bitteren Beigeschmack - vor allem, wenn man bedenkt, dass die U20-WM am Freitag in der Türkei an einem weiteren Hotspot sozialer Proteste unter Beteiligung von Fußballfans beginnen wird. Das Turnier wird die nächste Bewährungsprobe für die FIFA bringen und zeigen, inwieweit die Leute vom Zürichberg überhaupt bereit sind, sich mit dem sozialen Umfeld bei solchen sportlichen Großevents zu befassen.

Referenzen:

Thema: Confed-Cup
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