Nettigkeit gewinnt keine Spiele

cache/images/article_1429_schweiz_140.jpg WM-BLOG Obwohl sich die Schweiz seit 2004 für jedes internationale Großturnier qualifizieren konnte, reist die Mannschaft mit gedämpften Erwartungen zur WM. Die Spieler haben ihre Prämien nur bis zum Erreichen des Achtelfinales ausgehandelt und an den Stammtischen dominieren Diskussionen über die heißesten Titelkandidaten - obwohl die Statistiker überzeugt sind, dass die Schweiz Italien bereits zum neuerlichen Weltmeister gemacht hat.
Sandro Quadri | 14.06.2010
Das öffentliche Abschlusstraining der Schweizer Nationalmannschaft fand am Mittwoch im Letzigrund zu Zürich unter einem klaren Sommerhimmel und bei netter Atmosphäre statt. Gut 1.000 Zuschauer verabschiedeten das Team, das seit 2004 zum vierten Mal in Folge zu einem Endrundenturnier reist. Neben ein paar Laufübungen wurden Pässe geschlagen und kleine bunte Plastikhütchen mit dem Ball am Fuß umdribbelt. Gegen Ende des Trainings ließ Coach Ottmar Hitzfeld die Mannschaft »Ballhalten auf engem Raum« spielen, »um sie auf das Mittelfeldpressing vorzubereiten«, wie er sagte. Abschließend kickten die Spieler einige Bälle ins Publikum, was das eine oder andere Kind und dessen Eltern glücklich machte. Es war nett. Und genau das ist das Problem. Der Schweizer Fußball ist nett manchmal sogar nett anzuschauen, nette Familienunterhaltung.

Mit Nettigkeit gewinnt man aber keine Fußballspiele, für arrivierte Fußballnationen bildet die Schweizer »Nati« (Abkürzung für Nationale, wird auch dementsprechend ausgesprochen kurzes a, scharfes z) seit den Dreißigerjahren keine ernsthafte Gefahr mehr. Dementsprechend sind auch heuer, trotz Weltklassetrainer, die Erwartungen in der Bevölkerung eher gedämpft. Am Stammtisch werden zwar mögliche Aufstellungen der Schweiz heiß diskutiert, Szenarien zur erfolgreichen Achtelfinale-Qualifikation werden durchgespielt. Doch spätestens dann, wenn es gegen Brasilien, Portugal oder die Elfenbeinküste gehen sollte, so die weit verbreitete Meinung, ist eh Schluss.

Also wendet man sich auch als Schweizer ziemlich schnell den Titelkandidaten zu, das ist spannender. Wer macht es? Brasilien, Deutschland, Argentinien, England, Spanien? Sogar die Frage wie weit die afrikanischen Mannschaften kommen, wird aufgeregter behandelt, als die Frage nach dem Weg der »Nati«. Träumer werden gemeinhin größenwahnsinnig, oder im Falle von Alex Frei, der 2006 noch sagte »ich will Weltmeister werden«, arrogant genannt. Also wurden wir zu Realisten, die Spieler haben für das Turnier in Südafrika die Prämien lediglich bis zum Erreichen des Achtelfinales ausgehandelt.

Der Realismus tritt im Schweizer Fall derart auf die Euphoriebremse, dass der Staat einschreiten musste. Namentlich fungierten die Stadtzürcher Regierung und das Schweizer Staatsfernsehen als Triebwerke. Erstere versuchte eine künstliche Euphorie zu erzeugen, indem sie die TV-Übertragung in Gastgärten mit Blick auf die Lärmbelastung verboten hatte, um sie nach aufflammenden Protesten dann doch zuzulassen. Letzteres präsentierte in einer Sonntagabend-Unterhaltungssendung die dreißig größten Schweizer Fußballhelden der Geschichte, um die Schweiz daran zu erinnern, dass sie durch die Finalqualifikation von Olympia 1924 (1:3 Niederlage gegen Uruguay) inoffizieller Europameister ist, und Großes auch heuer erreicht werden kann, schließlich belegen mit Alex Frei und Hakan Yakin zwei aktuelle Kaderspieler die Plätze drei und vier in der ewigen Bestenliste.

Nun hat sich Frei verletzt und Yakin spielt in Hitzfelds Überlegungen noch immer den Joker. Träumen sei dennoch erlaubt. Und falls die Realität Einzug hält, freuen wir uns mit unseren italienischen Nachbarn auf ihren nächsten Titel, denn geht es nach den Statistikern, hat die Schweiz Italien schon jetzt zum neuerlichen Weltmeister gemacht, schließlich erspielte sich Italien gegen die Schweiz wie schon 1982 und 2006 ein 1:1 im letzten WM-Vorbereitungsspiel.
ballesterer # 121

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