Neues, altes Monster

cache/images/article_1078_monster_140.jpg Die im aktuellen ballesterer fm beschriebene Auswärtsfahrt der Napoli-Fans nach Rom sorgte für ein mediales Echo, das von Vorverurteilungen und Klischees geprägt war. Der Ultra-Experte Sébastien Louis spricht im Interview über den Ursprung dieser Berichterstattung und die Gemeinsamkeiten von organisierten Fans und Migranten.
ballesterer fm: Wie haben Sie den aktuellen Fall rund um die angeblichen Ausschreitungen bei Roma Napoli miterlebt?
Sébastien Louis: Die Rivalität zwischen Napoli und Roma ist bekannt. Seit 2001 ist es immer wieder zu Auseinandersetzungen gekommen. Als ich diesen Sommer beim UI-Cup-Spiel von Napoli gegen Panionios in der Curva A war, habe ich Transparente gegen Roma gesehen. Ausschreitungen hätten mich also nicht überrascht. Einen Tag nach dem Spiel begann ich mich aber zu wundern, dass sich der mediale Sturm nicht abschwächte. Die Ausschreitungen standen im Mittelpunkt der Berichterstattung. Immer wieder die gleichen Bilder: die Ankunft der Napoli-Fans in Rom und die Zerstörungen aus dem Zug, die sich auf zerbrochene Scheiben und eine beschädigte Toilette beschränkten. Ich bin kein Bahnexperte, aber ich konnte keinen Schaden von 500.000 Euro sehen. Die Bilder vom Bahnhof waren auch nicht wirklich gewalttätig. Jeder, der einmal mit dem Zug zu einem Auswärtsspiel gefahren ist, wird einen solchen Mix aus Aufregung, Gruppendynamik und Ultra-Habitus miterlebt haben. Es ist klar, dass die Napoli-Ultras sich nicht wie Pilger verhalten, die den Papst besuchen, wenn sie in Rom ankommen. Aber natürlich eignen sich diese Bilder perfekt, um die Vorurteile gegenüber Ultras zu bestätigen gerade gegen jene aus Neapel, der Stadt des Mülls und der Camorra.

Finden Sie die harten Strafen gegen Fans und Verein gerecht?
Die Strafen sind unangemessen, wie fast immer, wenn es um die Ultras geht. Es gibt Dutzende ähnlich gelagerte Beispiele, wie das Schließen der Atalanta-Kurve für sechs Monate nach den Vorfällen im Spiel gegen Milan im November 2007. Ich möchte auch das Beispiel der Spezialzüge für Fans erwähnen. Nach einigen Unfällen und Zerstörungen wurde diese Art des Transports verboten. Seither fahren die Fans vermehrt mit Bussen und Autos, und es gibt viel mehr Kämpfe auf Autobahnraststätten. Hier herrscht eine falsche Logik. Schließlich hat man nach dem 11. September auch nicht den Flugverkehr eingestellt. Seit 30 Jahren hat der italienische Staat nur mit Repression auf Fangewalt und den daraus resultierenden Druck der Öffentlichkeit reagiert.

Hatten die Ultras früher ein besseres Standing in den Massenmedien?
Das Image der Ultras in italienischen Medien ist beinahe ausschließlich negativ und verzerrt. Egal, ob in nationalen oder lokalen, linken oder rechten Zeitungen, im Radio oder im Fernsehen. Diese Art der Berichterstattung begann Ende der 70er Jahre, als die Ultragruppen in ganz Italien großen Zulauf hatten. Vorerst hatte die italienische Gesellschaft aber noch ein anderes Problem: es gab sehr viel politische Gewalt, linken und rechten Terrorismus und beinahe einen Bürgerkrieg. Ende der 70er traten mehr und mehr Probleme um die Stadien auf, 1977 fabrizierte der berühmte Guerin Sportivo eine Coverstory zu Ausschreitungen italienischer Fans, 1978 waren Kämpfe zwischen Atalanta und Torino-Fans erstmals eine Schlagzeile in den nationalen Fernsehnachrichten. Den »Point of no Return« markierte der Tod des Lazio-Fans Vincenzo Paparelli am 28. Oktober 1979 während des Römer Derbys. Zur gleichen Zeit ebbte die politische Gewalt ab, um ein paar Jahre später fast vollständig zu verschwinden. Zurück blieben die Ultras als perfektes Monster, um soziale Panik zu verbreiten. Die Fans suchten zunächst noch den Dialog mit den lokalen Zeitungen, gaben aber bald entnervt auf und verlegten sich auf die Ironie, wie die Milanisti, die Ende der 80er ein Spruchband mit dem Slogan »Mütter, passt auf. Die Ultras fressen eure Kinder« aufhängten.

Hat sich die Art der Berichterstattung in den vergangenen Jahren verändert?

Nein, insbesondere wenn wir auf den Qualitätsverfall der Medien schauen. Zeitungen und Fernsehen konkurrieren mit den neuen Medien und haben nicht die Zeit, sich ernsthaft mit Phänomenen wie jenem der Ultras auseinanderzusetzen und verwenden immer wieder die gleichen Stereotypen, wie den Roller, den Inter-Fans 2001 aus dem Oberrang des San Siro geschmissen haben. Auf der anderen Seite sind die Ultras für dieses Image auch selbst verantwortlich. Schließlich hat es den Roller wirklich gegeben. Nach den angeblichen Zerstörungen des Zuges durch Napoli-Fans habe ich in die französischen Ultra-Foren geschaut, und die meisten Poster waren begeistert von den Vorfällen. Nach zwei Tagen, als sich gezeigt hatte, dass das so nicht stimmen kann, haben dann alle wie immer auf die Journalisten geschimpft. In vielen Fällen reichen die Ultras den Medien den Stecken, mit dem sie nachher verprügelt werden.

Welches Interesse könnten die Medien haben, die Ultras so darzustellen?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Neben mangelhafter Recherche und dem Druck, immer der Erste sein zu müssen, sind viele Medien mit politischen Interessen verwoben. Wenn wir uns die aktuelle Situation in Italien vergegenwärtigen, ist es für die Politik und die Medien gut, ein einfaches Ziel zu haben. Im Moment gibt es zwei klare Zielscheiben: die Migranten und die Ultras sie sind die »neuen Monster«, in die die Bevölkerung ihre Ängste transferieren kann. Keine anderen Mitglieder der Gesellschaft sehen sich derzeit so harten und mitunter gesetzeswidrigen Maßnahmen ausgesetzt.

Sèbastien Louis, Jahrgang 1977, hat vor kurzem sein Doktorat an der Universität Perpignan mit einer Arbeit über italienische Ultras abgeschlossen. Der Olympique-Marseille-Fan ist zudem Autor des Buches »Le phénomène ultras en Italie« (Editions Mare et Martin, Paris 2006), das noch auf eine Übersetzung ins Deutsche wartet.

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
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