Neulinge

WM-Neulingen wird im Allgemeinen keine Chance auf Erfolg eingeräumt. Eine erste Zwischenbilanz.
Klaus Federmair | 13.06.2006


Worin das Handicap eines erstmals qualifizierten Verbands konkret liegen soll, ist ziemlich unklar. Inwieweit profitiert das aktuelle australische Team von den Erfahrungen der WM-Teilnahme 1974 oder Polen 2006 von über zwanzig Jahre zurück liegenden Halbfinalerfahrungen? Schwer zu sagen, erst recht, wenn man den Start der beiden Mannschaften in das diesjährige Turnier betrachtet: Überraschungssieg der Australier über Japan, ernüchternde Niederlage Polens gegen Ecuador.

In Deutschland treten auch Neulinge an, die man gar nicht für solche hält. Serbien-Montenegro und Tschechien sind im kollektiven Unterbewusstsein alte WM-Bekannte als Nachfolger Jugoslawiens und der Tschechoslowakei. So spielten sie auch ihre Eröffnungspartien. Serbien spielte beim 0:1 gegen die Niederlande erwartungsgemäß technisch brillant, mit wenig erkennbarem Siegeswillen und schließlich glücklos. Tschechien überzeugte gegen die USA und könnte trotz Jan Kollers Ausfall an die größten Erfolge der Tschechoslowakei anknüpfen (Finale 1934 und 1962, Semifinale 1990). 1998 hat Kroatien schon vorgezeigt, dass man bei der ersten Teilnahme auch das Halbfinale erreichen kann.

Bleiben die klassischen Newcomer. Trinidad und Tobago erkämpfte sich in einer herzhaften Abwehrschlacht ein glückliches, aber heldenhaftes Unentschieden gegen Schweden und dürfte damit seine Grenzen ausgelotet haben.

Afrika schickt 2006 bei fünf Teilnehmern gleich vier Neulinge ins Rennen. Die ersten drei, die ins Geschehen eingriffen, gaben gegen drei Mitfavoriten das vorgeformte Bild des Firsttimers ab. Die Elfenbeinküste, Angola und Ghana erwiesen sich mit technisch und spielerisch hervorragendem Fußball ganz klar als weltmeisterschaftswürdig. Trotzdem mussten sie sich gegen deutlich effizientere Gegner geschlagen geben. Besonders ärgerlich war die Niederlage des vierfachen Afrikacupsiegers Ghana. Gute Torchancen, unzählige Schüsse neben und über das Tor, zwei Abwehrschnitzer - logisches Ergebnis gegen Italien: 0:2. Da mag man noch so sehr über zumindest einen nicht gepfiffenen Elfer jammern, das Problem bleibt: Wenn man vor dem Tor zu ungefährlich und auf Elfmeter angewiesen ist, wird man es bei einer WM nicht weit bringen.

Mein persönlicher Feind unter den Neulingen ist übrigens die neue TV-Einblendung der Nachspielzeit. Ich konnte darauf noch kein einziges Mal eine Zahl erkennen. Vermutlich liegt das an meiner Rot-Grün-Sehschwäche. Diese ist ein gerade unter Männern weit verbreiteter Defekt. Macht euch auf Massendemonstrationen vor dem DFB-Medienzentrum gefasst!

Referenzen:

Rubrik: WM-Tagebuch
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