adidas_wm_2014_top_banner.jpg

Ein Sieg mit fahlem Beigeschmack

cache/images/article_2321_2014-07-04_21.07.47_140.jpg WM-BLOG Tapfer kämpfende Kolumbianer müssen nach dem 1:2 gegen Brasilien die Heimreise antreten. Zwei schwerwiegende Ausfälle lassen die siegreiche Selecao Brasileira jedoch wenig optimistisch auf das Halbfinale gegen Deutschland am Dienstag blicken.

Das Wichtigste gleich vorweg: Brasilien steht im Halbfinale. Die Selecao geht allerdings mit zwei gravierenden Schwächungen in die Vorschlussrunde. Thiago Silva fällt nach unnötiger gelber Karte gesperrt aus, der fehleranfällige "Bayer" Dante wird ihn ersetzen.

 

Der zweite Ausfall könnte dagegen noch viel schwerer wiegen. Der diesmal unauffällige Neymar wird kurz vor Ende des Spiels in Fortaleza von Juan Zuniga über den Haufen gerannt und bleibt mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen. Die erste, noch im Stadion erfolgte, Diagnose wird in der Klinik bestätigt und lässt die schlimmsten Befürchtungen der ganzen Fußballnation wahr werden. Ein Bruch des dritten Lendenwirbels beendet die Weltmeisterschaft für den Ausnahmekicker vorzeitig, eine Heilung innerhalb von nur einer Woche halten die Ärzte für ausgeschlossen. Ein Monat Pause und ein Rückenkorsett, stehen Neymar nun bevor. Das Sportblatt "Lance!" fühlt sich an die Verletzungen von Leonidas 1938 und Pele 1966 erinnert. Dass beide Male kein WM-Titel geholt wurde, stärkt nicht unbedingt die Hoffnungen.


Problemzonen 

Doch zurück zum Anfang des Spieltags. Angekündigte Sensationen finden bekanntlich nur selten statt, Wunsch und Realität liegen ein gutes Stück auseinander. So auch am heutigen Nachmittag. In der Gluthitze des Hexenkessels in Fortaleza trifft dies nicht nur auf die Mannen der kolumbianischen Nationalmannschaft zu, sondern umso mehr auch auf die Anrainer rund um das Estadio Castelao. Schon am Vortag des Spiels hatte ich Gelegenheit ernüchternde Eindrücke außerhalb der FIFA-Glitzerwelt zu sammeln. Dazu braucht man sich nur einen Block unterhalb des Stadions in eine der typischen Botecos zum Mittagessen zu begeben.

 

Jaime, der das kleine Lokal mit seiner Großfamilie führt, erzählt mir von den rauen Lebensumständen der ums Stadion wohnenden Einwohner. "Das Stadion ist doch reine Makulatur. Für uns Anrainer hat sich hier überhaupt nichts verbessert. Okay, die Zufahrtsstraße wurde auf vier Spuren verbreitert, aber wo ist das nächste Spital, die nächste gute öffentliche Schule? Schreib das bitte rein in deinen Blog, damit die Leute in Österreich wissen, dass uns unsere Regierung hier verarscht". Tatsächlich wirkt die futuristische Bauweise des Estadio Castelao mit seinen Segelschiffmasten nachempfundenen Stahlträgern deplaziert in der ärmlichen Gegend, die man auch im viel ärmeren Guatemala antreffen könnte.

 

Dass die Stadtverwaltung es offensichtlich nicht einmal der Mühe Wert gefunden hat, die Prostitution von Minderjährigen zu unterbinden, merke ich am Abend beim Warten auf meinen Transport. Unmittelbar vor dem Ausgang des Medienzentrums und nur wenige Meter von zwei Polizeistreifen entfernt, gehen zwei Mädchen in aufreizenden Kleidern und mit eindeutigem Blick in Begleitung eines Burschen, der offensichtlich die Rolle des Cafetao (Zuhälter) einnimmt, ganz ungeniert auf Kundenfang. Eigentlich eine Riesenschande für einen WM-Austragungsort, so etwas nicht durch präventive Maßnahmen zu unterbinden. Der alte Cäsarenspruch von Brot und Spielen gewinnt hier auf tragische Weise seine Gültigkeit.

 

Heimvorteil auf allen Ebenen
Unbestreitbar ist die Fußballbegeisterung in der Stadt, obwohl die beiden lokalen Mannschaften nur in der zweithöchsten brasilianischen Spielklasse kicken. Der brasilianische Ex-Verbandschef Ricardo Teixeira hat genau gewusst, warum er bei der Ausarbeitung des Spielplans gleich zweimal diese Stadt als Spielort für seine Mannschaft wählt - das bekannt kritische Publikum aus Sao Paulo und Rio bekommen die eigene Mannschaft nur maximal einmal zu sehen. Die besonders lautstarke, fanatische Torcida in Fortaleza, die mit ihren Schmähgesängen gegen Argentinien und Maradona schon bei der Anfahrt im öffentlichen Bus für Stimmung sorgt, besitzt ja seit letztem Jahr gewissermaßen das Copyright auf das A-Capela-Singen der Nationalhymne.

 

Was bei all der Begeisterung über die lautstarke Fanunterstützung aber total untergeht: Ein weiterer Ticketskandal, den LOK und FIFA zu verantworten haben. Ich meine hier jetzt gar nicht den am Dienstag aufgeflogenen Skandal um einen riesigen Tickethändlerring, angeführt von einem algerischen Spielervermittler, der in höchste Funktionärskreise reicht (der Sohn von FIFA-Vizepräsidenten Julio Grondona sowie Ronaldinho Bruder Assis und auch Ex-Teamchef Carlos Dunga sollen verwickelt sein) sondern schlicht der skandalöse Fakt, dass gerade einmal 3.000 Eintrittskarten der verfügbaren 60.300 an kolumbianische Fans verkauft wurden. Und das, obwohl laut FIFA-Regeln jedem der Teilnehmerländer zumindest 15 Prozent des Kartenkontingents zur Verfügung gestellt werden sollte. Die Nachfrage nach Tickets bei den kolumbianischen Fans war riesengroß, rund 40.000 halten sich zur Zeit in Brasilien auf. Mit Schwarzmarkt-Wucherpreisen von bis zu 1.200 Euro für die beste Kategorie wurde aber vielen jede Chance genommen, das Spektakel live im Stadion zu sehen. Eine großer Makel der Organisatoren, wenn man an die Reisestrapazen der treuen und meist nicht begüterten Fans denkt. 

 

Vorteil Gelb
Die "Selecao Brasileira" hat somit schon zu Beginn des Spiels einen von offizieller Seite ermöglichten Zusatzvorteil. Man merkt den kolumbianischen Spielern von der ersten Minute den Respekt vor der "gelben" Wand an. "Amarelou" ("gelb geworden") heißt im brasilianischen Portugiesisch umgangssprachlich "sie haben gekniffen", ein treffendes Wortspiel für die, im Gegensatz zu den vorherigen Spielen, gewählte kolumbianische Angsthasentaktik der ersten Hälfte. Ein schnelles Tor durch den einmal mehr überragenden Thiago Silva in Minute sieben, spielt den Brasilianern natürlich in die Karten. Daniel Alves auf der rechten Außenbahn durch Maicon zu ersetzen, erweist sich als goldrichtig. Luis Gustavo-Ersatz Paulinho und Fernandinho agierten als Doppel-Sechs diesmal sehr inspiriert. Somit ist das Mittelfeld, das viele Experten wie mein Interviewpartner Ex-Weltmeister Tostao und der vom ballesterer im Brasilien-Heft zitierte ESPN-Experte Paulo Vinicius Coelho, in den vorherigen Spielen wenig bis gar nicht vorhanden sahen, diesmal konsolidiert.

 

Erstaunlich auch, wie sich die Spieler Scolaris Worte von einem weniger freundlichen Verhalten gegenüber dem Gegner zu Herzen nahmen. Mit insgesamt 54 Fouls, davon 31 von Brasilien, geht das Spiel als das bisher unfairste der ganzen WM in die Statistik ein. Und das obwohl Scolari bei der Abschlusspressekonferenz am Vortag noch von einem Sympathiespiel gesprochen hatte, zumal die kolumbianische Spielauffassung sehr der brasilianischen ähnle und daher ein "Krieg" wie gegen Chile, Argentinien oder Uruguay nicht zu erwarten sei. Dem spanischen Unparteiischen Carlos Velasco Carballo muss eine Mitschuld gegeben werden, lässt er doch viel zu lange seine Karten in der Hosentasche. Ein früheres Durchgreifen hätte womöglich in weiterer Folge zu weniger Unterbrechungen geführt und wäre so der spielerischen Komponente der Partie durchaus zuträglich gewesen. Zwar sind mit Cuadrado und James Rodriguez die beiden gefährlichsten Angreifer der "Cafeteros" weitgehend aus dem Spiel genommen, es braucht dennoch Unterstützung durch den Schiedsrichter, um Brasilien endgültig auf die Siegerstrasse zu bringen. Ein zweifelhafter Foulpfiff vor dem Freistoß von David Luiz, dem besten Mann am Platz, der zum 2:0 führt und eine nicht gegebene rote Karte für Tormann Julio Cesar nach Elfmeterfoul, den James Rodriguez zum letztlich wertlosen Anschlusstreffer verwertet, hinterlassen einen fahlen Beigeschmack.


Nach dem Schlußpfiff bleiben dem weinenden James Rodriguez nur die tröstenden Worten von David Luiz und Ersatzpieler Dani Alves. Kolumbien hat in Brasilien seine beste Vorstellung bei einer WM abgeliefert. Dass der ganz große Wurf noch nicht gelungen ist, mag auch mit den Worten von Coach Pekerman begründet werden, wonach das kollektive Sportgedächtnis doch einen Einfluss auf das aktuelle Ergebnis hat. Sollte schlussendlich doch Peter Lindens mir gegenüber geäußerter Expertentipp von einem Vintage-Final "40 Jahre danach" zwischen Deutschland und Holland Realität werden? Am Mittwoch sind wir schlauer...

 

Der ballesterer-WM-Blog wird unterstützt von adidas.

ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png