»Nichts ist besser als die Wirklichkeit«

cache/images/article_1167_urban_140.jpeg Marcus Urban ist der einzige Ex-Fußballprofi im deutschsprachigen Raum, der sich als homosexuell geoutet hat. Gemeinsam mit dem Journalisten Ronny Blaschke hat er seine Erfahrungen in dem Buch »Versteckspieler« zusammengefasst, das nun auch verfilmt werden soll. Im Vorfeld der Club-2x11-Diskussion zum Thema Homosexualität im Fußball sprach Urban mit dem ballesterer über sein Coming out, »schwule« Schweine und den schwierigen Umgang mit der Realität.
ballesterer: Was waren die Beweggründe für Ihr Coming out? Was hat Sie davon abgehalten, sich während Ihrer aktiven Zeit zu outen?
Marcus Urban: Es war ein längerer Prozess, den man in Phasen einteilen könnte. Zunächst war da so eine Ahnung, ein Gefühl für Männer. Dann das Spüren der Unvereinbarkeit der eigenen Gefühlswelt mit der Wirklichkeit der Umwelt. Im Fußball dann das »Versteckspiel«, das über alle Ebenen passierte. Gesten und Mimik kontrollieren, Verhalten und Sprache prüfen, ja sogar homoerotische Fantasien verbieten. Ich hatte Angst von der Sportschule zu fliegen, wobei Fußball doch mein Leben war und ich in diesem Sport eine Art Anerkennungsersatz für die unsäglichen familiären Zustände damals suchte. Obwohl ich das Gefühl des Zuhauseseins schmerzlich vermisste, wollte ich auf keinen Fall in das meinige zurück. Andererseits konnte und wollte ich mich nicht mehr verstecken und ein Schatten meiner selbst bleiben, also trat ich heraus und es hat sich gelohnt. Meine schwierige Kindheit hat es notwendig gemacht, über das Erlebte zu sprechen, um es zu verarbeiten. Im Zuge der Persönlichkeitsbefreiung hatte ich dann mit 23 mein Coming out.

Warum haben Sie sich entschieden, Ihre Geschichte niederzuschreiben? Wie waren die Reaktionen auf das Buch?
Ich arbeite meine Traumatisierung auf, seit ich denken kann. In den 90er Jahren wurde mir immer klarer, dass meine Geschichte doch ziemlich ungewöhnlich ist, und auch von Freunden kam die Anregung ein Buch zu schreiben. Nun ich habe ein Tagebuch in Schrift- und Bildform für mich persönlich geführt, mit dem ich mir vieles bewusst gemacht habe. Wenn ich ehrlich bin, habe ich darauf spekuliert, dass die Zeit irgendwann reif für ein Buch oder sogar Film sein könnte. Ich habe mich quasi viele Jahre darauf vorbereitet, um schließlich 2007 Ronny Blaschke mein Geschichte zu erzählen. Er hat sie toll geschrieben. Ich hoffe, dass sie berührt und ein Stück bisher verkannte Wirklichkeit aufdecken hilft. Nichts ist besser als die Wirklichkeit, wir haben nämlich nur die eine, auch wenn der Gang dorthin manchmal unangenehm ist.

Glauben Sie, dass das Buch anderen schwulen Fußballern helfen kann, offen mit Ihrer Sexualität umzugehen?
Es ist generell richtig und gesund, offen mit der eigenen Sexualität umzugehen. Das gilt für alle. Ich finde einen ehrlichen, liebevollen, durchaus auch humorvoll-kreativen Umgang mit dem Thema schön. Wir alle haben Schwellen oder Hemmnisse, das ist völlig in Ordnung. Jeder muss für sich entscheiden ob, wie oder wann er oder sie darüber sprechen möchte.

Gehen Sie ins Stadion? Oder halten Sie die homophoben Sprechchöre von einem Matchbesuch ab? Haben diverse Kampagnen eine Verbesserung bewirkt?
Welche Kampagnen? Es gab einzelne Veranstaltungen zum Thema und Medienberichterstattung, die einiges losgetreten haben. Das kann nur ein Anfang gewesen sein. Ins Stadion gehe ich mittlerweile wieder. Homophobe Sprechchöre habe ich bisher vor Ort noch nicht erlebt, kenne sie aber aus Erzählungen und Berichten. Aber Hand aufs Herz, ist es nicht auch irgendwie komisch, wenn sich eine mittelgroße Gruppe im Gleichklang irrt, wenn sie »schwule Sau« posaunt. Kann ein weibliches Schwein wirklich schwul sein? Wäre es nicht ein »schwuler Eber« oder eine »lesbische Sau«? Also ich begreife es vielleicht noch nicht, aber das kann ja noch werden.

Sehen Sie Fußball als Spiegelbild der gesellschaftlichen Einstellung zu Homosexualität oder als besonderen Bereich mit eigenen Regeln?

Als letzteres, denn die Uhren ticken anders, als in den Bereichen Kunst, Design, Unterhaltung oder Mode, Medien und Politik. Auf der anderen Seite spiegelt es einen Teil der gesellschaftlichen Realität wieder. Durch eine Auseinandersetzung mit dem Thema Homosexualität werden Gemüter in dieser männlichen Domäne zu Meinungsäußerungen bewegt, die bisher nicht angeregt wurden. Das deckt ein bisher nicht wahrgenommenes Meinungsspektrum auf. Da können auch schon mal etwas robustere Wortmeldungen auftauchen.

Was würden Sie einem schwulen Nachwuchsspieler raten? Soll er sich outen oder das Kicken lieber sein lassen?
Man sollte den Jungs und Mädels zur Seite stehen. Vielleicht ist die Zeit langsam reif dafür, dass nach und nach endlich die Realität Einzug hält und jeder, wenn er will, von seinen Erlebnissen - ob homo, hetero oder was auch immer - erzählen kann. Ich fordere alle dazu auf, den Betroffenen, wenn es soweit ist, zuzuhören und im Wissen um die Problematik Hilfe anzubieten. Jeder muss für sich klären, ob und wann er darüber sprechen will. Bedeutet es die Karriere zu beenden oder sein Leben zu leben? Ich kann nur dazu raten, sich selber treu zu bleiben. Der Mensch ist wichtiger als das Fußballspiel, auch wenn es die schönste Nebensache der Welt ist.

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Rubrik: Aktuell
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