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Sepp und die andauernde Vision

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WM-BLOG Der FIFA-Kongress in Sao Paulo war geprägt von schönen Worten. Die interne Kritik an Sepp Blatter wird zwar schärfer, den Rat von Altbundeskanzler Franz Vranitzky wird der Weltverbandspräsident aber wahrscheinlich trotzdem nicht befolgen.

Standing Ovations begleiten den Abschlussvortrag von FIFA-Präsident Joseph S. Blatter beim 64. Kongress des Weltverbandes in der ausladenden Messehalle von Santo Amaro im Süden von Sao Paulo. Blatter will es allen noch einmal zeigen, und zumindest die Kleinverbände scheinen ihm die Treue zu halten. Kein Wunder, hat der FIFA-Präsident doch versprochen, 750.000 US-Dollar an jeden Verband als Sonderprämie auszuzahlen - eine einfache und wirkungsvolle Tat.

Juca Kfouri, der bekannteste Kritiker der korrupten Strukturen im brasilianischen Fußballbetrieb, hat mir auf die Frage nach seiner Teilnahme am Kongress abwinkend mitgeteilt, dass ihn das "Meeting der Mafia" nicht besonders interessiere. Der Vergleich scheint unpassend, wenn man sich manche Passagen im Laufe des Kongresses anhört. Da werden tatsächlich durchaus fundierte Projekte zur Förderung des Frauen- und Jugendfußballs präsentiert, Antidiskriminierungsmaßnahmen, der Kampf gegen Wettbetrug  sowie bessere medizinische Versorgung der Spieler diskutiert. Und dann gibt es tatsächlich auch einen waghalsigen "Verräter", Domenico Scala von der Audit- und Compliance- Kommission des Verbands, der allen Mitgliedern ins Gewissen redet, sich redlich zu verhalten, in keine Interessenskonfliktlage zu kommen, in keinen Machtrausch zu fallen  und alle anderen Personen so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte.

Schöne neue FIFA-Welt? Leider nur ein schöner Traum. Wenn es auch erfreulicherweise eine wachsende Menge jüngerer und moderner denkender Leute im Weltverband gibt, haben die alten Strippenzieher noch lange nicht aufgegeben. Argentiniens Verbandspräsident Julio Grondona beispielsweise. Der 82-Jährige, der sich seit Jahren Vorwürfen von Geldwäsche, Betrug und Steuerhinterziehung ausgesetzt sieht, leitet passenderweise das Finanzkomitee der FIFA. Neben diversen finanziellen Ungereimtheiten in seinem Verband gibt es eine belegte Aussage von ihm, dass ein Jude niemals ein guter Schiedsrichter sein könne. Was für einen Spieler richtigerweise eine lange Sperre nach sich ziehen würde, hatte für das Exekutivkomiteemitglied bis heute keinerlei Nachwirkung, obwohl eine Suspendierung eigentlich nach den eigenen Vorschriften zwingend gewesen wäre.

Die Ehrung für die Spitze des brasilianischen Verbands CBF zum 100-jährigen Bestehen erinnert dann ebenfalls eher an ein Gruselkabinett. Für Verbandspräsident Jose Maria Marin hatten die schweren Vorwürfen wegen Korruption und Kollaboration mit der Militärdiktatur in den 1970er und 1980er Jahren aber bis dato ebenfalls keine Auswirkungen. Und sein Nachfolger Marco Polo del Nero ist aus einem ganz ähnlichen Holz geschnitzt.
 
Obwohl auf dem Kongress immer wieder betont wird, wie wichtig es sei, sich der Zeit anzupassen, scheint das für Blatter nicht zu gelten. Im Gegenteil: Er besteht auf der Weiterführung seines Amts und wird bei der Wahl im kommenden Jahr von den afrikanischen und karibischen Verbandspräsidenten unterstützt werden. Die unterschiedlichen Mentalitäten im Weltverband und die alten Seilschaften lassen die von den allermeisten europäischen Funktionären erwünschte Wachablöse als unrealistisches Unterfangen erscheinen. Da spielen auch bemerkenswerte fachlichen Fehler in Blatters Rede keine Rolle - er spricht von der ersten Weltmeisterschaft 1990 in Brasilien, vergisst bei der Aufzählung der Gründungsmitglieder des Weltverbands Belgien zu erwähnen und behauptet, der nicht an der WM teilnehmende Carlos Tevez wäre aktueller argentinischer Nationalspieler.

Bezeichnend dann auch der Versprecher in Blatters Schlussstatement: Statt seiner Mission erklärt er seine Vision für noch nicht beendet. Dem österreichischen Beobachter fällt da natürlich gleich der Satz des früheren Bundeskanzlers Franz Vranitzky ein, der einmal gemeint hat, wer Visionen hätte, der solle gefälligst einen Arzt aufsuchen, aber kein Amt mit Verantwortung ausfüllen. Leider wird Joseph Blatter diesen Rat nicht befolgen. 


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Referenzen:

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Thema: Brasilien, FIFA, Sepp Blatter
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