Nordkoreas Wunder im WUK

cache/images/article_1433_wuk_140.jpg WM-BLOG Bei der WM 1966 spielte sich Außenseiter Nordkorea in die Herzen der englischen Fans. Nach einem sensationellen 1:0 gegen Italien scheiterte Nordkorea erst im Viertelfinale an Portugal. Regisseur Daniel Gordon hat sich 2002 auf die Spuren der Mannschaft begeben und ihr mit der Doku »The game of their lives« ein Denkmal gesetzt. Zu sehen ist der Film heute im ballesterer-WM-Quartier im WUK. Zur Einstimmung ein Interview mit Daniel Gordon.

Armin Pfingstl | 15.06.2010
ballesterer: Das nordkoreanische Team war 1966 in England alles andere als willkommen. Sie hatten keine diplomatischen Beziehungen und ihre Hymne wurde vor den Spielen nicht gespielt. War das eine rein diplomatische Krise oder hat das die verbreitete Meinung widergespiegelt?
Daniel Gordon: Zu dieser Zeit hat es ein generelles Misstrauen gegeben. Sie waren Kommunisten, geheimnisvoll und außerdem haben wir gegen sie im Koreakrieg gekämpft. Aber die Dinge haben sich schlagartig geändert, als sie nach Middlesbrough kamen. Eine typische Arbeiterstadt im Nordosten Englands. Schon im ersten Spiel gegen die UdSSR, als Nordkorea von den Sowjets überrannt wurde, sind die Leute in ihrem Lager gestanden. Die lokale Bevölkerung hat zum Außenseiter gehalten und die harte Arbeit der Mannschaft honoriert.
Vor der WM wurden die Nordkoreaner ungefähr ein Jahr lang einkaserniert. Hat einer der interviewten Spieler über diese Zeit gesprochen?
Es war sicher eine harte Zeit für sie, aber sie erhielten zusätzliche Rationen Fleisch und Milchprodukte zur Leistungssteigerung. Und sie hatten den Willen, erfolgreich zu sein. In diesem Zeitraum haben sie auch eine Reihe von Testspielen gehabt, vor allem in der UdSSR und Osteuropa. Und dabei gar nicht mal so schlecht gespielt.
Später hat es Gerüchte gegeben, dass die Spieler Nordkoreas nach ihrer Rückkehr wegen eines Besäufnisses nach dem Sieg gegen Italien inhaftiert worden wären? Stimmt das oder handelt es sich dabei um die typische Propaganda des Kalten Krieges?
Soweit ich weiß, stimmt das nicht. Auch die Spieler haben es immer wieder bestritten.
Als die verbliebenen sieben Spieler der 1966er-Mannschaft 2002 nach Middlesbrough zurückgekehrt sind, wurde über dem Rathaus und dem Riverside Stadion die nordkoreanische Flagge gehisst. 33.000 Leute in Middlesbrough und 40.000 in Liverpool (Austragungsort des Viertelfinalspiels gegen Portugal, Anm.) gaben ihnen stehende Ovationen. Wie erklären Sie sich diese Sympathiebekundung?
Die Bevölkerung erinnert sich einfach an die großartige sportliche Leistung damals und macht sich weniger aus Politik. Wenn sie die Leute hier nach dem bekanntesten Nordkoreaner fragen, werden Pak Doo Ik (Siegestorschütze gegen Italien, Anm.) nennen. Das hat zumindest so lange gegolten, bis George W. Bush sie auf die Achse des Bösen gesetzt hat. Bei mir war es genauso: Ich habe ihre Aufstellung immer besser gekannt als ihre Politiker.
Eusebio hat Nordkorea im Viertelfinale beinahe im Alleingang besiegt. Als Sie ihn um einen Interview-Termin gebeten haben, hat sein Manager ein Honorar dafür verlangt. Was halten Sie davon?
Eigentlich macht es nichts aus, dass Eusebio im Film nicht zu Wort kommt. So wie sich der Film entwickelte, war es nicht wirklich maßgeblich. Eusebio ist einer der Allzeitgrößen und die Nordkoreaner haben ihm großen Respekt entgegengebracht. Das ist wichtig.
Ihr Film »Crossing the line« lief 2007 bei der Viennale. Wieder zeichneten Sie ein Bild von Nordkorea, das für den Westen sehr untypisch ist. Was denken Sie persönlich über die Veränderungen in Nordkorea seit ihrer ersten Dokumentation vor ungefähr 10 Jahren?
Ich war immer von der Freundlichkeit überwältigt, die mir in Nordkorea entgegengebracht wurde: ihre Liebe zum Fußball und ihre Kooperation bei all meinen drei Filmen. Ich war ebenfalls oft in Südkorea und bin immer wieder erstaunt, wie ähnlich sich die Leute sind. Nimm die Politik beiseite und du hast ein Korea.
Haben Sie bei Ihren Aufenthalten auch ein Ligaspiel besucht?
Ich habe mir einige Spiele angeschaut. Aber es ist eher wie im früheren Osteuropa: Mannschaften werden aus Ministerien, der Armee oder Industriekomplexen gebildet. Die Spiele sind eher nicht gut besucht, weil sie praktisch tagsüber unter der Woche stattfinden, als Teil des Arbeitstages sozusagen. Dennoch sind die Nordkoreaner absolut fußballverrückt.
Wie haben Sie sich am 17. Juni 2009 gefühlt, als sich Nordkorea für die WM qualifiziert hat?
Ich war stolz. Ich hege tiefe Gefühle für das nordkoreanische Team. Damals wie heute. Ich habe mich aber auch gefreut, als die Südkoreaner 2002 bis ins Semifinale gekommen sind.
Hat Nordkorea in der Gruppe mit Brasilien, Portugal und der Elfenbeinküste eine Chance?
Auf dem Papier auf gar keinen Fall. Aber Fußball wird immer noch auf Gras gespielt. Es wird verdammt hart. Aber 1966 hatten sie ebenfalls keine Chance. Daran werden sie denken. Und vielleicht haben sie sogar eine DVD von »The game of their lives« im Gepäck.
Haben Sie jemals Kim Jong Il getroffen oder eine Reaktion auf Ihre Filme erhalten?
Außer bei Paraden habe ich ihn nie gesehen. Ich glaube aber, dass er all meine Filme gesehen hat und schlussendlich seine Zustimmung dazu gegeben hat. Meine Filme sind die einzigen, die sowohl im Norden als auch im Süden gezeigt wurden. Darauf bin ich sehr stolz, weil es den Respekt beider Seiten zeigt.
Veranstaltungstipp

Screening »The game of their lives« am 15. Juni um 18.00 im ballesterer-WM-Quartier im WUK (Währinger Straße 59, 1090)


weitere Hinweise

  • Trailer »The game of their lives« auf youtube

  • Eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Mannschaft von 1966 findet sich in der WM-Ausgabe des ballesterer


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