Ösi hat Vertrag

cache/images/article_1586_austria_140.jpg Das Unwort und die Unredewendung des Jahrzehnts. Warum man kein Patriot sein muss, um »Ösi« zu hassen und keine Pisa-Studie braucht, um auch im Fußballermilieu einen Verfall der Deutschkenntnisse zu erkennen.
Hannes Gaisberger | 06.01.2011
Ich weiß nicht mehr wann, aber ich weiß noch genau wo ich das erste Mal über die Bezeichnung »Ösi« gestolpert bin. Im Sportteil der Kronen Zeitung zitierte man die Bild, und das »Ösi« stand pflichtgemäß in Anführungszeichen. Ich will vorwegschicken, dass sich mein Patriotismus während der Pubertät in Luft aufgelöst hat, und mich keine zehn Haflinger nach Schladming, Kitzbühel, Córdoba (Argentinien) oder sonstwo hin schleifen können, wo sich das rot-weiß-rote Nationalgefühl manifestiert. Das ist mir alles wurscht, was ja auch irgendwie österreichisch ist. Dennoch hat mich der »Ösi« in heimischen Blättern ab dem Moment gestört, als man ihm die Anführungszeichen abgenommen hat.

Mag der deutsche Boulevard Marko Arnautovic »Null-Bock-Ösi«, »Voll-Bock-Ösi« oder »Rüpel-Ösi« heißen, das ist sein Job. Aber wenn ich in den Öffentlichen Verkehrsmitteln Wiens ein Exemplar von der Kronen Zeitung, Österreich oder Heute im Unrat liegen sehe und in der Headline prangt Ösi, läutet meine persönliche Alarm-Pummerin. Was soll aus uns werden, wenn nicht einmal unsere nationalen Einpeitscher-Medien noch einen Funken Stolz im Leib haben.

»Ösi« ist ein Schimpfwort, das mittlerweile den »Schluchtenscheißer« ersetzt hat! Es existieren zahlreiche »Ösi-Witze« Webseiten, in denen der »Ösi« den Burgenländer, Mühlviertler, Ostfriesen, Belgier gibt. Sicher, »Ösi«  ist schön kurz und so bleibt noch viel Platz in der Schlagzeile, aber liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger wir dürfen uns nicht selbst als Witzfiguren titulieren! Die Zeitung Österreich nennt sich ja auch nicht »Ösi-Bild«, obwohl es so falsch nicht wäre.

Doch überwinden wir kleingeistige Landesgrenzen und wenden wir uns dem Verbindenden zu, der deutschen Sprache. In der wird seit geraumer Zeit auf Reporterfragen wie »Was ist dran an den Wechselgerüchten?« oder »Wie geht es bei Ihnen weiter?« gerne mit »Ich habe Vertrag bis 2011 und dann« geantwortet. Ich will hier trotz 26 inskribierter Semester Germanistik nicht den Oberlehrer spielen, aber das ist falsch. Und es wird auch nicht richtiger, je öfter es jemand sagt. Man hat »einen« Vertrag - manchmal auch zwei, wegen der Steuer soviel Zeit muss sein. Schließlich reicht die Luft auch für das nicht richtigere »Ich habe hier noch Vertrag bis«.

Im Spiegel wurde dieser Missstand bereits 2005 angeprangert: »Kann man das Wort Vertrag ohne Artikel gebrauchen? So etwas geht eigentlich nur bei unzählbaren Hauptwörtern: Ich habe Zeit, Ich habe Urlaub, Ich habe Hunger oder Ich habe Vorfahrt. Verträge aber kann man zählen, daher sind sie in der Einzahl nur mit Artikel zu haben. Vielleicht empfinden manche Spieler den Umstand, in vertraglicher Verpflichtung zu stehen, als derart bedrückend, dass sie Vertrag mit einer Krankheit gleichsetzen: Mein Vater hat Asthma, meine Mutter hat Rheuma, und ich habe Vertrag.«

Seit 2005 hat sich diese Floskel leider mehr und mehr verbreitet, und auch hiesige Kicker scheinen mittlerweile zu glauben, »ich habe Vertrag« sei korrekt. Dabei sind die unbestimmten Artikel gerade im Dialekt benutzerfreundlich minimalistisch, wie man am Beispiel »A Gulasch und a Seidl Bier« besonders gut sehen kann. Am dialektalen Wesen könnte manchmal die Welt genesen.

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Rubrik: Aktuell
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