Offen für alles

cache/images/article_2087_cl.svg_140.png Am Samstag trifft der FC Bayern im wichtigsten europäischen Pokalwettbewerb auf Borussia Dortmund. Ein Zeichen dafür, dass Deutschland auch den Fußball des Kontinents beherrscht? Ein vorweggenommener Wahlkampf? Oder doch nur eine regionale Sache? Fußball bietet Raum für viele Deutungen.
Nicole Selmer | 21.05.2013

Als der FC Bayern München vor einem Jahr gegen Chelsea im Finale der Champions League stand, rief der Verein in einem Offenen Brief Fußballfans in ganz Deutschland zur Unterstützung auf: »Wir haben einen Traum, lasst ihn uns wahr werden.« Ein deutscher Finalteilnehmer, und dann noch bei einem Endspiel in Deutschland - da schien die nationale Vereinnahmung, der gemeinsame Traum von Bayern-Fans und Rest-Deutschland eine naheliegende Geste zu sein. Allerdings nicht für alle. Die FDP-Politikerin Birgit Homburger verweigerte sich der Allianz: »Das guck ich nicht. Ich hasse Bayern München.« Dafür wurde sie in ihrer eigenen Partei als Vollpfosten betitelt, offenbar fehle ihr das Zeug zur deutschen Spitzenpolitikerin. Homburger spielt übrigens selbst Fußball, die Teilnahme am FC Bundestag, des rein männlichen Fußballteams der deutschen Parlamentarier, wurde ihr angeblich verweigert, weil es nur eine Kabine gebe. Aber das nur am Rande.  

Die Münchener Erwartung landesweiter Unterstützung ergab für viele Menschen Sinn. Das Phänomen, im Europacup deutsche Vereine zu unterstützen, die man in der Liga sonst lieber verlieren sieht, gilt für viele Zuschauer. Wenn die nationale Zugehörigkeit schwerer wiegt als Vereinssympathien und -antipathien, wird aus einem internationalen Wettbewerb der besten - was meist bedeutet: der reichsten - Vereine des Kontinents so doch wieder ein nationaler Wettstreit. Illustriert wurde dies nach den Halbfinalhinspielen der Champions League: Das zusammenfassende Resultat »Deutschland - Spanien 8:1« fand sich bei verschiedenen  Medien. Die Bild ergänzte sie mit der Schlagzeile »Darum sind wir Europas Nummer 1«. Die dazugehörige Fotomontage der Gewinner und Verlierer zeigte: drei Deutsche, einen Franzosen, einen Polen, einen Portugiesen und einen Argentinier. Spanien bleibt im Übrigen auch nach dem 25. Mai amtierender Welt- und Europameister. Und wenn aus dem Landesmeistercup nicht schon vor 20 Jahren die Champions League geworden wäre, hätte der FC Bayern zu diesem Wettbewerb nicht einmal antreten dürfen.

Für ein Finale, das nur Deutsche kennt, ergeben sich jedoch ganz neue Probleme: Wie soll der deutsche »Clasico«, das Spiel der Spiele, das »deutsche Finale« heißen? Das ZDF ließ darüber abstimmen - das Ergebnis findet sich hier. In Berlin wird wie zu EM- und WM-Zeiten eine Fanmeile am Brandenburger Tor eingerichtet - von Fantrennung und der ansonsten weit verbreiteten Sorge um Randale rivalisierender Anhänger keine Spur. Der Kicker warf in den Raum »Sollte ein rein deutsches Endspiel in Deutschland (zum Beispiel Berlin) stattfinden?« und für die Frage, wer bei so viel Konzentration aufs Nationale beim »Wir gegen uns« überhaupt als Gegner bleibt, lieferte eine bei Facebook kursierende Grafik die Antwort: »Flug nach London 198 Euro. Eintrittskarte 125 Euro. Fanschal 30 Euro. Die Gesichter der Engländer, wenn Dortmunder und Münchener gemeinsam »Football's coming home« singen ... unbezahlbar«.

 

Kapital, Nation, Region

Für 11FREUNDE hat Andreas Bock weitere Beispiele dieses Nationenkampfs zusammengesucht, aber auch die Antwort der »Schickeria München« beim Ligaspiel gegen Borussia Dortmund. Die ist weit entfernt von gemeinsamen Gesängen mit BVB-Fans und in der Haltung - wenngleich nicht im Inhalt - ganz nah bei Birgit Homburger: »Alle reden vom deutschen Finale. Wir nicht! Wir sind Bayern! Wir sind München! Scheiß BVB!« Auch wenn das auf den ersten Blick erfrischend wirkt, ist der in München wie in Dortmund gepflegte Regionalismus genauso Teil der symbolischen Inszenierung des Sports wie die ZDF-Taufe des »Germanico«. Der moderne Fußball ist ein internationales Geschäft auf der Grundlage regionaler und nationaler Zuschreibungen. Welche dieser Facetten gerade am stärksten glitzert, ist immer auch eine Frage des rhetorischen Tagesgeschäfts.  


Im vergangenen Jahr trat der FC Bayern in seinem »Finale dahoam« als solide geführter, spielerisch überlegener, aber kommerziell unterlegener Mundartverein gegen die »Milliardärstruppe« des in England lebenden Russen Roman Abramowitsch an. In diesem Jahr ist der FC Bayern der Verein, der anderen mit sehr viel Geld die besten Spieler wegkauft und gegen dessen Präsidenten wegen Steuerhinterziehung ermittelt wird. Auf der anderen Seite steht der vor wenigen Jahren dem Konkurs entronnene, aktuell solide geführte BVB, der ohne ganz große Investitionen eine Mannschaft aus jungen Spielern, einige davon aus der eigenen Jugend, aufgebaut hat. International wiederum gelten beide Vereine als Vertreter eines erfolgreichen Modells, als Stellvertreter für den Aufschwung des deutschen Fußballs in Nationalmannschaft und Bundesliga.

 

In der taz erklärt Martin Krauss die nationale Vereinnahmung des Champions-League-Finales mit den parteipolitischen Aufladungen der beiden Finalisten: »Bayern gilt als der Verein der Konservativen, von Merkel bis Seehofer sind sie alle bekennende Bayern-Fans. Der BVB gilt als Club der sozialdemokratischen Modernisierer, Gerhard Schröder und Peer Steinbrück zeigen sich gerne mit schwarz-gelben Schals.« Das Ergebnis: »Eine ganze Nation drückt sich selbst die Daumen - die einen halt stärker den linken, die anderen den rechten.« Nach einer Umfrage der ARD Anfang Mai waren die gedrückten Daumen in dieser Logik mehrheitlich links - Werte, von denen die SPD derzeit nur träumen kann. Wie weit also reicht diese Analogie? Nicht allzu weit. Ein Sieg der Dortmunder wird Angela Merkel nicht nervös machen, allenfalls könnte er Uli Hoeneß die Chance auf einen gelungenen Abgang rauben.

Fußball ist offen für alles. Er ermöglicht die Mobilisierung so vieler und so unterschiedlicher symbolische Deutungen, weil er selbst vermeintlich neutral daherkommt: als ein Spiel auf grünem Rasen, das mal so, mal so ausgehen kann. Als Ergebnisbericht am Ende der Nachrichten weit hinter Politik, Wirtschaft und Kultur und kurz vor dem Wetter. Fußball bietet eine unendliche Projektionsfläche, auf der Vereine, Regionen und Nationen neben- und gegeneinander Platz finden. Dass sich das Interesse österreichischer Medien und Zuschauer am Champions-League-Finale auf den nationalen Stellvertreter David Alaba konzentriert, gehört ebenso dazu, wie die Tatsache, dass die Zahl derer, die Borussia Dortmund den Sieg wünschen, nach dem letzten Bundesliga-Spieltag zumindest in Düsseldorf deutlich gesunken ist.


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