Offensives Spiel, vulgäres Gezwitscher

cache/images/article_1689_tusch_140.jpg U20-WM Ein ereignisreiches Wochenende in Pereira: Schöne Frauen und Folklore, ein Interview mit der Polizei und ein unvergesslicher Sieg Brasiliens. Während sich der spanische Teamchef als schlechter Verlierer gibt, kosten Brasiliens Ney Franco Tweets über angebliche Swinger-Clubbesuche nicht einmal einen Lacher.
Robert Florencio | 16.08.2011
»Eine herrliche Partie! 120 Minuten Offensivfußball Wir Pereiraner wurden mit einem deliziösen Fußballmenü verwöhnt. Dieser 14. August wird in die Annalen dieser Stadt eingehen« so titelt die Montagausgabe der lokalen Tageszeitung El Diario del Otun. In der Tat hat dieses Spiel in einer bis dato eher verhaltenen und im Vergleich zu vorherigen Endrunden hinter den Erwartungen gebliebene U20-WM ein Glanzlicht gesetzt. Alle Reisestrapazen sind vergessen, wenn ich das Match rekapituliere von der Spielqualität und der Dramatik her war es eines der besten, die ich je in einem Stadion erleben durfte.

Aber starten wir am Tag davor: Pereira ist eine sehr lebenslustige Stadt mit vielen Festen. Das ganze Wochenende wird gleichzeitig zum WM-Spektakel das Kaffeeerntedankfest gefeiert. Die ganze Stadt ist auf den Beinen. Kostümierte Wagen und Musikbands ziehen durch die Straßen. Der Höhepunkt ist eine Kutschenkolonne, in der sich die schönsten Töchter der Stadt befinden und den Passanten zuwinken. Ich kann mit dem Fotografieren nicht aufhören, und verstehe, warum die Juroren bei den Miss-World- oder Universe-Wahlen so häufig Frauen aus dieser Region mit dem Titel beglücken.

Die Zeit eilt mir davon und ein Wolkenbruch hindert mich an der rechtzeitigen Abfahrt ins Stadion zur Pressekonferenz von Spaniens Coach Julen Lopetegui. Als ich komme, steht er gerade auf. Kollegen spielen mir das Gesagte vor, und es kommt auch bei ihnen nicht gut an. Die Aufstellung ist im Gegensatz zu Brasiliens Coach Ney Franco, der sie immer schon am Vortag bekanntgibt, streng geheim, die harmlose Frage nach den brasilianischen Wurzeln von Stürmer Rodrigo wird mit einem eiskalten »wir konzentrieren uns nur auf den Fußball« abgewürgt. In der Mixed Zone ist keiner der Spieler zu einem Interview bereit. Ich denke mir insgeheim, wie lange werden sich die Spanier bei aller Fußballverrücktheit solche Allüren ihrer Sportmillionäre noch gefallen lassen.

Am Spieltag selbst sind die Fronten klar aufgeteilt. Von den 29.318 Zuschauern im Estadio Hernan Ramirez Villegas halten ungefähr drei Viertel zu Brasilien, die Spanien-Sympathisanten sind eindeutig in der Unterzahl. Dazu haben die meisten Fans ihr kolumbianisches Trikot an, das von der Farbe her dem brasilianischen sehr ähnelt. Als ich das Pressezentrum betrete, komme ich in eine kuriose Situation. Einer der anwesenden Polizisten hat eine große TV-Kamera geschultert und ersucht mich, seiner Kollegin ein Interview für eine Dokumentation zu geben, die nach dem Turnier allen Führungskadern der kolumbianischen Polizei vorgespielt wird. Mein Einwand einer heiseren Stimme und der ungewohnten Situation, da Polizisten in meinem Land nur Videos von tatverdächtigen Kriminellen drehen, wird ignoriert. So bleibt mir nichts anderes übrig, als wieder einmal die Leier von der perfekten Betreuung im bestens vorbereiteten Land runterzuratschen. Nicht, dass es nicht stimmen würde es gibt wirklich keinen Grund zur Klage: Es ist aber auch nervig, diese Fragen für alle möglichen Leuten mindestens dreimal täglich beantworten zu müssen.

Auf der Pressetribüne nehme ich neben Kollegen Victor von globo.com Platz, drei Reihen oberhalb von uns sitzt in der VIP-Loge der angezählte A-Teamtrainer Brasiliens, Mano Menezes. Das Spiel beginnt mit Ungemach für die Veranstalter. Gerade am Fair-Play-Tag, und obwohl die Mikrofone zigfach im Vorlauf getestet wurden, versagt zu Beginn der Worte des spanischen Kapitäns Bartra die gesamte Tonanlage den Dienst. Da auf pünktlichen Beginn geachtet wird, lässt man sogar die Hymnen aus und der guatemaltekische Referee Lopez pfeift ein Match an, das so schnell keiner, der es gesehen hat, vergessen wird.  

Dabei scheinen die Spanier ihre Gegner mit Haut und Haaren fressen zu wollen. Tiki-Taka in Reinkultur, fünf Großchancen allein in den ersten 30 Minuten sprechen eine deutliche Sprache. Als ich jedoch bemerke, wie Ney Franco, der das Spiel durchgehend von der äußersten Begrenzungslinie seiner Coaching-Zone verfolgt, nach 20 Minuten wie schon dereinst gegen den harmlosen Sparringpartner Österreich seine taktischen Anweisungen gibt, wird klar, dass schnell Schluss mit lustig für die »Furia roja« sein wird. In der 35. Minute ist es soweit: Im Gegensatz zu den Spaniern sind die Brasilianer schusstechnisch einfach besser drauf und nach einem schönen Spielzug über Coutinho zu Henrique, dessen präzis scharfer Schuss von der Latte zurückprallt, netzt Willian ein. Der spanische Trainer sieht ihn dabei im Abseits, seine Spieler reklamieren dagegen kaum.

In der Pause versuche ich, Ney Franco in Twitter zu lokalisieren, um sein Follower zu werden und es tauchen zwei vielversprechende Accounts auf. Auf jener mit der Abkürzung »jr.« hat sich schon relativ lang nichts mehr getan, und so gehe auf den anderen Account mit seinem Namen, der aktueller ist und sein Foto zeigt. Überrascht reibe ich mir die Augen über den ziemlich vulgär erscheinenden aktuellen Tweet, in dem Franco einem Follower antwortet, sein Schwanz sei länger als der eines anderen. Gut, mitunter kann auch ein akademisch gebildeter Mensch die Contenance verlieren. Aber in älteren Beiträgen ist von analen Orgien in der Kabine bis hin zu einem Swingerclub-Besuch Francos die Rede. Ich ersuche Kollegen Victor aus Rio um Aufklärung. Er meint, dass jemand, der Franco nicht möge und auf dessen Kosten ein schmutziges Spiel spiele, dahinter stecken muss. Offensichtlich hat der Teamchef es bis dato noch nicht als notwendig empfunden, diesem üblen Faker gerichtlich das Handwerk zu legen. Dabei werden bald noch mehr interessierte Follower in diese Falle stapfen.

Nach dieser Aufregung kann die zweite Hälfte beginnen. 62 zu 38 Prozent Ballbesitz sprechen eine klare Sprache für Spanien. Und in der 57.Minute gelingt Rodrigo nach schönem Kombinationsspiel auch der verdiente Ausgleich. In der Folge ist das Spiel mehrmals auf des Messers Schneide, Chancen hüben wie drüben sowie einige überirdische Rettungsaktionen von Brasiliens Torwart Gabriel lassen das Spiel in eine für alle mit großer Begeisterung aufgenommene interessante Verlängerung gehen. Dort gelingt Wechselspieler Dudu in der 100. Minute die vermeintliche Vorentscheidung für Brasilien. Doch zu früh gefreut: Praktisch im Gegenangriff erzielt Spaniens Goleador Vazquez, der in allen Spielen von der Ersatzbank kommend seine Tore gemacht hat, den Ausgleich.

Die Kalkulation von Ney Franco über den Spielverlauf scheinen sich zu bestätigen. Im Gespräch mit dem ballesterer am Tag vor dem Spiel hatte er mit Verlängerung und Elferschießen spekuliert und zu Beginn bewusst auf Spieler gesetzt, die die größten physischen Reserven freihaben. Das macht sich jetzt bezahlt, am Schluss der Verlängerung gehen die Spanier fast schon am Zahnfleisch und können sich gerade noch in die Penaltyrunde retten. Dort kommt es wieder so wie zuvor im Spiel. Ein mit seinen unglaublichen Reflexen an Manuel Neuer erinnernder Gabriel vereitelt zwei Strafstöße und die treffsicheren Brasilianer haben keine Mühe, das Elferschießen mit 4:2 für sich zu entscheiden.

Der spanische Trainer und seine Spieler sind ob dieses Ausgangs derart enttäuscht, dass sie auf das obligatorische Shake-Hands mit dem Gegner verzichten und schnurstracks in die Kabine abrauschen. Bei der Pressekonferenz gewinnt Lopetegui neuerlich keine Sympathien, sieht er sich doch aufgrund des angeblichen Abseitstors um den Sieg betrogen und meint, die bessere Mannschaft müsse nach Hause fahren. Mag sein, wenn man rein die statistischen Zahlen betrachtet, die sympathischere Elf waren die Spanier an diesem Abend aber keinesfalls. Ney Franco gesteht die spielerische Dominanz des Gegners ein, betont aber die höhere Effektivität seines Teams in der Chancenverwertung und die taktische Überlegenheit mit mehr Variabilität als beim etwas stereotypen 3-4-3-System der Spanier. Er freut sich mit allen Zuschauern, diesen ein derartiges Offensivspektakel geboten zu haben und wird mit Applaus verabschiedet.

Für den ballesterer-Korrespondenten geht ein langer und unvergesslicher Tag gemütlich zu Ende. Radiofreund Diego lädt zu deftiger Hausmannskost und einigen Bieren in sein Haus, wo sich die gesamte Großfamilie mit zwölf Mitgliedern versammelt hat. Begierig wollen sie vom Reporter aus dem fernen Österreich eine lustige Anekdote hören. Das sollte nicht allzu schwer werden. Ney Francos vermeintlicher Twitter-Account und seine Messages sorgen für Gelächter, das mir noch am Tag danach aus den Ohren hallt

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Rubrik: Aktuell
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