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Oranjes blühen in der Hitze von Fortaleza

cache/images/article_2315_2014-06-29_19.05.31_kopie_140.jpg Eine uninspirierte "Elftal" dreht das Spiel gegen Mexiko in den letzten zehn Minuten. Arjen Robben hebt in der Nachspielzeit ab, provoziert so den entscheidenden Elfer und wird zum mexikanischen Sündenbock.

Noch mit einer gehörigen Portion Wut über die absurden Aussagen von Brasiliens Coach Scolari zur notorischen Schiedsrichterbenachteiligung seiner Mannschaft im Bauch, besteige ich noch in der Nacht auf Sonntag das Flugzeug von Belo Horizonte nach Fortaleza, das mich zum dritten Achtelfinale zwischen den Titelmitfavoriten Holland und den gefährlichen Außenseitern aus Mexiko bringen sollte. Das Zeitfenster ist diesmal leider denkbar knapp und zur ungünstigsten Gelegenheit kommt neuerlich mein Koffer nicht an, was den Aufenthalt am Flughafen verlängert. Glücklicherweise gibt es einen Fandirektbus vom Flughafen zum Stadion, der erste öffentliche Bus in meiner 17-jährigen Brasilienerfahrung, der ein Gratis-Service bietet.  

 

Stadt der Gegensätze
Große Transparente der Host-City mit dem Slogan "Fortaleza - Stadt der Gastfreundschaft und Fröhlichkeit" sollen die WM-Touristen vom tristen Alltag der meisten Einwohner der Metropole im Nordosten des Landes - wo Armut, Unterbeschäftigung, Drogensucht, hohe Kriminalitätsraten sowie Sextourismus und damit einhergehend Kinderprostitution eine unheilvolle Allianz eingehen - ablenken. In den besseren Vierteln der Stadt, wo auch ich bei einer gutsituierten Familie untergebracht bin, umgeben hohe Mauern und elektrisch geladene Zäune die Häuser der Bewohner. Wer drinnen wohnen darf, hat dafür zumeist ein schönes Leben mit allen Annehmlichkeiten wie Pool und Haushaltshilfe.

 

All diese Alltagsprobleme sind aber heute vergessen, eine riesige Fanlawine in grün und weiß wälzt sich zum Stadion, oft verkleidet und mit Musikinstrumenten Klassiker der mexikanischen Volksmusik intonierend. Auf meinem Platz auf der Pressetribüne treffe ich erstmals seit dem Eröffnungsspiel in Sao Paulo wieder auf die österreichischen Kollegen von den Printmedien. Übereinstimmend stellen wir fest, dass die Uhrzeit und das Klima eindeutig das europäische Team benachteiligen und Scolari mit seinen lächerlichen Nationalismen der letzten Tage, viel Sympathien bei der ausländischen Presse verspielt hat.

 

Hitzeschlacht
Die stechende, hochstehende Sonne zur Mittagszeit scheint alle Befürchtungen zu bestätigen. Sogar die einheimischen Fans oder hitzegewohnten Mexikaner, die einen teuer verkauften Platz auf der sonnenzugewandten Seite erhalten haben, bevorzugen großteils nicht "geröstet" zu werden und verweilen lieber oberhalb der Abgänge, was in den TV-Bildern unweigerlich den Eindruck entstehen lässt, das Stadion wäre zu einem Drittel nicht ausverkauft. Das Spiel beginnt trotz der schwülen Hitze sehr flott, die Mexikaner haben anfangs mehr vom Spiel, zusätzlich begünstigt durch einen frühen Ausfall bei den Holländern. Statt de Jong wechselt Blind auf die 6er-Position, die Mexikaner kommen in der Folge immer wieder gefährlich in den Strafraum der Holländer. Interessanterweise scheinen beide Teams zunächst auf eine 5-2-3-Formation zu setzen, was so manchen Beobachter verleitet, ein neues "Modesystem" herauszufiltern, welches das seit Südafrika populäre 4-2-3-1 ablösen könnte. Die Weltmeisterschaft als Trendsetter.

 

Mexikos starkes Mittelfeld, getragen vom überragenden Herrera, schafft es immer wieder die Spitzen ideal in Position zu bringen. Peralta (dessen Name im Portugiesischen lustigerweise die Bedeutung "Schickimicki-Typ" hat) sowie Giovani dos Santos, der Mann mit brasilianischem Vater und gewissem Heimvorteil, kommen schon in der ersten Halbzeit zu sehr guten Gelegenheiten. Ein zu gebender Elfer nach Foul von Moreno an Robben in der Schlussphase der ersten Hälfte, sollte den Holländern von Schiedrichter Pedro Proenca noch verweigert werden. Der schließlich spielentscheidende "Kompensationspfiff" in der Nachspielzeit der zweiten Hälfte trieb Mexikos Coach Herrera in der nachfolgenden Pressekonferenz die Zornesröte ins Gesicht. Er insistierte mehrmals darauf, den Ref nach dieser, seiner Meinung nach WM-unwürdigen, Leistung sofort in den nächsten Flieger nach Lissabon zu setzen. Die dritte offensichtliche Benachteiligung von Seiten der Unparteiischen nagte schwer an der mexikanischen Seele.

 

Dabei begann die zweite Hälfte noch nach Wunsch. Mexiko war zwischenzeitlich mit 1:0 durch Dos Santos in Führung gegangen, doch der eingewechselte Schalker Huntelaar erwies sich für Bondscoach van Gaal einmal mehr als Matchwinner. In der 87.Minute leistet er die Vorarbeit zum nunmehr schon verdienten Ausgleich der Oranjes, ehe er in der dritten Minute der Nachspielzeit den zweifelhaften Elfer nach Foul an Robben zum 2:1-Endstand und Aufstieg ins "blühende Tal" des Viertelfinales verwandelt. Dort wartet mit Costa Rica eine vermeintlich leichtere Hürde.


Während meiner verfrühten Rückfahrt - wegen notwendiger Ersatzkleidungskäufe im Shopping-Center - denke ich an die Worte van Gaals zurück. Für intelligente Coaches könnte ein obligatorisches Time-Out unabhängig von Hitzelagen ein wichtiges Instrument sein, taktische und systemische Adaptionen vorzunehmen. Etwas, das sich in anderen Ballsportarten schon sehr bewährt hat und nicht mehr wegzudenken ist. Eventuell bringt ja die augeflammte Diskussion mit den Challenges nach jeder zweifelhaften Schiedsrichterentscheidung auch die Möglichkeit solche Time-Outs zum Zweck taktischer Adaptionen auf indirektem Weg einzuführen. Diese Entscheidung bleibt aber den honorigen Herrschaften des IFAB, den Wächtern über das Regelwerk vorbehalten und ich ziehe es vor, mich bis zum Freitag mit dem Viertelfinale "meiner" Cafeteros gegen den Gastgeber - in Erwartung einer Sensation - entsprechend vorzubereiten.

 

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