Ordner mit Folterinstrumenten

cache/images/article_1030_honved_140.jpg Nach den Vorfällen beim UI-Cup-Spiel von Sturm Graz bei Honved Budapest fällt es schwer, die Wahrheit von Übertreibungen und Missinterpretationen zu trennen. Ein Erfahrungsbericht eines mitgereisten Sturm-Fans.
»Als sich die verschiedenen Sturm-Fangruppierungen nach der langen Anfahrt am Vörösmarty-Platz mitten in der Budapester Innenstadt einfanden, war noch alles eitel Wonne. Man traf sich, marschierte die Stadt, sang und amüsierte sich über die extrem übertriebenen Preise in den Lokalitäten am Platz. Kein Zündeln, kein Stänkern, nur ausgelassene Grazer, die sich auf einen schönen Tag in Budapest freuten. Der bereits aufmarschierten Polizei wurde kaum Beachtung geschenkt.

Kaum hatten wir uns allerdings das erste Bier aufgezischt, herrschte Aufregung. Von einer Seite des Platzes kamen Sturmfans zu den anderen gelaufen. Die hektische Bewegung der Masse und das reflexartige Zusammenschließen verriet ganz klar: wir wurden attackiert. Kaum realisiert, donnerten auch schon Sessel und Menütafeln auf die Pflastersteine hinter dem Cafe, über dessen Preise man noch kurz vorher gelacht hatte. Nachdem die Richtung des Angriffes ausgemacht war, tauchten auch schon die ersten, teils vermummten Gestalten auf. Honved war da. Der Sessel-Gruß wurde erwidert und die Fangruppen stießen auf einer Seite des Platzes aufeinander. Dann urplötzlicher Szenenwechsel. Die Rücken der Honved-Fans konnte man noch ausmachen bevor sie von den dunklen Körperpanzern der Rendörseg-Riot-Einheit ersetzt wurden.

Obwohl die Situation nun unter Kontrolle schien, meinte die ungarische Polizei noch mittels Schlagstock und Reizgas für Ruhe sorgen zu müssen. Hauptsächlich bei den Grazer Fans. Anscheinend konnte sich Honved ohne viel Tumult zurückziehen, obwohl sie die klaren Initiatoren des Kampfes gewesen waren. Durch den Rückzieher der Grazer Fans scheinbar ermutigt und durch Wurfgeschosse irritiert, folgte von der Rendörseg der Inbegriff der Sinnlosigkeit in polizeitaktischem Verhalten. Die Polizeieinheit stürmte auf den schwarzen Mob los und jagte ihn durch die Stadt.

Unter Deeskalation verstehen die Ungarn vermutlich eine Art Rolltreppe. Je mehr die Sturm-Fans liefen, umso mehr wurden sie gejagt. Unter Einsatz von noch mehr Reizgas und hartem Gummi in einer Schleife durch die Stadt, um schlussendlich wieder am Vörösmarty-Platz zu enden, wo alles eigentlich begonnen hatte. Auf dieser unsinnigen Innenstadt-Tour wurden in der teils panischen Flucht vor den Polizisten Lokale und Geschäfte in Mitleidenschaft gezogen und das eine oder andere Bier geschmissen.

Wieder am Platz angelangt mussten sich die mitgereisten Fancops sehr einsetzen, damit die ungarische Polizei nicht noch ein paar Sündenböcke unter den Grazer Fans fand. Danach war es ruhig. Von den Ereignissen etwas mitgenommen, wurde kaum mehr gesungen, wir saßen in kleinen Grüppchen zusammen und warteten auf den gemeinsamen Aufbruch in Richtung Stadion. Als es soweit war, kam man wieder in Schwung. Es wurde wieder laut gesungen und die Stimmung wurde besser auch dank der ruhigen und recht professionellen Abwicklung des Transfers zu den Bussen seitens der ungarischen Polizei.

Die Fahrt zum Boszik-Stadion dauerte recht lange. Der Bau in unmittelbarer Nähe eines Friedhofes entsprach mit Ausnahme der Haupttribüne nicht einmal ansatzweise modernen Standards. Auf dem weitläufigen Gelände hinter den mit minderwertigen Schalensitzen ausgestatteten und unzureichend abgesperrten Fantribünen gab es aber immerhin einen Erfrischungsstand. Dann endlich Ankick. Die beiden Fangruppen sorgten für eine anständige Stimmung im Stadion, wie es bei einem internationalen Spiel üblich ist.

Auch nicht unüblich waren dann die wenigen pyrotechnischen Gegenstände, die bald nach dem Führungstreffer für Honved im Sturmsektor gezündet und über die kleine Absperrung in Richtung Spielfeld geworfen wurden. Wirklich nichts aufregendes, weniger als bei den meisten Bundesliga-Spielen. Doch der Auslöser, für etwas, das in den Medien bereits zur Genüge beschrieben wurde. Die hinteren Reihen der Sturmfans wurden von den verschiedenen Ordnergruppen anfangs aggressiv und provokant zurechtgewiesen und bei Gegenwehr dann zurechtgeboxt.

Es war eine Sache von Sekunden, bis die wahre Intention dieser Ordnergruppen klar wurde. Obwohl zuvor schon als auftrainiert und eigenartig bekleidet aufgefallen, hatte niemand ahnen können, mit welcher Gewalt sie den Fans gegenübertreten würden. Die Situation eskalierte endgültig, Sessel wurden herausgerissen. Eingekesselt und traktiert hatten einige Grazer, die sich wehren konnten, einfach genug. Was folgte waren schreckliche Szenen. Das brutale und erbarmungslose Vorgehen der Ordner und das unfassbare Zücken diverser Waffen führte zu Dutzenden Verletzten, Panik und noch mehr Gewalt. Auf einmal war die Rede von dazu stoßenden Honved-Fans. Noch mehr Verletzte.

Dann die Räumung durch die Polizei, die wieder ausschließlich gegen die Sturm-Fans gerichtet war. Man fragte sich, ob es ungarischen Ordnern erlaubt sei, Waffen zu tragen, die in den meisten Ländern dieser Welt als Folterinstrumente eingestuft werden. Einen Freund hatte es erwischt. Mit einem Sessel aus nächster Nähe niedergestreckt, bewusstlos mit einer Wunde am Kopf. Der Versuch, zum Krankenwagen zu gelangen, um ihm wenigstens seine Sachen zu bringen, wurde mit Reizgas gestoppt. Auch die Grazer Fancops wurden angegriffen. Ein hinkendes Mädchen lief vorbei mit einem stark blutenden Mann im Schlepptau.

Die Fans, die noch stehen konnen, waren mittlerweile im Nebensektor und forderten lautstark einen Spielabbruch. Dann ein Tor. Eine gespaltene Kurve. Die meisten jubeln, aber Mitglieder der Fanklubs sind nicht einverstanden. Es werden Geschichten von der Wiederbelebung eines Verletzten erzählt, von vorgehaltenen Messern. Dann das zweite Tor. Jetzt wird gejubelt. Aufstieg...wenigstens.

Die Mannschaft, die sich erkundigte und besorgt zeigte, allen voran Torschütze Mario Haas, wurde noch verabschiedet, bevor es zurück in die Busse ging und man mit massiver Polizeieskorte hinauskutschiert wurde. Dann gute Nachrichten aus dem Krankenhaus. Dem Freund geht es, bis auf ein großes Cut, gut. Anderen aber nicht. Man wünscht gute Besserung. Die medizinische Versorgung im ungarischen Spital ist erbärmlich und wird erst später durch das Eintreffen des Sturm-Arztes etwas gebessert.

Auch Präsident Hans Rinner war persönlich im Spital und hat sich um die Verletzten gesorgt. Der Verein entschuldigte sich für das Nichtdurchbringen eines Spielabbruchs und kündigte eventuelle rechtliche Unterstützung an. Dank des Einsatzes des Vorstands und des Mannschaftsbusses konnten wir unseren verletzten Freund dann noch an einer Raststation aufsammeln. An dieser Stelle herzlichen Dank an alle Beteiligten des Vorstands des SK Sturm, die hinter den Fans standen. Dieses Vorurteil-freie Zugehen auf Fans wäre in dieser Form früher undenkbar gewesen.«

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Rubrik: Aktuell
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