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Oshowa und eine Tracht Prügel

cache/images/article_2301_dscn1626k_140.jpg WM-BLOG Brasilien zieht den Hut vor einem Zweitligatorhüter und zerfleischt seinen Mittelfeldmotor. An der Copacabana geben nach wie vor die Argentinier den Ton vor, und die Polizei geht auch gegen kleine Demonstrationen mit großer Härte vor. Ein Rückblick auf den zweiten WM-Spieltag des Gastgebers.

"Oshowa" betitelt die Sporttageszeitung Lance den Spielbericht zum zweiten Gruppenspiel Brasiliens gegen Mexiko. Die Ernüchterung nach dem 0:0 trägt den (leicht abgewandelten) Namen des mexikanischen Torhüters, der mit seinem Verein Ajaccio in der abgelaufenen französischen Meisterschaft 72 Tore kassiert und nach dessen Abstieg auf Vereinssuche ist. In Fortaleza brachte Francisco Guillermo Ochoa Magaña die brasilianischen Spieler gestern allerdings zur Verzweiflung - mit seinen Paraden und seiner Präsenz machte er nicht weniger als sechs hochkarätige Chancen der WM-Gastgeber zunichte.
 
Paulinho 0 - Argentinien 1
Daran, dass im Estadio Castelao keine Tore fielen und Brasilien mit etwas Kopfweh in die letzte Vorrundenpartie gegen Kamerun geht, hatten aber auch andere Protagonisten ihren Anteil. Die Hauptschuldigen waren bei der Fehlersuche von Fans und Medien schnell ausgemacht. Hatten sich die Kommentatoren nach dem Auftaktsieg gegen Kroatien vor allem auf Dani Alves eingeschossen, steht nun Paulinho im Fokus der Kritik: "Lance" strafte den zentralen Mittelfeldspieler mit einer Note von 3,7 auf der zehnstufigen Skala und Einschätzungen wie "trug quasi nichts zum Spiel bei" ab. Mittelstürmer Fred kam in der Bewertung mit 4,2 kaum besser davon. Und auch Jo, Ramires sowie Teamchef Luiz Felipe Scolari erhielten ebenfalls Noten unter 5,0.

Die Enttäuschung über die Leistung der eigenen Mannschaft hatte sich auch schon gestern beim Public Viewing auf dem Strand der Copacabana Bahn gebrochen. Neben dem offiziellen Fanfest, das mit rund 25.000 Besuchern an diesem Abend ziemlich voll war, hatten außerhalb des Zauns noch einmal rund doppelt so viele Zuschauer die Vorzüge der Großbildleinwand in Anspruch genommen. Doch schon beim Abspielen der brasilianischen Hymne, die von kaum jemandem enthusiastisch mitgesungen wurde, wurde offensichtlich, dass hier auch bei einem brasilianischen Sieg kein Volksfest losbrechen würde. Als Mitte der ersten Hälfte argentinische Fans ihre Gesänge starteten und im Meer der Liegestühle und Strandtücher tausende weitere Zuschauer sich ebenfalls als Fans der "Albiceleste" oder der heute im Maracanã gegen die Spanier spielenden Chilenen zu erkennen gaben, wurde klar: selbst die Übertragungen der Brasilien-Spiele ist an Rios bekanntestem Strand eher eine Sache für Touristen.

Harmlose Schreck, polizeiliche Gewalt
Brasilianische Fans waren Dienstagabend in Sichtweite eines vor der Copacabana kreuzenden Marineschiffes in der Unterzahl - und angesichts der Leistungen von Neymar Jr. und Co. auch nicht besonders gut gelaunt. Auf die Frage, was er denn über den Masseneinfall von Anhänger aus dem Nachbarland denke, meinte ein Fluminense-Fan nur knapp: "Ich denke gar nichts." Seine Begleitung beobachtet mich dabei, als ich im Langenscheidt nach der Übersetzung für "enttäuschend" suche. Als ich im letzten Abendlicht das Wort "decepcionado" endlich gefunden habe, lächelt sie mich milde an und meint: "Du hättest auch sagen können, es war schrecklich."

Zu Demonstrationen ist es anlässlich des Brasilien-Spiels an den Stränden Rios gestern nicht gekommen, nur vereinzelt waren Menschen mit WM-kritischen Botschaften zu sehen. Auseinandersetzungen mit der Polizei wurden allerdings aus dem Zentrum gemeldet, wo die Sicherheitskräfte in der Nähe der U-Bahnstation Cinelandia mit Pfefferspray gegen eine Kleinstdemo vorgingen und 15 der rund 50 Demonstranten festnahmen. Der Aufruf von Amnesty International Brasilien, gewaltfreien Protesten auch gewaltfrei zu begegnen, wurde dabei genauso wenig berücksichtigt wie in Recife, wo die Militärpolizei mit Gummigeschoßen, Tränengas und Schlagstöcken ein Camp von rund 100 WM-Gegnern räumte, die sich gegen Baupläne im Viertel Cais Estelita zur Wehr setzen.

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Referenzen:

Thema: Brasilien, Polizei, WM 2014, WM-Blog 2014
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