Party mit Fehlzündungen

cache/images/article_1871_vorort1_kopie_140.jpg In Warschau freuten sich zehntausende polnische Kibice auf die Eröffnung der Europameisterschaft. Doch die hohen Erwartungen der Fans wurden vorerst nicht erfüllt. Zudem ist das Turnier bei weitem nicht allen recht.
Radoslaw Zak | 08.06.2012
Weiß und Rot sind am Tag der EM-Eröffnung die dominierenden Farben auf den Straßen Warschaus. Kaum jemand, der sich nicht in den polnischen Landesfarben schick gemacht hat. Die Stadt erwartet eine riesige Party mit einigen Mankos. Denn in blau gekleidete Griechen sind nur vereinzelt zu sehen. Falls doch, dann sprechen sie Deutsch. Die Finanzkrise wird in den polnischen Medien als Hauptursache für das dürftige Erscheinen der Hellas-Fans angesehen. Auch die anderen in Polen spielenden Teams bis auf Russland werden nicht annähernd so viele Fans mitbringen, wie von polnischen Politikern prognostiziert.

Die wenigen zum Auftaktmatch angereisten Griechen fraternisieren sich schnell mit den Polen. Bierdosen werden an die Gäste weitergereicht, gemeinsame Gruppenbilder geschossen, die kurzen Begegnungen enden meistens mit einem herzlichen »Good luck«. Die Stimmung ist relaxed. Die Polizei drückt beim allgegenwärtigen öffentlichen Alkoholkonsum, der in Polen eigentlich verboten ist, beide Augen zu.

Gemeinsame Hysterie
Unumstritten ist die EM in Polen nicht. Ganz Warschau ist in diesen Tagen mit Werbebotschaften der UEFA zugepflastert, ein Teil davon wurde am Tag vor dem Eröffnungsmatch von Unbekannten leicht verändert. Auf der Poniatowski-Brücke vor dem Nationalstadion wurden die »Creating history together«-Transparente in »Creating Histery« umgewandelt, aus »Dumne miasto gospodarz«, der »stolzen Gastgeberstadt«, wurde durch die Änderung eines Buchstabens die »dumme Gastgeberstadt«.

Die Polizei bezeichnet die Schmierereien als »Werk von Anarchisten«. Die Vorgehensweise der Urheber die offensichtlich genau geplante Aktion geschah am hellichten Tag und die Art der Aussagen legen aber den Schluss nahe, dass es sich um eine Aktion polnischer Ultras handelt. Viele der organisierten Klubfans lehnen das Großereignis in ihrem Land wegen seiner kommerziellen und repressiven Begleiterscheinungen ab und hatten den Slogan »Fuck Euro« bereits während der abgelaufenen Saison der polnischen Ekstraklasa zum geflügelten Wort gemacht.   

Am Tag der EM-Eröffnung sind die EM-kritischen Graffitis in der Nähe des 465 Millionen Euro teuren Stadiontempels nicht mehr zu sehen. Rechtzeitig vor dem ersten Auftritt der Polen und dem Massenansturm hat sie die UEFA wieder überpinseln lassen. Notdürftig, denn an manchen Stellen schimmerten sie noch durch. Auch die Steinstufen am Westufer der Weichsel, auf denen am Vortag noch in großen Lettern »Bread not games« stand, sind mit weißer Farbe übermalt worden. Die berühmte Palme auf dem Charles-de-Gaulle-Kreisverkehr in der Innenstadt zierte indes ein Transparent mit den Worten »Brot anstatt Spiele«.

Die Mehrheit der am Freitag zum Stadion strömenden polnischen Fans kann den Protestaktion wenig abgewinnen. »Langfristig werden wir von der Euro profitieren, auch wenn die Autobahnen nicht pünktlich fertig geworden sind. Die Investitionen werden sich bezahlt machen«, sagt Zbigniew. Ein anderer Polen-Fan sieht die Lage differenzierter: »Es ist eine kommerzielle Veranstaltung. Jeder hat gewusst, dass die UEFA die ganze Stadt in Beschlag nehmen wird. Verständlich finde ich die Proteste aber schon.«

Maue Stimmung im neuen Tempel
Michal Wojtczuk, Journalist bei der linksliberalen Tageszeitung Gazeta Wyborcza, sieht die EM trotz der Kritik von linken Gruppen und der aktiven Fanszene positiv. In einem Kommentar zur Protestaktion bei der Palme schreibt er am Tag der Eröffnung: »Die neuerbauten Stadien sind modern und wichtig, weil in ihnen über Jahre hinweg, Spiele und Konzerte stattfinden werden. In Warschau ist der Zentralbahnhof herausgeputzt worden, es gibt nun eine Zugverbindung zum Flughafen. Davon profitieren wir.«

Zum Spiel gegen Griechenland strömen knapp 56.000 Zuschauer ins neue Nationalstadion. Zu einem Hexenkessel wird es jedoch nur in der Anfangsphase, als die Polen drücken und durch Robert Lewandowski mit 1:0 in Führung gehen. Nach dem Ausgleich der Griechen ist es erstaunlich still in der 465 Millionen Euro teuren Arena. Das Publikum ist nicht in der Lage, die Akteure am Rasen mitzureißen. Manch polnischer Fan dürfte sich angesichts der lauen Stimmung ins ausgemusterte Nationalstadion nach Chorzow zurückgewünscht haben, wo eine deutlich hitzigere Atmosphäre herrschte. Die Investitionen in die moderne, aber teure Arena haben sich zumindest bisher nicht rentiert.

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Rubrik: Aktuell
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