Pepi Bican - Zwischen Wien und Prag

cache/images/article_1118_bican_140.jpg Der ballesterer würdigt in seiner aktuellen Ausgabe das Schaffen von Pepi Bican. Bei einer Gedenkfeier anlässlich des 95. Geburtstags Bicans hielt der Wiener Fußballforscher Roman Horak am 25. September folgende Rede am Prager Grab der Rapid- und Slavia-Legende.
Sehr geehrte Damen und Herren!

Wir haben uns heute hier in Prag am Grab von Josef »Pepi« Bican eingefunden, der auf den Tag genau vor 95 Jahren in Wien geboren wurde. Wir gedenken eines Fußballspielers, der wie kaum ein anderer die schönen, aber immer auch komplizierten Beziehungen zwischen den beiden alten mitteleuropäischen Städten verkörpert.
 
Bican war Sohn eines tschechischen Arbeiters, der auf der Suche nach Arbeit vom kleinen südböhmischen Ort Sedlice, unweit von Prag, nach Wien gekommen war. Die Donaumetropole war damals, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, eine Stadt, die zahllose Migranten aus allen Teilen der Monarchie anzog. Um die Jahrhundertwende lebten dann einige 100.000 Menschen, die aus Böhmen und Mähren gekommen waren, in Wien. Einer von ihnen war Frantisek Bican, der Vater Pepi Bicans, der wie so manche, Fußball benutzte, um von seinem tristen Arbeiteralltag in ein besseres Leben aufsteigen zu können. Bican sen. spielte immerhin bei der Hertha in der obersten österreichischen Spielklasse als durchaus erfolgreicher Stürmer, starb aber tragischer an den Folgen einer Verletzung, die ihm während eines Spiels zugefügt wurde im jungen Alter von erst 30 Jahren.

Der ASV Hertha war ein Verein aus dem Vorstadtbezirk Favoriten, in dem Pepi Bican 1913 zur Welt kam. Bican wuchs in Wien auf, er besuchte die Komensky-Schule, in der in deutscher und in tschechischer Sprache unterrichtet wurde, verbrachte aber die Sommerferien stets bei seinen Großeltern in Sedlice. Er lebte also, das kann man mit Fug und Recht behaupten, in jenen zwei Welten, die auch seine fußballerische Karriere bestimmen sollten. Aber dazu etwas später. Vorerst sind wir noch in Wien, und hier beginnt der unglaubliche Aufstieg des Josef Bican. 

Sie beginnt - wo sonst? in Favoriten, wo Bican in der Schülermannschaft der Hertha seine ersten Fußballschuhe verbraucht. Nach einem kurzen Zwischenspiel bei der Firmenmannschaft Farbenlutz ebenfalls in Favoriten beheimatet landet er auf Empfehlung des Wunderteamspielers Roman Schramseis beim SK Rapid, wo er sehr schnell von der Amateurmannschaft in die Reserve und von da in die Erste Mannschaft aufsteigt. Im September 1931 - mit 17 Jahren -  debütiert er hier im Derby gegen die Wiener Austria und erzielt gleich in der ersten Hälfte einen lupenreinen Hattrick. Die Partie gewinnt Rapid übrigens mit 5:3. Das Spiel war von den Medien als Generationskampf zwischen alt und jung, als Auseinandersetzung zwischen dem König des Fußballs (Matthias Sindelar) und dem Schüler (Pepi Bican) hochstilisiert worden. Wir wissen, was von solchen medialen Inszenierungen zu halten ist, aber, wie auch immer ein kommender Star war erstmals sichtbar geworden.

Die kommenden Jahre spielte Bican beim SK Rapid, mit dem er 1935 Meister wurde. Wegen Unstimmigkeiten wechselte er dann zur Admira, mit der er im Jahr darauf und 1937 den Meistertitel errang. 1937 konnte er endlich zur Slavia Prag wechseln, womit sich Ihm ein großer Wunsch erfüllte. Und im nächsten Jahr wurde er mit der Slavia Mitropacup-Sieger:  im zweiten Finalspiel das erste war unentschieden ausgegangen - wurde Ferencvaros Budapest in Prag 2:0 geschlagen. Zudem wurde Bican 1938 noch mit 10 erzielten Treffern Mitropacup-Torschützenkönig. In den folgenden Jahren auch in der Zeit der Besetzung durch Nazideutschland blieb Bican bei tschechischen Vereinen, und ließ seine aktive Karriere schließlich 1956 bei der Slavia ausklingen, die, auch wenn sie in den Jahren des Stalinismus zahlreiche Namensänderungen durchmachen musste, doch seine Slavia Prag blieb.

Wie nur wenige Fußballer der Wunderteamspieler Karl Sesta ist noch so ein Beispiel - hat Josef Bican für die österreichische und die tschechische Nationalmannschaft gespielt: in 19 Länderspielen trug er das österreichische Trikot, in 14 das tschechische. 1934, bei der unglücklichen Weltmeisterschaftsendrunde in Italien, spielte er neben Sindelar im österreichischen Nationalteam, ab 1938 im der Mannschaft der Tschechoslowakei.

Zwischen Prag und Wien so könnte man Bicans Weg beschreiben. Als Fußballer steht er nicht zuletzt in der Reihe der großen Migranten, die den Wiener Fußball Ihren Stempel aufdrückten. Es ist wohl kein Zufall, dass die beiden ersten Schlüsselfiguren des Wiener Donaufußballs Josef Uridil und Matthias Sindelar - tschechischen Hintergrund hatten.
Man kann ihnen durchaus Pepi Bican, den ich hier nicht für Wien vereinnahmen will, an die Seite stellen. An Uridil erinnern seine Goalgetter-Qualitäten, ca. 5000 Tore soll Pepi Bican im Verlauf seiner Karriere erzielt haben, davon immerhin 634 im Rahmen der Meisterschaft. Nicht umsonst wurde ihm im Jahre 1997 von der International Federation of Football History and Statistics neben Pele und Uwe Seeler die Trophäe für den weltbesten Torschützen der 20. Jahrhunderts verliehen.

Aber Jose Bican war nicht bloß eine Torjäger, sondern auch ein Einfädler, einer der Tore vorzubereiten wusste. Hier erinnert er an den sonst von ihm so verschiedenen Matthias Sindelar. Im Unterschied zu den beiden Genannten ist Bican aber nicht nur ein Wiener geblieben. Josef Bican lebte in beiden Welten, er verkörpert beides, ihre Ähnlichkeiten und ihre Unterschiede, die Probleme, aber auch das Gemeinsame. Er war im wahrsten Sinne des Wortes einer, der für beide Städte, für Prag und für Wien, gleichermaßen steht.

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Rubrik: Aktuell
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