Der Anfang vom Ende
Etwas sachlicher reagierte da schon Marcelo Massarino, ein befreundeter Journalist, mit dem ich bereits für einige Publikationen zusammengearbeitet habe. Für ihn passierte der Fehler bereits bei der Kaderzusammenstellung Maradonas. Ein Argument, das nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Schließlich ging die »Selección« mit nur einem gelernten Außenverteidiger ins Turnier. Der international unerfahrene Nicolas Otamendi, ein begabter Innenverteidiger aus der heimischen Liga, wurde von Beginn an auf dem Präsentierteller zum deutschen Abschuss freigegeben. Seine verheerenden Fehler und eine frühe gelbe Karte, hätten Maradona eigentlich zu einem Wechsel veranlassen müssen.
Den jungen Mann deshalb zum Sündenbock zu stempeln, wäre dennoch grundlegend falsch. Maradona hat bei diesem Turnier alle Karten auf Lionel Messi gesetzt, es jedoch nicht geschafft, die Mannschaft so einzustellen, dass der weltbeste Fußballer zu seinem Spiel finden konnte. Der Zehner des Zehners agierte teilweise extrem weit zurückgezogen, fast auf der Sechserposition. Das Spiel lief an ihm vorbei.
Der Falsche und der Alleingelassene
Bezeichnend eine Aktion der ersten Halbzeit, als der schwer verwirrte Otamendi mit dem Ball an Messi vorbeilief und zu Ángel Di María passte. Argentiniens Spielmacher wider Willen blieb, links liegen gelassen, einfach stehen. Messi spielte die Rolle, die eigentlich für Juan Sebastian Verón vorgesehen war, und Di María fungierte als »falscher Messi«. Zu viele Fehler gegen eine perfekt eingestellte deutsche Mannschaft.
Messi fuhr mit null Toren nach Hause. Gescheitert ist der Barca-Star bei dieser Weltmeisterschaft am System und an sich selbst. Gegen die Deutschen hätte es einen Verbündeten im Mittelfeld gebraucht, um ihn einerseits weiter vorne zu positionieren und andererseits, das deutsche Übergewicht ebendort zu brechen. Am Papier sollte es ein Dreiersturm sein. Die Praxis zeigte etwas anderes. Carlos Tévez kämpfte beherzt. Wenn jedoch fünf auf einen losgehen, hat man jeden Kampf verloren selbst wenn man aus Fuerte Apache kommt.
Aber auch Messi muss sich einige Fragen gefallen lassen. Trotzdem er sich immer wieder weit fallen ließ, um die Bälle zu holen, lief er laut Statistik nur 8,6 Kilometer. Mesut Özil kam im Vergleich dazu auf elf. Der in Argentinien allerorts respektierte Trainer Angel Cappa analysierte in seiner Kolumne in der Sporttageszeitung Olé: »Deutschlands Triumph kann einfach erklärt werden: Das funktionierende Kollektiv ist immer stärker als die individuelle Inspiration.« Argentinien hatte an diesem Tag nur Individualisten am Platz.
Stolze Vergangenheit
Die »Albiceleste« verlor in diesem Spiel mehr als nur eine Serie von zehn ungeschlagenen Spielen bei Weltmeisterschaften. Das 0:4-Debakel wird bereits mit der historischen Schlappe gegen Holland bei der Weltmeisterschaft 1974 verglichen, nach der sich einiges änderte und die Ären der Weltmeistertrainer César Luis Menotti und Carlos Bilardo folgten. Es waren 16 Jahre, die den argentinischen Fußball zur Weltmacht machten. In vier WM-Turnieren erreichte man zwei Titel und eine Vize-Weltmeisterschaft.
Aktuell sind 20 Jahre vergangen, seit man das letzte Mal ein Semifinale erreichte. Argentinien ist alle vier Jahre nur noch ein sentimentaler Turnierfavorit, die Stimmung im Land nach dem neuerlichen Scheitern verständlicherweise geteilt. In den Foren beginnen sich Maradona-kritische Meldungen zu häufen. Bei der Rückkehr der Delegation in Buenos Aires, warteten trotzdem 20.000 Menschen aufs Diegos Mannen. In Gesängen ließen sie den einst größten Fußballer hochleben und forderten ihn zum Verbleib als Teamchef auf. Die Show, die Maradona im Zuge der WM abgezogen hatte, hat ihre Wirkung auf seine Fans scheinbar nicht verfehlt.
»Es war vermutlich billiger, die paar Kilometer zum Flughafen zu fahren, als mit den Kindern in den Zoo zu gehen«, lästerte Olé in seiner Montag-Ausgabe. Noch kurioser wird die Sympathiebekundung, wenn man sich vor Augen führt, dass nach dem viel knapperen Scheitern bei der letzten WM nur 3.000 Menschen das Team von José Pekerman empfangen hatten. »Was feiern wir? Sind wir schon mit so wenig zufrieden«, hatte Maradona damals wissen lassen. Seine wenig selbstkritische Analyse nach der Schlappe von Kapstadt, passt da sehr gut in das verwirrende Szenario.
Der Fußball, ein Mannschaftssport
Die seriöse argentinische Presse lobt derweil die langfristige Planung des deutschen Fußballs hervor und appelliert an die Verantwortlichen, es dem DFB gleich zu tun. »Südafrika hat uns den Wert einer Mannschaft als Konzept aufgezeigt. Kein noch so großes individuelles Talent kann erfolgreich sein, wenn es keinen Rückhalt im Kollektiv hat«, bracht es Juan Pablo Varsky in La Nación auf den Punkt. Als gescheitert betrachtet man den Versuch, die Mystik von 1986 heraufzubeschwören. Das allein war, wie alle gesehen haben, zu wenig.
Wie es weitergeht in Argentiniens Fußball, ist derzeit noch offen. Gelernt haben sie offenbar, dass sie kein Messias dieser Welt retten kann. Ein seriöser, mittelfristiger Plan soll her. Ob dies anlässlich der bevorstehenden Copa América 2011, die im eigenen Land stattfindet, und einem seit über 30 Jahren an seinem Sessel klebenden Verbandspräsidenten umzusetzen ist, bleibt abzuwarten. Mit oder ohne Diego ist hierbei nicht die Frage aller Fragen. Es gilt sie dennoch zu beantworten.






WM-BLOG Neben traurigen Gedichten werden in Argentinien nach der Viertelfinal-Schlappe gegen Deutschland vor allem Rufe nach Veränderung laut. Ein Konzept soll her. Ob Maradona in diesem eine Rolle spielt, ist mehr als fraglich. Auch wenn ihm bei der Rückkehr größere Aufmerksamkeit zuteil wurde als José Pekerman 2006 und den Tieren im Zoo von Buenos Aires.
erscheint am 12. Juli 2013.
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