Plastikbomber über Köln

Englische Fans spielen mit alten Animositäten und Klischees aus dem Zweiten Weltkrieg
Gastautor | 24.06.2006

Die wilde Horde kam am Nachmittag. Während in der Innenstadt von Köln Zehntausende von deutschen Fußballfans den 3:0 (2:0)-Erfolg über Ecuador und den damit verbundenen Sieg in der Gruppe A feierten, richteten sich Ordnungshüter und Caterer auf der rechten Rheinseite ("Schäl Sick") in Köln-Deutz auf einen in Deutschland bis dahin nicht gekannten Ansturm englischer Fußballfans ein. Mehr als 60.000 Engländer waren in die Domstadt gekommen, davon allein 40.000 ohne Tickets für das WM-Stadion in Müngersdorf. Am Deutzer Ufer waren für die Engländer eigens zwei Großbildwände installiert worden. Die Wiesen dort sahen aus wie bei einem Rockfestival oder wie zuletzt im Sommer 2005, als Papst Benedikt XVI. zum Weltjugendtag nach Köln gekommen war und mehrere hunderttausend Besucher angelockt hatte. Die Engländer campierten am Rhein, während es sich ein Gutteil der ca. 15.000 angereisten Schweden am Aachener Weiher in Zelten und Wohnmobilen bequem gemacht hatte. Ein Hotelzimmer oder eine Pension in Köln zu finden war in der vergangenen Woche ungefähr so schwierig, wie einen Düsseldorfer Altbiertrinker in der für ihr süffiges Kölsch berühmten Metropole anzutreffen.

Dass zumindest einige Engländer auch mehr als 60 Jahre nach der deutschen Kapitulation noch immer mit den Deutschen auf Kriegsfuss stehen, ließ sich an vielen Fanartikeln und Souvenirs erkennen. Im Vorfeld der WM hatten sich die englischen Boulevardzeitungen im Vergleich zu früheren großen Turnieren wohltuend zurückgehalten und nicht etwa, wie der Mirror dies 1996 getan hatte, englische Fußballstars mit Stahlhelmen als Fotomontage präsentiert. Lediglich ein mehr als peinlich einzustufender "Deutsch-Kurs" der "Sun" ("Der Fußball kommt nach Haus") sorgte bei deutschen Sittenwächtern für Ungemach. Dafür hatten die Fans wieder einmal tief in die Klischeekiste gegriffen. Mehrere englische Anhänger hatten aufblasbare Jagdbomber, Modell "Spitfire", mit nach Köln gebracht, die sie ziemlich ungelenk über den Köpfen der wartenden Menge jonglierten. Wieder andere trugen Stahlhelme der britischen Armee und Sturmrucksäcke, unverbesserliche Hardliner hatten weiße "Wehrmachtshelme" aus Plastik mit rotem Kreuz aufgestülpt. "Bring on the Krauts" - Her mit den Deutschen.

Das einträglichste Geschäft mit deutsch-feindlichen Fanartikeln machten jedoch fliegende Händler, die vor und nach dem Spiel auf der Deutzer Brücke seltsame T-Shirts anboten und reißenden Absatz fanden. Die sinnfreie Aufschrift, die - frei übersetzt - von "zehn deutschen Bombern" erzählte, die "von der Royal Air Force abgeschossen wurden und "2006 bei der WM erneut geschlagen werden", griff in gewohnt rückständiger Denkweise und ziemlich humorlos noch einmal die Luftschlacht um England (1940/41) auf. Das 2:2-Endergebnis verhinderte am Ende zum Ärger der englischen Fans ein Aufeinandertreffen mit den Deutschen im Achtelfinale, die Straßenhändler auf der Deutzer Brücke machten dennoch ein überragend gutes Geschäft. Auf der Insel zählt eben nicht die Abbaufähigkeit von Klischees, sondern man favorisiert deren endlose Wiederverwertbarkeit. Schade drum.

Carsten Germann, Köln

Referenzen:

Rubrik: WM-Tagebuch
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