Platini und die Kanzlerin

cache/images/article_971_angi_140.jpg Deutschland steht im EM-Finale und die fußballbegeisterte Regierungschefin Angela Merkel stiehlt allen die Schau. Zum Leidwesen ihrer Kritiker.
Carsten Germann | 26.06.2008
Michel Platini wirkte ein wenig deplaziert. Der UEFA-Präsident aus Frankreich saß auf der Ehrentribüne des St. Jakob-Park in Basel denkbar ungünstig: Zwischen der deutschen Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel (CDU) und dem türkischen Präsidenten Abdullah Gül.

Und fast hatte es den Anschein, dass der einstige Weltklassespieler die sich gerade entspannenden deutsch-türkischen Beziehungen belasten wollte. Denn beim Versuch, sich vor und während der Partie angeregt zu unterhalten, saß bzw. stand Gül und Merkel immer wieder einer im Weg: Michel Platini. Wie ein Partygast, mit dem man nichts rechtes anzufangen weiß.

Spaßbremse Platini gab dann im Verlauf der 90 Minuten nicht gerade den charmanten Plauderer. Mal schaute er verlegen zu Boden, mal telefonierte er, mal übte er sich in Denkerpose. Selbst sein Versuch, mit dem neongelben »Unite against Racism«-Leibchen die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, scheiterte. Die beiden Fachsimpler Gül und Merkel waren nicht aus der Ruhe zu bringen. Inbrünstig sangen sie die Nationalhymne mit und beim Torjubel sah man »Angi« und Gül natürlich in der Großaufnahme.

In Deutschland sorgt die Dauerpräsenz der Fußball-Kanzlerin auf der Ehrentribüne für jede Menge Gesprächsstoff. Merkels Tete-a-Tete mit dem türkischen Kollegen war der Rheinischen Post sogar eine eigene Bildergalerie wert. Die mitunter unfreiwillig komisch wirkende Kanzlerin genießt zur EM beinahe mehr Aufmerksamkeit als das kickende Personal von Joachim Löw.

Kritiker vermuten jedoch ganz andere Absichten hinter Merkels Fußball-Begeisterung. Schon beim Österreich-Spiel, bei dem man sie Seite an Seite mit ihrem Amtskollegen Alfred Gusenbauer sah, hatten Pessimisten die Nase gerümpft: »Ja ist denn jetzt schon wieder Wahlkampf?«, lästerte der Stern, »mit ihrem halben Kabinett hatte sich Kanzlerin Angela Merkel auf den Weg nach Wien gemacht. Zum Dank wurde sie ein gutes Dutzend Mal ins Bild gehoben, adrett gekleidet im fidelen Oranje-Blazer.« Dabei hält sich Merkel nur an Bewährtes: Schon ihre Amtsvorgänger Helmut Kohl und Gerhard Schröder wussten, dass sich der Stadionbesuch gut für die Wiederwahl macht.  

Den Merkel-Gegnern bleibt jedoch nicht viel Zeit zum Durchatmen. Am Sonntag wartet beim Finale der nächste Show-Act von »Angi«. Vielleicht kann ihr Monsieur Platini dann auch seine bahnbrechende Idee von der EM-Austragung im August näher erläutern. Wir sind gespannt.

Referenzen:

Rubrik: EM Tagebuch
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