Plausibel verklickerte Fananliegen

cache/images/article_1163_brigata01_140.jpg Nach ihrem erfolgreichen Kampf gegen Hannes Kartnig ernten die Fans von Sturm Graz die verdienten Früchte. Die Kurve ist voll und das Klima mit den anderen Stadionbesuchern von Respekt geprägt. Oliver Parfi von der Brigata Graz spricht im ballesterer-Interview über den Imagewandel der Sturm-Fans, sein Verhältnis zur Politik und die Grenzen der Selbstinszenierung.
Emanuel Van den Nest | 10.02.2009
ballesterer: Wie würdest du das Verhältnis zwischen der Fankurve und dem restlichen Stadion bei Sturm beschreiben? Und wie schauts innerhalb der Kurve aus?
Oliver Parfi: Oft gibt es in den Stadien eine starke Abgrenzung zwischen den Leuten in der Kurve und dem Rest. Bei Sturm ist das anders. Bei uns ist es nicht wichtig, wie man seine Leidenschaft auslebt, ob man lieber sitzt oder lieber springt. Alle sollen den Verein auf ihre Art und Weise unterstützen, weil sie ja meistens dasselbe wollen. Ich glaube, es gibt wenig Stadien in Österreich, bei der die Längsseite sich so stark in den Gesang und in den Support einbeziehen lässt. Auch auswärts funktioniert das ganz gut, da findest du nicht nur die klassischen Kurvenbesucher. Bei uns singt einfach jeder mit. Die Trennung, auf die du anspielst, gibt es bei Sturm nicht, und es wird auch darauf geachtet, dass es sie nicht gibt. Bei uns stehen die Ultrà-Gruppen nicht so stark im Vordergrund. Das »Ultras! No Fans« ist meiner Meinung nach nicht notwendig. Natürlich haben wir uns am Weg der Italiener orientiert, aber es gibt auch Leute, die mit Ultras nichts anfangen können oder den englischen Support lieber haben. Es ist uns relativ gut gelungen, das alles unter einen Hut zu bringen, ohne dabei unsere Ecken und Kanten zu verlieren oder unsere Ideale aufzugeben.

Gibt es Ereignisse, die diese Entwicklungen besonders geprägt haben?
Ausschlaggebend war der Konflikt mit Hannes Kartnig. Das war eine Art Reifeprüfung. Wir haben uns im Laufe der Zeit Akzeptanz verschafft. Vorher waren wir »die Buam hinterm Tor«. Die Leute haben uns gemocht, weil gute Stimmung war, aber skeptisch beäugt, wenn Kritik geäußert wurde. Durch die Kartnig-Geschichte haben sie dann gemerkt, dass eine gewisse Ernsthaftigkeit dahinter steckt und unser Weg der richtige ist. In diesen schwierigen Zeiten sind wir zusammengewachsen.

Wie werden bei euch Choreografien, Transparente oder Gesänge organisiert?
Wir haben ein Gremium mit Vertretern der Gruppierungen Brigata, Sturmflut und Jewels, das sich in regelmäßigen Abständen trifft. Entscheidungen werden teilweise aber relativ spontan gefällt. Wenn jemand im Auswärtsbus einen Fansong kreiert, der bei den anderen Gruppen auf Gefallen stößt, dann singen wir ihn einfach beim nächsten Spiel. Nicht alles wird bis ins kleinste Detail durchgeplant.

Gibt es Vernetzung zu Ultras oder Fangruppen anderer Vereine?
Persönliche Kontakte hat natürlich jeder. Fanfreundschaften sind in Österreich aufgrund der Rivalitäten zwischen den großen Vereinen nicht existent. Wir haben Kontakt zu Leuten aus Pisa, Carrara, Karlsruhe und was die Sturmflut betrifft zu Bremen.

Wie stehst du zum spielunabhängigen Support?
Wenn die Selbstinszenierung nicht im Vordergrund steht, ist der Support besser. Es muss eine gewisse Organisationsstruktur geben, damit man mehr rausholen und eine bessere Atmosphäre ins Stadion bringen kann. Aber natürlich sollte der Support aufs Spielgeschehen eingehen. Wenn die Mannschaft 0:5 hinten ist, dann sollte man nicht singen, als ob man 10:0 vorne wäre. Nehmen wir zum Beispiel das Match gegen Rapid im vergangenen November. In der Schlussphase war die ganze Kurve so angespannt, dass niemand daran dachte, lange Lieder anzustimmen. Ich halte auch nichts davon, immer dasselbe durchgestylte Programm an Sprechchören um jeden Preis durchzupeitschen, weil dann kein Platz mehr für Spontaneität und Individualität vorhanden ist. Man sollte einen Mittelweg finden.

Was verstehst du unter dem Begriff »Moderner Fußball«?
Fußball ist ein Business, das sich mit Idealismus und Sentimentalität nicht immer vereinbaren lässt. Wo viel Geld dahinter steckt, versucht man, die Fans mundtot zu machen. So ist der Zeitgeist, das beschränkt sich nicht nur auf den Fußball.

Mit welchen Maßnahmen versucht ihr, diesem Zeitgeist entgegenzuwirken?
Wir versuchen, uns in den Klub einzuklinken, wenn wir der Meinung sind, dass die Vereinsführung nicht richtig liegt. Momentan besteht trotz einiger Baustellen relativ wenig Grund zur Unzufriedenheit. Wir haben zum Beispiel die Fanartikel und das Wappen mitgestaltet und man hat gesehen, dass sich die Leute damit besser identifizieren können, wenn die Sachen nicht mehr blau oder orange, sondern schwarz-weiß sind. Auch bei der Kartenpreispolitik haben wir mitgewirkt. Wenn ich vernünftige Kartenpreise anbiete und die Leute längerfristig an den Klub binden kann, dann habe ich unterm Strich mehr davon. Wir haben nun so viele Abos wie nie zuvor und die Kurve ist immer voll, egal bei welchem Spiel. Eine gut organisierte Fankurve sollte darauf schauen, dass die Vereinstraditionen, die Interessen der Stadionbesucher und Vereinsmitglieder gewahrt bleiben. Ansonsten besteht die Gefahr, dass sich niemand darum kümmert.

Welche Rolle spielen die Leute auf der Längsseite?
Viele Leute machen sich keine Gedanken, wenn sie ins Stadion gehen. Die wollen einfach ihren Spaß haben. Man muss sensibel sein, wenn man auf andere Leute zugeht und ihnen seine Anliegen plausibel verklickern will. Nur billige Propaganda und Transparente gegen den »Modernen Fußball« reichen da nicht. Man muss Verständnis haben, dass ein Verein Geld braucht und Lösungen anbieten.

Viele Fangruppen bezeichnen  sich als unpolitisch. Kann bei eurem Engagement für den Verein und die Traditionen davon überhaupt die Rede sein?
In unserer Kurve stehen 3.000 Leute, da gibt es viele verschiedene politische Ansichten, die nicht unter einen Hut zu bringen sind. Das kann ich in Livorno, das traditionell dunkelrot ist. Aber in Graz geht das nicht. Eine Kurve in Österreich muss meiner Meinung nach offiziell unpolitisch sein. Wobei das ist eine problematische Geschichte, weil im Leben eigentlich alles politisch ist. Es muss gewisse Werte geben. Für uns ist es zum Beispiel wichtig, Aktionen gegen Rassismus zu unterstützen. 

 

Das Verhältnis zwischen den verschiedenen Fangruppen in Österreichs Stadien wird auch in der aktuellen ballesterer-Ausgabe thematisiert. Lesen Sie dazu den Artikel »Gemeinsam statt einsam« sowie den Kommentar »Ruhestörung« von Jakob Rosenberg.

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
ballesterer # 121

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