»Plötzlich war ich Kennedy«

cache/images/article_1565_mischa_140.jpg Michael Petrovic ist derzeit der erfolgreichste österreichische Trainer im Ausland und erhält in Japan jene Wertschätzung, die ihm in Graz lange Zeit versagt geblieben ist. Im Interview mit dem Klubmagazin SturmEcho spricht der langjährige Sturm-Spieler und -Trainer über haltlose Manipulationsgerüchte, rauschende Spielerfeiern bei Sanfrecce Hiroshima und den Verein, dem sein Herz gehört.
SturmEcho: Herr Petrovic, Sie sprechen von sich sehr gerne in der dritten Person. Ist das eine Art Markenzeichen?
Michael Petrovic: Ja, das ist mir passiert.
Ist Ihnen der Trainerjob in Japan auch passiert? Anders gefragt: Warum wollten Sie unbedingt weg von Sturm?
Für mich war die Manipulationssache noch immer im Kopf. Diese Vorwürfe, sie haben mich so verstört. Wie kann so etwas in einem demokratischen Land passieren? Ich habe als Mensch keine Rolle gespielt. Meine Familie, meine beiden Töchter niemand hat an sie gedacht. Meine Tochter kam zu mir und sagte, dass sie nicht mehr in die Schule gehen will. Ich war plötzlich Kennedy, auf den Titelseiten der Zeitungen. Ohne Beweise, ohne irgendetwas. Und als sich dann herausgestellt hat, dass man den Prozess einstellen musste, konnte man die Meldung gar nicht finden, weil sie nur so klein abgedruckt wurde.
Können Sie sich erklären, wie es zu den Anschuldigungen gegen Sie wegen angeblicher Spielmanipulationen kam?
Wissen Sie was das Problem ist? Ich bin ein Jugo, ein Mensch zweiter Klasse.

Bei Sturm waren Jugos aber lange Zeit begehrt.
Sturm Graz hat sogar jahrelang gelebt von den Jugos. Jetzt ist aber die deutsche Mentalität gefragt. Dabei sind es doch genau die Eigenschaften, die man den Jugos zuschreibt, die den österreichischen Fußballern fehlen. Der Spielwitz, die Ideen.

Kommen wir zu Ihren Ideen. Wie gewinnen Sie Autorität bei den Spielern?
Durch Disziplin und Konsequenz, fachliche Überzeugungskraft und menschliches Handeln. Das ist individuell. Für mich ist wichtig, als Trainer gut am Feld zu arbeiten. Die Spieler müssen sehen, dass sie etwas von einem Trainer lernen können. Und sie müssen ihm vertrauen. Ich versuche auch, den Spielern ein Verständnis für ihren Beruf zu vermitteln.

Wie sieht dieses Verständnis aus?
Ich habe als Trainer noch nie zu jemandem gesagt, dass er um 20 Uhr schlafen gehen muss, oder um 7 Uhr aus dem Bett raus muss. Ich gebe meinen Spielern immer mehrere Stunden Zeit, um zu frühstücken. Wenn einer um 7 Uhr aufstehen will, soll er das machen. Sie müssen lernen, selbst zu entscheiden. Abgesehen davon glaube ich, dass die Zeit der strengen Trainer vorbei ist. Es ist zu viel Geld im Spiel. Früher musste man Angst um seine Existenz haben, wenn einem ein Trainer mit dem Rauswurf gedroht hat. Heute haben die Spieler genug Geld.

Hatten Sie Angst um Ihre Trainerexistenz? Ihre Zeit bei Sturm war ja eine schwierige.
Ich habe viel gelernt. Damals war ich wahrscheinlich der einzige Trainer, der ohne richtigen Vertrag gearbeitet hat. Aber im Gegensatz zu vielen anderen war ich immer der Meinung, dass es eine sehr gute Entscheidung war, so zu arbeiten. Ich wusste, dass ich ein guter Trainer bin. Und ich wollte es allen beweisen. Allen, die gegen mich waren und gesagt haben, dass ich nur eine Notlösung sei. Dann war ich drei Jahre bei Sturm und am Ende kam Hannes Kartnig mit einem tollen Angebot zu mir. Er wollte unbedingt, dass ich bleibe. Ich hab es beendet, bei ihm zu Hause. Kein Geld der Welt hätte diese Entscheidung verändert.  
Sie haben immer die Ansicht vertreten, dass Fußball in erster Linie ein Spiel ist.
Dahinter stehe ich noch immer hundertprozentig. Man kann im Fußball auf zwei Arten Erfolg haben. Man kann den schnellen Erfolg haben, der aber destruktiv ist. Der andere Weg ist, mit schönem Fußball erfolgreich zu sein. Natürlich dauert das länger und ist wahrscheinlich auch riskanter. Deine Mannschaft muss Chancen kreieren, aber das ist schwieriger und braucht viel mehr Kraft und Zeit. Da braucht man gute Technik und große Beweglichkeit. Körperlich und geistig. 

Haben Sie in Japan dieses Risiko genommen? Welchen Fußball spielt ihr Team Sanfrecce?
Ich habe über zwei Jahre dafür gekämpft. Heute gilt Sanfrecce aber als Team, das einen ganz anderen, neuen, schönen Fußball spielt. Generell kann man in Bezug auf die Art des Spiels in Japan einen Unterschied beobachten. Früher war das Ziel auch von japanischen Nationalmannschaften , dass man kein Tor bekommt, zu Null spielt. Heute ist das anders. Ein wesentlicher Faktor, der diese Entwicklung beschleunigt hat, war mit Sicherheit Ivica Osim. Aber ich glaube, dass auch ich meinen Teil dazu beitragen konnte. Ein Trainer mit Angst ist kein Trainer und ein Spieler mit Angst ist kein Spieler. Ein Spiel muss ein Feiertag sein. Die Zuseher müssen zufrieden sein, meine Spieler müssen zufrieden sein und ich muss zufrieden sein. 

Ivica Osim hat einmal erzählt, dass seine Spieler in Japan ihn am liebsten vor jedem Torschuss nach Rat gefragt hätten. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?
Die jungen japanischen Spieler kommen aus diesen Fußballschulen, in denen alles sehr streng gehandhabt wird. Die sind oft sehr eingeschüchtert. Ich hab dann im Training nach Fehlern der Spieler »Bravo« gerufen, wenn sie einen gefährlichen, aber klugen Pass spielen wollten. Sie waren schockiert. Aber man muss im Fußball manchmal Risiko nehmen. Und natürlich muss man dann auch rechnen, dass es zu Fehlern kommt. Wenn ich immer nur links-rechts spiele, werde ich nie ein Tor schießen. Es braucht Ideen. Der Trainer braucht sie, und der Spieler braucht sie.
Wie haben Sie diesen Ernst rausgebracht?
Ich versuche schon vor dem Spiel ein bisschen Spaß, ein bisschen Witz, ein paar Ideen in die Köpfe der Spieler zu bringen. Nie könnte ich es mir vorstellen, so wie Peter Pacult zu agieren. Wir haben oft gegeneinander gespielt, er war immer lustig, wir hatten Spaß. Und jetzt höre ich, dass er als Trainer sehr streng ist. Wie geht das? Ich bin ein Mensch, der lachen muss, der Spaß haben muss. Ich kann doch nicht meine Charaktereigenschaften wechseln.

Kann man mit diesem Charakter in Japan erfolgreich sein?
Ich bin der längstdienende ausländische Trainer in Japan und ich bin der längstdienende Trainer im Verein. Das zeigt mir, dass sie zufrieden sind mit meiner Arbeit.
Wie steht es um Ihre Japanisch-Kenntnisse?
Die Sprache ist sehr schwierig. Ich kämpfe ja noch mit dem Deutsch, obwohl ich schon seit 25 Jahren in Österreich bin. Ich bin also leider kein Sprachengenie. Aber natürlich kann ich ein paar japanische Phrasen, mit denen ich die Spieler schon zum Schmunzeln bringe, zudem habe ich einen wunderbaren Übersetzer.

Wie läuft das beim Training?
Mein Übersetzer hat acht Jahre Sportwissenschaft in Deutschland studiert. Er ist wichtig. Mittlerweile weiß er, was ich denke. Er probiert auch, meine Emotionen zu transportieren.

Das Kommando »Bewegung« haben wir beim Training immer wieder gehört.
Fußball ohne Bewegung ist kein Fußball. Auch die besten Spieler der Welt Maradona, Pele, Platini haben nicht verlernt, Fußball zu spielen. Aber sie sind langsam geworden. Der beste Spieler muss seine Karriere beenden, wenn er nicht mehr laufen kann. Der Spieler mit Ball ist nicht wichtig, Spieler ohne Ball sind wichtig. Sie müssen sich bewegen, den Raum öffnen. Wenn die Spieler stehen, gibt es keinen freien Raum.

Wie beweglich waren Sie als Spieler?
Über mich will ich nicht reden (lacht). Ich habe eigentlich ein katastrophales sportliches Leben geführt. Ich hab geraucht, auch hin und wieder etwas getrunken. Deswegen sage ich auch zu den Spielern: »Es ist kein Problem, wenn ihr heute zwei oder drei Biere trinkt und morgen eure Leistung bringt.« Probleme bekommen die Spieler nur dann, wenn sie ihre Leistung nicht mehr bringen. Dann muss man sich etwas überlegen. Ich versuche, jeden einzelnen Spieler zu kennen und zu verstehen.

Mischa Petrovic wird also nie ein Alkoholverbot aussprechen?
Wir haben einen japanischen Abend gemacht, als bei der Weltmeisterschaft Japan gegen Dänemark gespielt hat. Da hat es Wein gegeben, aber auch Bier und Schnaps. Das gehört zum Leben dazu.
Zum Leben gehörte eine Zeitlang auch ihr BMW. War es früher für Sie manchmal unangenehm, mit dem BMW nach Jugoslawien zu fahren?
Nein, dieses Problem hab ich jetzt viel stärker. Damals, im sozialistischen Jugoslawien, hatte jeder einen Job. Jeder hatte genug Geld zu essen und fuhr ein Auto. Wenn ich jetzt nach Hause komme weiß ich, dass viele meiner Nachbarn keinen Job haben. Sie haben kein Geld. Da tut es mir weh, mit einem Mercedes oder einem BMW vorzufahren. Ich bin ein hilfsbereiter Mensch. Wenn ich etwas habe, dann sollen es alle haben. Ich habe auch früher als Fußballer ganz gut verdient und immer wenn ich in mein Heimatdorf gefahren bin, haben die Nachbarn gesagt, dass der Weihnachtsmann jetzt wieder kommt.
Werden Sie noch einmal zu Sturm zurückkehren?
Sturm gehört mein Herz. Ich bin immer bereit, Sturm zu helfen. Aber im Moment nicht als Trainer. Ich bin sehr glücklich in Japan. Obwohl mir manches noch immer sehr komisch vorkommt: Die Trainer essen nicht, bevor ich komme. Wenn ich mir nach unserem Training noch ein Jugendtraining anschaue, bleiben alle Betreuer da und sagen: »Der Chef geht zuerst«. Ich bin seit vier Jahren dort, und es stehen noch immer alle auf, wenn ich einen Raum betrete. Eigentlich ein Wahnsinn.

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
Thema: Michael Petrovic, Sturm Graz
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